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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-30 · Heft 13 (30.3.1900) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 13 (30.3.1900)
Date
1900-03-30
Page
Seite 147 (sequence 5)
Language
German
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147 S. I. Halberstam war aber nicht nur ein großer Gelehrter, ' sondern auch ein wahrhaft edler Mensch, ein lauterer Charakter 1 eine vornehme, echt humane Natur, der nichts Menschliches fern lag und die keine Schicksalsschläge zu beugen vermochten. Er war eine jener immer seltener werdenden Erscheinungen, wie sie eigentlich nur die Geschichte des Judenthums hervorbringen konnte. Sein Name wird unvergessen bleiben und sein Andenken wird mit Ehren fortleben in der Geschichte der jüdischen Wissenschaft, die er während seines arbeitsreichen Gebens mit so großen Schätzen bereichert hat. 4 Herr Stöcker rührt sich wieder, und abermals ist es die klassische Tonhalle, der Schallplatz seiner alten Triumphe, wo er seine neuen Witze macht. In der letzten Volksversammlullg, die er dort abhielt, hatte er ben Muth, folgenden Satz zu leisten: „Man kaml ja über solche Dinge verschiedener Meinung seill, wie man sie aber in den Witzblättern so lächerlich machen kann, verstehe ich nicht. 90 Prozent dieser Witzmacher stamlnen übrigens aus dem Orient! (Sehr richtig!) Man muß wirklich fragen: Haben denn diese Menschen ben Verstand verloren, haben sie gar fein Gewissen mehr? Aber hinter dieser Welt der Unzllcht. welche auf die Sinnenlust speknlirt, stehen Leute, die weder derltsch noch christlich silld. (Lebhafter Beifall.) Das sind dieselben Leute, welche Mädchen in schlechte Häuser verkaufen." Wir haben llicht das Mandat, die deutschen Witzblätter zu vertheidigell. Diese werden es dem Herrn Stöcker schon besorgen, daß er sie mit den russische!: Mädchenhändlern auf eine Stufe stellt oder gar identifizirt, was noch possierlicher ist. Die Behauptung übrigens, daß 90 Prozent ihrer Redakteure Juden seien, steht genau auf der Höhe aller anderen Behauptungen, durch die der fromule Herr seit feinem ersten öffentlichen Auftreten Aufsehen ulld Verwunderung erregt hat. 4 Uebereinstilumend berichten die politischen Blätter, daß dem Bundesrathe ein Nachtragsetat für Elsaß-Lothringen zugegangen sei, in welchem für einmalige Ausgaben 300000 Mk. gefordert werden zur Gewährung von Zulagen an solche Geistliche und Religiousdiener, deren Einkommen als unzureichend zu erachten ist, und zwar für den katholischen Kultus 214000, iür den protestantischen 78000 und für beit israelitischen sooo Mark. Die Bemessung der Zulagen erfolgt durch das Ministerium im Einvernehmen mit den kirchlichen Oberbehörden. Die Religionsgemeinschaften sollen später das Recht erhalten, ihren Angehörigen behufs Bestreitung kirchlicher Bedürfnisse cine besondere Abgabe aufzulegen. Die Vertheilung unter die drei Kulte soll nach dem Verhältniß der im Etat ausgeworfenen Gehälter der Pfarrer, Hilfspfarrer und Rabbiner erfolgen, so daß sich für jeden Kultus die entsprechenden staatlichen Leistungen um den gleichen Prozentsatz erhöhen. Diese Mittheilung bringt m Wesentlichen nichts Neues, aber es erscheint uns doch wichtig, darauf hiuzuweisen, iuie im Reichsland die Parität der Kulte zur Durchführung gelangt, während in anderen Staaten der Rabbiner überhaupt nicht einmal vom Gesetz als Beamter urerkanut wird. Es wäre Sache des Rabbinerverbandes, unablässig und unermüdlich die maßgebenden Faktoren auf diese Anomalie hinzuweisen. 