Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1900)
- Date
- 1900-03-30
- Page
- Seite 146 (sequence 4)
- Language
- German
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146 den einer zählenden Uebergangsepoche zu besseren und lichteren Tagen richtig aufzufassen, wir sollen ferner daraus lernen, den Werth und die Bedeutung der Geistesarbeit zu erkennen, die uns jene tröstende Ueberzeugung gewähren muß, daß das Reich des Idealen auf den Trümmern der Kämpfe und Verirrungen unserer Zeit dermaleinst seinen Thron errichten wird, und endlich sollen wir daraus lernen, daß es die Aufgabe der nächsten Zukunft sein muß, das Materielle geistig aufzusassen, es geistig zu durchdringen und zum Träger und Werkzeug der Ideale zu machen. Denn die Arbeit unseres Jahrhunderts bereitet doch nur den Boden vor, auf welchem in einem künftigen ideale Saaten ausgestreut und hoffentlich besser gedeihen werden als in unserer Zeit. Kaum kann man es sich heute vorstellen, daß die Menschheit „trotz alledem und alledem" in aufsteigendem Fortschritt begriffen sei und noch weniger kann man es sich vorstellen, daß die Ideen, welche unsere Propheten ausgesprochen, in absehbarer Zukunft zur Herrschaft gelange» werden, denn die Menschheit, wie weit sie auch in religiöser und wissenschaftlicher Erkenntniß gekommen, steckt doch im Leben größtentheils noch im tiefsten Heidenthnm. Während der heidnische Egoisnms in der Idee als schlecht erkannt und verworfen wird, ist er noch immer und heute mehr als je die Grundlage der modernen Gesellschaft, das Lebensprinzip des Individuums. Ja noch mehr. Aus den Jch-Menschen ist jetzt gar der Uebermensch gefolgt mit seiner Herrenmvral und seinem aristokratischen Zukunftsideal, das die Umwerthung aller Wertste in Aussicht stellt. So ist die unermeßliche Verwirrung aller Begriffe und Anschauungen in Religion und Moral, in Politik und Wissenschaft, in Lehre und Leben aus den höchsten Punkt gediehen. Vielleicht aber ist von diesem Punkte aus eine Umkehr näher als man glauben und hoffen dürfte. Wenn ivir uns nun fragen: aus welchem Wege wird die Menschheit zu diesem Ziele des Fortschritts gelangen, der die Gleichheit des Rechts, die persönliche Freiheit und die Ausgleichung aller Schäden in der Gesellschaft als ihr Ideal anerkennt, so müssen wir immer wieder auf unsere alten Propheten zurückgreisen, die uns ihr erhabenes Programm in klaren und nicht mißzuverstehenden Worten auseinander gesetzt haben, um daraus die Ueberzeugung zu gewinnen, daß es dem Materialismus niemals gelingen kann, die Ideale zu erdrücken und aus der Welt der Menschen zu schaffen, sondern daß es gerade der Geistesarbeit vor allem Vorbehalten bleiben muß, die beiden großen Weltanschauungen in eine höhere Einheit aufzulösen. Blicken wir nur tiefer in diese gährende Zeit hinein, so sind die Klagen über den schwindenden Idealismus doch nur einseitig und äußerlich, zumeist der Ausdruck dessen, was dem Individuum sich fühlbar macht. In der That hat der Fortschritt der Menschheit in aussteigender Linie in unserer Zeit trotz aller Hemmnisse und Kämpfe große und gewaltige Erfolge zu verzeichnen, Ersolge, die uns den Glauben an eine Zukunft wiedergeben müssen, wenn ivir ihn verloren, wenn er uns im Gedränge des Lebens abhanden gekommen. Wer sich nur den geschichtlichen Blick nicht trüben läßt durch die widersprechenden Erscheinungen der Gegenwart, der sieht in den lvilden Kämpfen, die unsere Zeit bewegen, nur die Vorboten