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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-23 · Heft 12 (23.3.1900) · p. Seite 144

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 12 (23.3.1900)
Date
1900-03-23
Page
Seite 144 (sequence 14)
Language
German
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144 Er hatte mich längst vergessen. ... Ich lvurde an diesem Abend verlobt, — ich wehrte mich nicht. Ich war wie willenlos, — wie im Schlaf. ... Ich ließ mich von dem Bräutigam, und von seinem Vater küssen, und ließ mir die Geschmeide anlegen, die sie mitgebracht hatten. Und ich trank Wein und stieß mit Allen an, — ja, ich lachte und scherzte. ... Es merkte Keiner, daß mir im Herzen etwas weh that. ... Und dann ging die Zeit hin mit Nähen und Sticken und Vorbereitungen zur Hochzeit. Anfangs dachte ich noch manchmal, er würde fein Wort wahr machen und kommen, ivenn auch als ein Jahr vergangen war. . . . Das waren thörichte Gedanken. — Er kam nicht, er schrieb an seinen Bruder und ließ mich grüßen und mir Glück wünschen, gerade als ob ich ihm eine ganz Fremde wäre. ... Er hatte die Worte längst vergessen, an die ich ein ganzes Jahr gedacht hatte in Lust und Qual. . . . Und ich war keine Träumerin, — ich war ein vernünftiges Mädchen. Ich Hab' mich darein ergeben. . . . Ich bin deinem Großvater — Gott laß' ihn selig sein! — eine brave, treue Frau gewesen und ich Hab' ihn geliebt, >vie ein jüdisches Weib muß seinen angetrauten Gatten lieben. . . . Und wie die Kinder sind nach einander gekommen, da Hab' ich überhaupt keine Zeit mehr gehabt, an Vergangenes zu denken. — Bloß >venn das Purimfest kommt und ich seh' die Masken und ich hör' die Esther und beit Haman und den Mordechai die alten Lieder singen, da wacht die Vergangenheit aus in meinem Herzen, und mir ist, als sah' ich dort an der Thür einen schönen blassen jungen Menschen stehen. . . ." „Großmutter, was ist denn aus ihm geworden?" „Ein gelehrter Rabbiner, wie er sich vorgenommen hat. — Ich Hab' ihn nicht ivieder gesehen. Er hat sich eine deutsche reiche Frau genommen nnd ist jung gestorben. Gott geb' ihm Frieden!" — Die Königin Esther nnd ihr Gefolge waren längst gegangen; andere Masken waren eingetreten. Die Thür ruhte nicht, man ließ sie schon ganz offen. Und draußen im Flur standen Kinder und Erwachsene, und ihr Lachen und Lärmen schallte herein... Die Maskirten sprangen und sangen und schrieen wie toll nnd machten gute und schlechte Witze, um ein paar Geldstücke dafür zu ernten und sie in ihr arniseliges Heim zu tragen. . . . In der Ecke saß, abseits von dem lallten Lärm, die Großmutter, Golde, die Enkeltochter, saß zu ihren Füßen auf einem niedrigen Bänkchen lind streichelte die welken Hände der Alten und flüsterte: „Großmutter, wahrhaftig, das ist eine »virkliche Liebesgeschichte ... die vergesse ich nie! Du mußt viel gelitten habe», Großmutter! —" Die Großmutter schaute sinnend in das bunte Treiben. „Alles vergeht, mein Kind, die Lust und auch der Schmerz. . . Und wenn ich denk' au mein vergangenes Leben, so freu' ich mich, daß es nicht so vorübergegangen ist, so öde und eintönig. . . . Gelitten Hab' ich, aber ich Hab' auch was Schönes erlebt, was mehr ist wie der Alltag. . . . Und nun geh', was soll der Ernst an diesem Tage? Es ist ein Freudenfest, drum sei froh und lustig, . . . denn die Jugend vergeht schnell. Alles, alles geht so schnell vorüber, die Lust und der Schmerz!" Litterarische Mitthrilungen. — Leimdörfer D r., D., Die Lösung des Kohelethräthsels durch den Philosophen Baruch ibn Baruch. Berlin 1900, Siegfried Cronbach, 156 Seiten. Die Schrift empfiehlt sich schon auf den ersten Blick als ein Versuch, auch dem Laien eines der anziehendsten Gebiete in der Geschichte unserer Bibelerklärung zu erschließen, welche meist hinter dem Stachelzaun notenüberbürdeter Promotionsschriften ein weltfremdes Dasein zu fristen vernrtheilt wird. Einer klar und lebendig gehaltenen