4- Wie man aus Wien berichtet, hat der österreichische Ministerpräsident v. Koerber gestern eine jüdische Deputation unter Führung des Abgeordneten Auspitz empfangen und auf deren Bitte, die den Staatsangehörigen israelitischer Konfession staatsgrundgesetzlich gewährleistete Gleichberechtigung zu wahren und die dagegen gerichtete Bewegung abzuwehren, geantwortet, die Regierung mache sich die strikteste Beobachtung der Staatsgrundgesetze auch gegenüber den Israeliten zur Pflicht und werde allen Verletzungen derselben entgegentreten. Zum Schluß richtete der Ministerpräsident an die Deputation das Ersuchen, eventuelle Beschwerden ihm selbst unverzüglich zur Kenutniß zu bringen. Inzwischen aber hat die österreichische Regierung einen Schritt gethan, der geeignet.^ erscheint, das Regiment der Christlich-Sozialen in Wien, der Lueger und Genossen, ans kauul absehbare Zeit zu verlängern. Nach der halbamtlichen „Wiener Abendpost" ist der Gesetzentwurf betreffend das neue Statut und die neue Gelueinde-Wahlordnung für Wien sanktionirt worden. Wie dieser Beschluß von der Bevölkerung aufgenolnmen worden ist, darüber fehlen noch die Nachrichten. Aber daß au demselben Tage eine jüdische Deputation mit beruhigenden Worten abgespeist wurde, ist für die österreichischen Verhältnisse recht charakteristisch. Man will es eben mit keiner Partei verderben und darum wird vergnügt fortgewurstelt. 4 Das französische Ministerium hat sein Schlachtenglück in der Kammersitzung vom 22. d. M. gegenüber den vereinigten Antisemiten wieder erprobt. Es handelte sich um eine Nichtigkeit: aber die Art, wie der Fragesteller, Graf dAulan, ein richtiger „Weißuelken"-Typus, die Dekorirnng des in der Pariser Welt wohlbekannten Bekleidungskünstlers Pacquin, der eigentlich Isidore Jacob heißt und Jude ist, erörterte, brachte die Kammermehrheit bereits stark ins Wanken. Herr Millerand, von dem die Dekorirnng Pacquins ausgegaugen und auf den der Angriff d'Autaus zunächst gemünzt war, behandelte in seinen Erwiderungen die ganze Sache mit großen: Ernst. Interessant ist aus der Rede Millerands namentlich der Schluß: „Soll ich mich mm auch noch so lveit erniedrigen, uiicl) zu entschuldigen, daß ich Pacquin dekorirt habe, obgleich er Jude ist?" (Lebhafter Beifall links.) Glücklicherweise hatte er aber einen Pfeil in seinem Köcher, auf den die Violinisten nicht gefaßt wäret:: er konnte feststellen, daß Herr Boucher, der Hat:delsll:it:ister des Kabinetts Mölme, demselben Pacquin, dessen Ordensunwürdigkeit d'Aulan behauptete, drei verschiedene Ehrenätnter verliehen hatte. Damit war die Schlacht gewonnen und mit 55 Stimmen Mehrheit beschloß die Kammer die einfache Tagesordtumg, derer: Annahme die Regierung verlangt hatte. 4 Ein hervorragender italienischer Forscher, Enrico Ferri, hat sich von einem rumänischet: Journalisten über Antisemitismus und Juden interviewen lasset:. Wiener Blättern entnehmet: wir über diese interessante Unterhaltung Folgendes: „Besteht in Italien eine antisemitische Partei?" „Glücklicherweise nein." sagte der Gelehrte, sichtlich erfreut, eiue solche Autwort ertheilen zu könne«. „Was deutelt Sie über ben Antisemitismus?" „Ich denke, daß er eiu atavistischer Ausbruch ist. Ter moderne Mensch sühlt noch in seiner Seele den alten Haß erwachen. Dies ist die Grundlage des Autisemitisntus, tvelchent noch gewisse ökonomische

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