Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1900)
- Date
- 1900-03-23
- Page
- Seite 143 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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143 zu essen, oder ersteres auch nur zu berühren. Für die Priester bestanden bestimmte Eheverbote und zwar wegen ihres besonderen Verhältnisses zum Tempeldienste aus einer etwas höher gefaßten ästhetisch-religiösen Regel. Die ästhetische Moral >var in allen privaten, bürgerlichen und öffentlichen Beziehungen konsequent durchgesührt: „Wenn du ausziehst ins Lager gegen deine Feinde, so hüte dich vor jeder Ungehörigkeit (Unreinheit). Wenn unter Dir ein Mann ist, der nicht rein ist, soll er hinansgehen nach außerhalb des Lagers, gegen Abend soll im Wasser baden, und bei Sonnenuntergang darf er ins Lager kommen u. s. w." Es ist kaum zu begreifen, wie man angesichts einer so bis ins Einzelne streng durchgrsührten ästhetischen Disziplinirung durch die Bibel noch immer von einer „Forinenfeindschaft" des Judenthums reden kann. Wohl besteht eine solche Formenfeindlichkeit auf Grund des Verbotes der bildlichen Darstellung und Anbetung des Unkörperlichen. Sonst findet man doch überall in der Bibel das Streben nach Ordnung, Maaß, Regel und Symmetrie. Wenn in Rücksicht aus das erwähnte Verbot ein bildnerisches Kunstwerk von streng religiösem Standpunkte aus nur unter einem gewissen Vorbehalte geschaffen werden darf, so ist sonst gegen die Forin desselben nichts einzuwenden. Die Nudität, selbst in unscheinbarer Form, war den Priestern denn Altardienst verboten und zwar ans Opposition gegen die götzendienerischen, geschlechtlichen Orgie» der Heiden in ihren Tempeln. Aus dem gleichen Grunde war auch der Kleiderwechsel als Verkleidung zwischen Mann und Frau verböte»,, »veil diese Unsitte bei den Heiden aus Ungehörigkeiten berechnet »var. Wir sehen hier in allem die Vollkommenheit eines ästhetischen Erziehungssystems nach innere»» geistig sittlichen und äußerlichen Reinheitsverhältnissen, das ei»»em imposanten hochragenden Kristallpalaste gleicht, über dem die e»vige Sonne des reinste», keuschesten Gedankens, soivie der reinsten keuscheste»» Form in tausend Farben funkelt und strahlt. EUILLETON Königin Esther. Von Bertha Gillsberg. #111. roßmutter", sagte das junge Mädchen, als die alte Frau schwieg, „das ist ja beinahe wie eine Liebesgeschichte!" „Es ist auch eine", sagte die Großmutter, „eine wirkliche Liebesgeschichte. „Und nun weißt Dil wohl, warum ich immer lächeln muß, wenn Du von den Ronlanen erzählst, die Du gelesen hast, und so thust, als verstehe ich nichts davon.... Freilich, in den Geschichten, da sprachen sie schöne Worte und küßten sich, aber bei lins war das anders. Ich habe nur fünf Worte mit ihm gesprochen . . . aber das macht nichts aus . . . Das Innere macht's, das, lvas man im Herzen denkt und fühlt . . . Ulid im Herzen Hab' ich ihn getragen, seit jenem Tage, da ich mit ihm die paar Worte an der Treppe geredet Hab' ... Ich bin damals herumgegangen wie im Traum, Hab' gearbeitet, gegessen, gesprocheti wie im Traunl ... Jeden Abend, ivenii ich schlafen gegangen bin, Hab' ich mir seine Worte wiederholt: „Ich kouune wieder in einem Jahr". Und ich war glücklich in jener Zeit, sehr, sehr glücklich . . . Die Zeit verging . . . Der „lange David" war nochmals wieder gekonimen, aber ich schlug seinen „feinen jungen Mann" aus, und ich schlug auch noch Andere ails, die man mir antrug, so daß der Bater scholl ganz böse war. Das Jahr war herumgegangen, wieder war Purim gekonimen ... Ich hatte von dem heimlich Geliebten nichts wieder gehört. Nur soviel wußte ich, daß er in Deutschland war um zu lernen und zu studiren. Und ich wartete auf eine Nachricht von ihm und ich dachte mir: „Er hat es ja versprochen, daß er wiederkommt, und mit diesen Augen lügt man llicht!" Aber es kam keine Nachricht. Am Abend vor dem Feste sagte der Vater zu mir: „Morgen kommt der Moses Schwarzbart ans M . . . . mit feinem Sohn zur Verlobung . . Tie Sache ist schon fix und fertig, da giebt's nichts zu widersprechen!" Aber ich widersprach nicht, und der Vater ist wohl darüber sehr erstairnt geweselr. Delin sonst sagte ich immer: „Vater, ich muß doch den Mann erst sehen, den ich heirathen soll, ob er nur gefüllt!" Und der Vater hat stets darauf geantwortet: „Es ist geling, wenn Du den Bräutigam zur Verlobung siehst;^ ich und Deine Mutter, wir haben uns nicht gesehen bis zum Hochzeitstage, erst da haben wir uns zum erstenmal mit Augen geschaut. Und lvir sind doch glücklich geworden mit einander; und lvas Du da redest vom (Befallen und Nichtgefallen, das sind neumodische Dummheiterl, die für ein jüdisch Kind nicht passen!" Aber diesmal hat er das nicht gesagt, denn ich war garrz stumrn . . . Das Blrlt ist intu heiß ins Gesicht gestiegen, lvie ich den Namen gehört Hab. „Moses Schwarzbart," -- denn so hieß sein Vater. Und ich Hab' gejubelt in meinem Herzen: „So lang hat er nichts von sich hören lassen, aber nun, genau nach einem Jahre, kommt er wieder, wie er es versprochen; und er kommt gleich mit seinem Vater zur Verlobung: sie wollen rnich überraschen" . . . Und wie mich der Vater gesehen hat mit glänzenden Augen und rothen Wangen, da hat er gelacht und gesagt: „Nu, mir scheint, diesmal ist's der Rechte!" „Wie Du's machst, Vater, ist's immer recht" Hab' ich gesagt und bin.fortgelaufen, um allein zu sein mit meiner Aufregung. — miOneinenu Glück. . . ." Die Augen der Enkelin hingell mit höchster Spannung an den Lippen der Alte „Nun — und dann, Großmutter — — V „Die ganze Nacht Hab' ich wach gelegell und immer nur das Eine gedacht: „Morgell kommt er, — llnd ich werde seine Braut! — Er — — ich wußte ja nicht einmal seinen Vornamen, denll ich hatte mich nie getraut, danach zll fragen. . . Am andern Tage zog ich meill bestes Kleid an und wartete mit klopfendem Herzen, bis man mich in die „gute Stube" rief. . . . Da saßen zwei Männer, ein alter ulld ein jullger, der mit dem Rücken zur Thür saß, so daß ich ihn nicht erkenneil konnte. Aber bald wandte er sich unl und ich sah fein Gesicht, — es war nicht er, — es war sein Bruder. . . . Er, der Jüngere, aus den ich gewartet hatte ein gallzes Jahr lang, war in Deutschland und stndirte. Ulld er lvollte nicht eher in die Heimath kommen, bis eu ein großer Rabbiner geworden war ,. .