Einführung tu das Wesen, den Zweck und die Methode des behandelten Werkes, des Doppelkommentars zu Koheleth voll Baruch ibn Barllch. Venedig 1599, folgt mit ausgiebiger Anführung der erklärten Schriftstellen die delltsche Uebersetzung des Textes. Baruch ibn Baruch stellt sich uns als homo novus unter den altjüdischen Bibelerklärern dar. Von seinen Lebensschicksalen ist so gut wie llichts bekannt. Seine Einführung in den Kreis der Bibel" sorscher verdankt er Jellinek, der ihn in seiner Arbeit „Thomas von Aguino in der jüdischen Litteratur, Leipzig 1853, S. 11", wie folgt kennzeichnet: „Rabbi Baruch ibu Baruch, ein in der griechischen wie arabischen Philosophie sehr bewallderter Gelehrter des 16. Jahrhunderts ließ ill Velledig im Jahre 1599 einen sehr umfangreichen Kommentar zum -Buch Koheleth drucken, der sehr lehrreich ist und von einer origillellen Idee allsgeht. Gestützt auf den erstell Vers des Bllches Koheleth behauptet der Verfasser, daß das Buch den Dialog darstellt zlvischell einem Skeptiker Ulid einem Gläilbigen. Sie behandeln die wichtigstell Probleme der Religionsphilosophie, und natürlich wird die Philosophie der Araber benutzt, um die beiben Helden des Dialogs mit dem nöthigen philosophischen Material zll versehen . . . Wenil der Skeptiker all der Ullsterblichkeit zweifelt, so bedient er sich derselben Einlvürfe, die Thonias in der 14. Frage seüler Schrift „lieber die Seele" nlacht; und wenn der Gläubige ihn wiederlegt. so stimmt er wieder mit den Ansichten Thomas' überein. Alls diese Weise mevbeu die quaestiones disputatae de anima (nach der hebr. Uebersetzling des Ali Habillo) all der bezeichneten Stelle beilutzt. Der Kommentar Jbll Baruchs ist überhaupt für die Kenntniß der Philosophie bei den Juden sehr lehrreich, da ihm die Geschichte der Philosophie sehr geläufig ist und er dadurch in den Staild gesetzt ist, viele Stelleil des Midrasch, die eine verhüllte Polemik gegeil griechische Philosophen enthalten, sachgenläß zu erlällterll." Die Origillalität des Verfassers besteht hauptsächlich darill, daß er den Widersprlich zwischen denl Skeptiker ulld dem Rechtglällbigen ill Koheleth, der zu beit verschiedensten Auslegungell nnd ileuerdings zur sogenannten „Glossatorenhypothese" ge-bezlv. verführt hat, durch die Annahme der dialogischen Grundfor»n des Schriftwerks zll beheben versucht. Den Skeptiker vertritt „Koheleth". den Frommell „Jbll David". Wie weit die Durchführung dieser Hypothese gelungen ist, kanll der Leser all der Halld der Leimdörser'schen Darstellllilg ohne Mühe selbst beurtheilen. Wer sich je ähnlichen Arbeiten gewidnlet, wird das Verdienst des Interpreten doppelt zu schätzen lvissen. Es ist zll wünschen, daß er lms mit weitereil Gaben seiner Koheletsorschuilgen bedellkell und, wenil nlöglich, lvie dies ähnlich für alldere Theile der heiligen Schrift geschehen ist. für dieses Bllch eine übersichtliche Znsammenstelluilg der bisherigen Erklärungen liefern möge. G. Salomo ll Buber: Jalkut Machiri. Sammlung halachischer lind hagedischer Stellen aus Talnlud ulld Midraschim voll R. Machir b. Abba Mari. Berdyczew. I. Scheftel 1899. 2. Band. Aus einem unerschöpstlicheil Schatze bietet der greise Gelehrte uns fast in jedem Jahre etlvas Neues, Jnteressalltes ltnb Wichtiges zur Midraschlitteratur. Wir verdanken Salomon Buber so viel, daß es wirklich thörickt wäre, noch ein Wort zu seineul Rllhule zu faßen. Auch die vorliegende Ausgabe einer alten Compilation alles desseil, was in talmudischer llnd midraschischer Litteratllr über die Psalmell gesagt wurde, schließt sich den früheren Editionen dieses Gelehrtell ebenbürtig ulld würdig all. Namentlich für Prediger dürfte das Werk eine reiche Fundgrube von Anregungell und Ideell bilben. Es ist zu wünschen, daß das gut ausgestattete Werk reichen Absatz fällde. Druck und Verlag von Ruvolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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