Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1900)
- Date
- 1900-03-23
- Page
- Seite 141 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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141 Vaterlandes hängt. Von den Gebildeteren sprechen Viele ein gntes Hebräisch. Die Leute waren überglücklich, als ich mich mit ihnen in der „heiligen Sprache" unterhielt. Da kam ui» die Ecke ein ehrwürdiger Greis mit langem, weißem Bart in dnnkelrathem Kaftan. Neben ihm schritten zwei schwarzgekleidete alte Herren — es war der Oberrabbiner Rabbi Mvrdechai. Ich wurde ihm vorgestellt und wir unterhielten uns lange über Tanger und sein Ghetto. Der alte Chacham sprach ein klassisches Hebräisch mit einer Sicherheit und Feinheit, daß ich staunen mußte. Am Freitag Mittag machte ich dem Judenquartier wieder meinen Besuch. Aus den Häusern wurden große Töpfe mit dem Sabbathessen zürn arabischen Bäcker getragen, >vo sie im großen Ofen „gesetzt" wurden. Die Handwerksleute räumten in ihren Buden auf, die Bootsleute kamen vom Hafen her, die Händler und Trödler schlossen ihr „Waarenlager" und legten starke Hängeschlösser au — alles rannte und that sehr geschäftig, um dem Sabbath den Empfang zu bereiten. In den zehn Synagogen, von ivelchen ich drei der Reihe nach besuchte, wurden eine Menge Lichter angezündet — Oellichter in großen hängenden Glasschalen; in der Nahonffchen Synagoge war alles elektrisch beleuchtet. Das Innere ist höchst einfach, stillos, bescheiden wie der Gottesdienst selbst, dem jede Spur ästhetischen Empfindens fehlt. Irgend ein Mann besteigt die Empore, tritt an das darauf befindliche Gebetpult und leiert die Gebete her, nicht viel anders als da drüben im Araberviertel heute Vormittag — am Sabbath der Muhammedaner — ein Derwisch die Koransprüche „gesrmgen" hat. Die Sabbath-Psalme» wurden dagegen in hübschem Gemeindechor rezitirt, wobei die «ltspauischen uralten Melodien in interessanter Weise plastisch hervortraten. Lecho dodi gefiel mir nicht. Ueberhaupt das Ganze ist unverkennbar durch den Jahrhunderte laugen Druck verküminert — degenerirt. Nach dem Gottesdienst wurde ich von verschiedenen Familien zu Tisch geladen. Ich lehnte höflich ab, da ich an eine bestimmte strenge Diät gebunden bin, die nicht die leiseste Störung duldet. Doch mußte ich in einem Hause, in das ich trat, die eben anfgetragene Speise wenigstens verkosten. Sie schmeckte sehr gut. Am Tische saßen Großvater, Großmutter, Mann, Frau, Tochter und deren Bräutigam und noch drei Kinder des Hauses. Die Braut war reich geschmückt, besonders mit schweren Armbändern. Ihr Haupthaar war von einem seidenen Tuch verhüllt, das über den Nacken hinunter hing. Dieses Tuch ist bei den meisten Frauen g r ü n. Jetzt wurde es mir klar, warum man heute noch in Madrid und im übrigen Spanien grüne Bohnen. Judias nennt. Als ich an dem Nahonffchen Hause vorbei kam, standen die Damen — in modernsten Pariser Roben — auf dem Balkon des Hauses und hielten dort ihre Sabbath-Siesta. Mittags erging sich die Jugeild draußen an der Plaija(Strand). Die Jünglinge waren im seinen Kaftan init rother breiter Schärpe gekleidet, das sorgfältig frisirte Haar hing vorn unter dem Rand des Käppchens hervor. Die bildschönen Mädchen standen in Gruppe», führten zum Theil jüngere Geschwister an der Hand spazieren, scherzten und lachten und erwiederten sehr freundlich das „duen fBtP"! das ich ihnen zurief. Droben