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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-23 · Heft 12 (23.3.1900) · p. Seite 142

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 12 (23.3.1900)
Date
1900-03-23
Page
Seite 142 (sequence 12)
Language
German
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Denn wenn schon das erste Meuschenpaar vor dem Sündenfalle in seinem Urzustand ganz naiv erscheint, so gilt das doch! nicht von dem biblischen Erzähler dieses Urzustandes. Ist es doch der Bibel offenbar darum zu thun, den Zauber der kindlich schlnmmernden Unbefangenheit und das spätere Erwachen aus derselben mit dem Ausdruck: „Und sie schämten sich nicht," kritisch in einem grellen Gegensatz aufzuzeigen. Aber indem die Bibel das menschliche Schamgefühl als eine psychische Eigenthümlichkeit aus dem Sündenfalle des ersten Menschenpaares herleitet, und zwar so, als ob beim Anblick des natürlichen, menschlichen Zustandes oder bei der Schilderung desselben in jeder Menschenseele das scheue Betretensein des ersten Paares als Schamgefühl über die verlorene Unbefangenheit nachzittert, bekundet di« Bibel zugleich mit voller Klarheit den ästhetischsittlichen Zweck, den sie mit allen ihren scheinbar sinnlichen Schilderungen verfolgt. Darauf ist jede Wendung in den so ausführlich erzählten Vorgängen berechnet. Und die Bibel vermeidet absichtlich die Mängel der beschreibenden Kunst. Diese bewegt sich itt der Zeit, die Worte folgen nacheinander, und bis das Bild des ganzen Vorganges vollzogen ist, haben bereits einzelne Theile desselben Vorstellungen und Eindrücke in der Seele des Lesers oder Hörers hervorgerufen, die von dem ästhetisch-sittlichen Lichte der Schlußmoral des Vorganges noch nicht verklärt wurden. Die Bibel läßt zumeist die sittliche oder ästhetische Tendenz der erzählten Verirrungen und Laster gleich im Vordergrund ahnen. Dabei ist es nicht einer ihrer geringsten Vorzüge, daß sie die Moral des erzählten Ereignisses nicht als Facit nach der einen oder anderen Seite hin festlegt, sondern für die vielseitige moralische Anwendung freien Spielraum läßt. Alles athmet hier moralische Schönheit, Kraft und Größe. Dieser überlegene' Geist einer unverrückbaren sittlichen Richtung weht durch alle Erzählungen von dein Verhalten des Philisterkönigs Abimelech gegen Sara, durch die Vorgänge in Sodom, durch die des Lot und seiner Töchter, des Juda und der Tamar, des Josef und der Frau des Potiphar und so fort bis zu dem von den glühendsten Farben umstrahlten hohen Lied der Liebe. So sinnlich auch zuweilen der Stoff in diesen Erzählungen gehalten ist, der sittliche Gedanke, auf de» sie hinausgehen, überwiegt ihn bei weitem, so daß das Sinnliche vor ihm gänzlich zurücktritt und der sich auslösende Geist seine wohlthuende Wirkung ausübt. Von Baumgarten, dem Begründer der Aesthetik als Wissenschaft, bis herab zu den jüngsten Aesthetikern wechseln die Theorien und die Definitionen des Schönen. Der Begriff des Aesthetischen ist noch immer fließend. Die Geschichte der Aesthetik lveist in der Auffassung des Schönen verschiedene Gesichtspunkte auf. Diese erscheinen aber nicht so scharf von einander getrennt, daß sich der Begriff des Schönen bestimmt definiren ließe. Die Ansichten der bedeutendsten Vertreter dieser philosophischen Disziplin haben Wandlungen durchgemacht, ohne zu dauernder Anerkennung gelangt zu sein. In den griechischen Philvsophenschulen galt, das Schöne als gleichbedeutend mit dem Guten. Wenngleich bei Baumgarten das Schöne und Gute von einander unabhängig sind, so setzt er in das Schöne doch den Zweck des Wohlgefallens und findet den Grund des Wohlgefallens am Schönen bald in der äußeren Form, bald in der Gegenwart der Idee innerhalb der begrenzten