jener großen Weltanschauung, die unsere Propheten zuerst verkündigt haben; er sieht, daß jene Ideale, denen sich nachher alle großen Denker und Dichter zugewendet, keine Fiktion, keine blasse Theorie, sondern aus wirklicher Erkenntniß des ganzen menscheugeschlechtlichen Lebens, aller Strebungen des Menschengeistes hervorgegangen sind. Die Gegensätze sind in unserer Zeit greller als je gepaart; um so eher darf man nach unwandelbar geschichtlichen Gesetzen ans ihre Ausgleichung hoffen. Im Grunde genommen lvaren die Kämpfe immer da, aber die Hoffnung ans den Sieg war für die Partei des Fortschritts vielleicht noch niemals so begründet als gerade in unsere» Tagen. Unsere Aufgabe muß es iinmer bleiben, den Zagenden Muth znzusprechen, den Irrenden den rechten Weg zu weisen und die alte Fahne hochznhalten. Das Größte, was die Menschheit in nächster Zukunft zu erstreben hat, liegt gar nicht innerhalb der bestehenden Gesetze, sondern es ist die immer mehr durchdringende Erkenntniß des Wahren und des Rechten. An dieser Aufgabe kann Jeder nach seinem Theile Mitarbeiten. Für uns als Juden aber erwächst aus den Worten des greisen Reichskanzlers der Trost, daß wir mit unserem Glaubeil an derr Fortschritt der Menschheit auch in unserer Zeit des Klassen-, Rassen- und Massenhasses Gott sei Dank nicht allein dastehen. Die Gemeinde derer, die diesen Glauben im Herzen träger«, wird immer größer werden. Und mit ihrer Ausbreitung wird auch der Haß schwinden gegen den Stamm, dessen Lehrer zuerst diesen Fortschritt verkündigt haben. Diese Ueberzeugung muß uns Trost und Zuversicht gewähren in den Kämpfen unserer Zeit. Nie Woche. Berlin, 27. März. ie Wissenschaft des Judenthums hat einen großen, ja unersetzlichen Verlust erlitten. Am 24. d. Mts. ist nach längerem Leiden zu Bielitz in Oesterreichisch-Schlesien Herr S. I. Halberstam im 68. Lebensjahre gestorben. Von Beruf Kaufmann, hat der Dahingegangene, der aus einer alten Gelehrtenfainilie Krakaus stainmte, schon in jungen Jahren mit der Sammlung einer Bibliothek begonnen, die mit der Zeit zu einem rechten Archiv der Wissenschaft des Judenthums geworden war. Die seltenen Schätze dieser großartigen Bibliothek stellte er Jedermann mit einer Liberalität ohne Gleichen zur Verfügung, aber er selbst hat wohl diese Bibliothek am fleißigsten benutzt. So erwarb er sich eine geradezu phänomenale Kenntniß der jüdischen Litteratur des Mittelalters, ein Wissen, das in seinen gelehrten Editionen von philosophischen und exegetischen Werken Abraham ibn Esras, Hillel's aus Verona, Jomtob's den Abraham und das Jehuda Barzilai, sowie in zahlreichen wissenschaftlichen Aufsätzen für alle gelehrten Zeitschriften aus diesem Gebiete seit mehr als einem halben Jahrhundert, und in einer imponirenden Fülle von Beiträgen, Anmerkungen, Ergänzungen und Berichtigungen zu den Werken und Katalogen anderer, noch lange nicht erschöpfend zum Ausdruck kam. Es sind in den letzten 50 Jahren nur wenige wissenschaftliche Werke über die hebräische Litteratur des Mittelalters erschienen, zu denen Halberstam nicht sein Scherflein beigesteuert hätte. Jeder Forscher auf diesem Gebiete wandte sich an ihn mit seinen Fragen und Zweifeln und konnte sicher sein, eine ebenso befriedigende wie liebenswürdige Antwort zu erhalten. Auch als er sich von den Schätzen seiner Bibliothek und Handschriften trennen mußte, setzte er seine Studien und Arbeiten mit unvermindertem Eifer bis in seine letzten Lebenstage fort.