Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1900)
- Date
- 1900-03-30
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Nr. 13. Berlin, 30. Mär; 1900. eitung öes Audenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Uabüiner 19*. Ludwig Philippson-Konn. Verlags-Crpedrtion: Gerlin, Jernsalemerstr. 48/49. IAlle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-Preis: Durch Buchhandel,! Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. I Redacteur: Gustav Karpeles. ÄN^lllt. Leitartikel: Ein Trinkspruch. — Die Woche. — Der Lehrplan für den jüdischen Religionsunterricht an Gemeindeschulen. — Zweite Versammlung der „Niederrheinischen Bezirkskonferrnz". — Was die Heimathskunde der Provinz Posen über die Juden erzählt. Von Moritz Grün seid in Schwersenz. — Zangwills Ghettokinder ans der Bühne. Von Professor Dr. G. Deutsch. — Feuilleton: Jüdische Sagen und Volksmärchen. I. Von Binjamin Segel. — llnser Lilteratur-Verein. — Kitter«, rische Mit theilnngen. Der Gemeirrdebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Ponitz, Breslau, Hannover, Bahreuth, Wien. — Bon Rah und Fern. Gin Trinkspruch. Berlin, 27. März. ie ein Heller Lichtstrahl inmitten der Trübungen und Wirrnisse unserer Tage, inmitten heißer llnd erregter Kämpfe um geistige wie um materielle Güter, muß der Trinkspruch auf alle Freunde des Fortschritts wirken, den der höchste Beamte des deutschen Reiches, der Reichskanzler Fürst von Hohenlohe bei dem von ihm zu Ehren der Akademie der Wisselischafien gegebenen Festnlahle seinen erlauchten Gästen gewidmet hat. In dieser Rede sagte er: „Ich bin alt gelvorden in dem Glaubell au den Fortschritt der Menschheit, an den anssteigendeil Fortschritt. Nun gestehe ich, das; lnein Glaube in den letzten Jahren etlvas erschüttert worden ist. Der natnrnothwendige Kampf ums Dasein hat in neuerer Zeit eine Richtung. eine Form angellonnnen. die an Vorgäilge in der Thierwell eriilnert mld die einen Fortschritt in absteigender Linie befürchtell läßt. Da ist es denn wohlthuend, zahlreiche hervorragende Vertreter der Wissenschaft, die Heroen der Geistesarbeit hier versamnlelt zu sehen und daraus die tröftenbe Ueberzengung zu schöpfen, daß noch genügend geistige Kraft llnd Macht vorhanden ist, um die drohende Flnth der materiellen Interessen auf ihr richtiges Maß zurückzudänniien." Die Mahnung, den Glauben an den Fortschritt der Menschheit nicht aufzugeben, kommt sehr zu rechter Zeit, und wir wünschten aus ganzem Herzen, daß sie auch auf unsere Glaubensgenossen ihre Wirkung ausüben möchte. War es doch unsere Religion, das Judenthum, welches diesen Glauben an den Fortschritt der Menschheit zuerst gelehrt hat. Während die griechischen und römischen Dichter das goldene Zeitalter der Menschheit in ihre Urzeit vorlegen, haben es die Propheten Israels für eilte ferne Zukunft verheißen, in der die Perfektibilität des Menschengeschlechts zur vollen Wahrheit werden solle. Sie glaubten all beit aufsteigenden Fortschritt und diesen Glauben habell sie nicht nur dem Volke, das sie reden hörte, eingeimpft, sondern sie haben denselben zu einem kostbaren Erbgut ihres Stammes überhaupt gemacht. Es ist nicht abznsehen, wie sich das Judenthum ohlle diesen festen Glauben hätte erhalten können. Mit Recht hat man Israel das Messiasvolk der Menschheit genannt, denn es hat den Glanbell an den Fortschritt und die Hoffnullg ans die Zukuilft der Menschheit ilnerschnttert und unüberwindlich durch die Jahrtausende getragen und zum Gemeingut aller denkenden Menschen gemacht. Die Enteil und Edlen aller Völker haben sich im Laufe der Zeit dieseul Glaubell zllgewelldet. So eristirt bereits eine llllsichtbare Geuleinde auf dem weiten Erdenrund, die ohlle äußeres Balld Nllr in der Zuversicht ans die Entloiekelullg der Menschheit gelneillsam lebt und lvirkt. Freilich, es ist feinem Volke schwerer geworden, diesen Glauben ferllzuhaltell als den Juden, und gerade in unseren Tagen ist diese Zllversicht anf den endlichen Sieg der großeil prophetischen Ideen am meisten erschüttert worden. Noch niemals hat der Materialisunls so kühn sein Hallpt erhoben als in Ullserer Zeit. Eill unerbittlicher Realisulns beherrscht die Welt; die Wissenschaft lvird nur noch in dem Grade geschätzt, ill welchem sie zum unmittelbaren Erlverb arbeitet; der Born idealer Schöpfungskraft scheint versiegt zu seill und der Jdealislllus lvird als eine Utopie allgeseheil, ebenso wie der Gedanke der Humanität, der Völkerverbrüdermlg, des ewigen Friedells. Ein ungeheurer Umschloung hat sich in beu Ansichten und Verhältnissen der Menschell vollzogen und der Egoislnus des Jlldividuums ist vielleicht noch niemals so schroff hervorgetreteil als in unserer Zeit. Auch der Rassenhaß hat seit mehr als zwei Jahrhunderten nicht so gewüthet als in den letztell zwanzig Jahren. Ill einer Zeit, in der man bei jedem Mord die alte Blutlüge wieder aufznfrischen wagt, ist es allerdings schwer, den Glauben an den aufsteigendeu Fortschritt der Menschheit festzuhalten. In einer Epoche, in welcher der rücksichtsloseste Kampf der Jllteressen das ganze öffentliche Lebell ausfüllt, erscheint es fast unmöglich, zu glaubell, daß wieder eine Epoche konllllen werde, die die drohende Fluth der materiellell Jnteressell auf ihr richtiges Maß zllrückdänlmen lverde. Welln es noch eines Zeugnisses dafür bedürfte, daß die Verwirrung der Geister ihren Höhepunkt erreicht habe, so könnte eiil solches die Thatsache ablegell, daß die Antisemiten und Agrarier die Worte des Kanzlers nun gar auf das Judenthum deuten, das auf wirthschaftlichenl Gebiete „das Raubthier sei, das auf Beute ausgehe, nur bedacht darauf, seine Gier zll sättigen unter rücksichtsloser Vernichtung anderer Existenzen." Gerade darum aber erscheint uns der Trinkspruch des greisen Reichskanzlers voil hoher Bedeutung. Wir sollen daraus lernen, den Charakter der Zeit Mld ihre Tendenz als