Erscheinung. Schiller definirt einmal das Schölle im Siilne der Wölfischen Schule als „die Verhüllung der Wahrheit und Sittlichkeit", das andere Mal im Sinne Kantsi „Darin besteht das eigentliche Kunstgeheimniß des Meisters, daß er den Stoff durch die Form vertilgt; je anmaßender, verführerischer der Stoff an sich selbst ist, desto triumphirender ist die Kunst, lvelche jenen zurückzwingt und über diesen die Herrschaft behauptet." Und wenn er gleich diese seine ästhetische Allsicht mit dem Epigramm besiegelt: „Bei dein Schönen allein macht das Gefäß den Gehalt" und ferner die Bemerkung macht, daß nichts mehr dem Begriff des Schönen widerstreitet, als dem Geiilüth eine bestimmte Tendenz zu geben, so definirt er doch wieder die Schönheit als die Versöhnnlig zwischen Verstand und Sinnlichkeit. Herbart und Schopenhauer leugnen das' Schöne an sich, daffelbe sei nur im menschlichen Denken vorhanden, und betrachten dasselbe vom Gesichtspunkt der Ethik als Aesthetik des menschlichen Willens. So kehren die Anschauungen in einem weiten Kreislalif wieder zu ihrem ersten Ausgangspuilkte in Plato zurück, nach lvelchem das Schöne ein Nachbild der Ideen, in deren Reich die Idee des Guten die Sonne ist. Die höchste Form der Idee ist nach dem berühmten Aesthetiker Bischer die Persönlichkeit, und deshalb ist die höchste Kunst diejenige, die die höchste, die menschliche Persönlichkeit, zunl Gegenstände Hai. Das ist nun vor allem der Standpmlkt der Bibel. Sie faßt den Menschen in der Gesammtheit seiner Verhältnisse zur Natur und zur Gesellschaft ins Auge, und mit seiner Erziehung setzt sie sich die höchste Aufgabe, die sie mit den wirksamsten Mittel»! zu lösen bestrebt ist. Sie überwacht sein Natur- und Geistesleben, belauscht mit ihrem scharfen Gehör sein innerstes Empfinden, den Pulsschlag seines Herzens, die tiefsten Regungen seiner Seele. Dann breitet sie die ganze Fülle ihrer Erfahrungen und Erkenntnisse vor ihm aus, und hält ihm damit einen klaren Spiegel vor Augen, in welchem er sein Innenleben bis in den verborgenste»! Herzkaminern und Seelenfalten betrachtet. Es regen sich in ihn» die Gefühle des Gefallens und des Mißfallens, der Befriedigung und der Scham, der Furcht lind der Hoffnung, der Zuversicht und der Zagheit, abschreckende und anziehende Bilder und Gedanken. Sie führt ihn durch Unterricht und Uebung in der Tugend von Stufe zu Stufe zur Höhe eines sittlich in sich gefestigten Charakters einpor. Die Schönheit des Innenlebens tritt in Harinonie mit der Schönheit des Außenlebens zur Bildung einer freien sittlichen Persönlichkeit inl Menschen. „Gott ist die Grundschönheit" sagt Shaftesbury, „die Schöllheit und das Gute koinmen ans ein und derselben Quelle, so daß, wenn auch die Schönheit als etwas Unabhängiges voin Guten betrachtet wird, sie doch schließlich mit dem Guten zu etlvas Untrennbarem lvird." Das ist einer der Kernpunkte der Bibel. Die göttliche Grundschönheit ist die göttliche Heiligkeit, das ist die sittliche Vollkonnnenheit, die höchste Liebe zum Guten, der stärkste Abscheu gegen das Böse. Diese göttliche Grundschönheit nachzuahmen, leitet die Bibel den Menschen an: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott." „Dem Eivigen, eurem Gotte, sollt ihr nachwandeln, ihm sollt ihr anhangen." Wie zur inneren geistigen Freiheit und Schönheit, so unteriveist sie den Menschen auch äußerlich zur ästhetischen Lebenshaltung. Für beide Verhältnisse gebraucht die Bibel in gleicher Weise den Ausdruck: „kadosch", heilig. Ans dem Begriff der Heiligkeit ist verboten, Todte zu beschwören, Weissagerkünste lind Schande zu treiben, und aus dein gleichen Begriff der Heiligkeit ist verboten. Gefallenes und Zerrissenes

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