im Gefängniß in der Kasaba oder Kasba, wohin auch meine Führer mich brachten, begegnete ich einigen älteren Glaubensgenossen, die den gefangen sitzenden Unglücklichen den Sabbathtrost bringen wollten. Durch ein kopfgroßes Guckloch sah ich einen jungen Mann, der mir als Jude bezeichnet wurde. Auf meine Frage: „?rWi? HO" schlug er seine Augen nieder; sein Kamerad antwortete für ihn! „Kin 233" Im Allgemeinen leben Jude», Christen und Araber sehr friedlich nicht nur hier im Gefängniß, sondern auch draußen in der Freiheit beisammen. Jeder gönnt dem andern freien Raum und Bewegung, und ivenn nicht gerade gewissenlose Hetzer das Volk aufreizen, wie ja dies auch anderswo der Fall ist, so lebt das Volk hier zufrieden, bescheiden und genügsam beisammen. Dem jüdischen Friedhof machte ich auch einen Besuch. Er bietet aber nichts besonderes, als die herrliche Aussicht auf das Meer und das Gebirge. Die Grabsteine liegen alle flach auf der Erde. Die Inschriften sind bei den älteren Monumenten, die aber nicht über dieses Jahrhundert zurückgehen, nur hebräisch. Die neueren haben auch Zusätze in spanischer und einige auch in englischer Sprache. Der ganze Eindruck, den ich von Tanger bekam, war und ist für mich unauslöschlich. Es kam mir vor, als wäre die Bibel mit ihren Gestalten vor mir lebendig geivorden. Das ganze Leben und Treiben in seiner orientalischen Vielfarbigkeit I und unverfälschten Originalität, dazu das prachtvollste Frühlingswetter in der Mitte des Februar, die blühenden Bäume, das in die Aehren schießende Getreide, das herrliche Grün der Gärten und Wiesen, die Wipfel der Palmen, die über die Kuppeln und Minarets hervorragen — das alles wirkt sinnverwirrend und berückend ans den europäischen Besucher ein. Als ich einige Tage später von meinen treuen Führern wieder aufs Schiff gebracht ivurde, um nach Cadix zu fahren, da hatte ich nur den einen Wunsch: Auf Wiedersehen! Me Bibel vor dem Forum der Aesthetik. Von Dr. Ludwig Pick-Schöneberg. Sn dieserr Tagen, wo unter dein Kampf der Geister für und wider die lax Heinze der Olymp in seinen Tiefen erzittert und weiland die alten Götter sich im Grabe umdrehen, zieht sich auch um den Sinai ein leichtes Gewölk. Der von den kämpfenden Parteien aufwirbelnde Staub scheint auch seine flammenden, lichten Höhen zu trüben. In der: imposanten Protestversammlungeu, die in den deutschen Centren der Bildung lvider die aus den betreffenden Gesetzesparagraphen der bildlrerischen und der Dichtkunst drohende Gefahren stattgefunden, sind von manchen Rednern bei Verteidigung der Kunst Seitenblicke auf die Bibel geworfen worden, um darzuthun, daß konfequentermaßen auch ein beträchtlicher Theil der alten Bibel unter diese Paragraphen falleil würde. Enthält sie doch manche Stellen, in denen in weit ansgesponnenen Sceneu ein schlüpfriger Inhalt geboten werde. Und sie scheint darum für den Leser uni so gefährlicher zu sein, als sie in ihrem realistischen Erzählungstalent diese Seenen mit plastischer Anschaulichkeit in scharfell Umrissen, wie mit dem Meißel in Marmor gehauen, vor Augen stellt. Die lebeilsfrohe, aritike Naivetüt, die inan sonst dem altgriechischen Kunstgeiste bei dergleichen naturalistischen Darstellungen zuschreibt, kann die Bibel nicht in gleicher Weise als Vorzug für sich in Anspruch nehmen. Kaum kann sie ihr im Sinne der gedachten lex als Rechtfertigungs- oder auch nur als Mildernngsgrund gelten.