Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1900)
- Date
- 1900-03-23
- Page
- Seite 140 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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1,40 mib uns endlich „organisiren". Und er setzte sich hin und schrieb darüber eure Broschüre. Seit Jahren verfechten wir diese Idee in Viesen Blättern, wir haben Tintenfässer darüber verschrieben und tausende Stahlfedern unbrauchbar gemacht, und erst jetzt ist marr auch in Rabbinerkreisen erwacht und behauptet, ja, es sei wirklich eine Organisation der Juden nothwendig! Heißt dies nicht Ochsen nach Galizien importiren? Ist es, so fragen wir Seine Ehrwürden, doch nicht etwas spät dazu geworden? Haben sich die „leitenden Kreise" nicht zu lange besonnen? Das Judenthum in Oesterreich ist, dank der Lethargie, der Unthütigkeit gewisser Kreise, heute in einer Zerfahrenheit, daß ihm alle Broschüren und Zeitungen nichts mehr nützen. Gewisse Erscheinungen, wie nur sie erlebt haben, Polna, Holleschau und der Kinderraub der Felicianerinneu in dem so vielfach gesegneten Galizien, sind so erschreckliche Zeichen der Zeit, daß uns alle „Organisationen" nichts inehr nützen können. Wir haben den Zeitpunkt verpaßt. Wir reden und politisiren zwar sehr viel, aber die frische, die zweckmäßige That, sie ist ans Israel geschwunden, und Broschüren fiitb nicht im Stande das aus der: Fugen gekommene Judenthum wieder einzurenken. Wir ftnb den Ursachen unseres Verderbens glücklich ans der Spur, aber damit habeil wir es noch lange nicht gebessert. Mall hat an dir viel gefrevelt, mein armes Judenthum, ilnd alle „Berbällde" können deine Wullden nicht heilen. Du bllltest aus zu vielen Wunden. Was der Rabbiner mit seiner „Realpolitik" will, das hätte vor Jahren durchgeführt werden sollen. Aber damals ließen wir Juden von beit Labans der „liberalen" Partei rms in die Wühlerversammlungen treiben, und heute leisten wir den Daszhnskis Mld Berners getreue Gefolgschaft. Wir suchen das Heil bei jenen, die uns als Kanonenfutter für ihre selbstischen Pläne mißbrauchen. „Gedenke — vergiß llicht", predigt der Sabbath vor Purim; wir aber gedenken llicht und vergessen alles, wir, d. h. unser Volk und unsere Oberlveisen, die da meinen man heile Brüche mit Broschüren. Ach, wie schön liest sich dies alles: Sabbathruhe und Vertretung im Millisteriunl, volle Gleichberechtigung der hebräischen Sprache, und wie sie alle heißen mögen die frommen, lammfrommen Wüllsche. Inzwischen aber reißt Abtrünnigkeit bei uns ein, die Abfälle vom Jlldenthuln mehren sich in erschrecklicher Weise, getaufte Juden höhllen, verspotten uns, Zersetzung überall. Man raubt * jüdische Kinder, man erlügt „Ritualmorde", man spottet über Juden und Judenthum in öffentlichen Versammlungen, der Bürgermeister der Reichshauptstadt witzelt über die „Jainkefs", stellt sich offen auf die Seite unserer grimmigsten Gegner, die Generalpächter der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sehen aber dem allen lachend zu und sprechen von jüdischen Ausbelltern und jüdischell Klerikalen. — Wir wünschen daß alldem die Broschüre des Rabbiners von Floridsdorf — letzte Station der Strecke Krakau-Wien — abhelfen inöge, wir wünschen, hoffen es — aber glauben es nicht. Gerechtigkeit und Wahrheit werden zum Siege gelangen, weil sie zum Siege gelangen ulüffen. Aber Broschüren werden sie auf ihrem Wege weder fördern — noch aushalten. Iwri. Brief aus Tanger. Von L. Levi-Hechingeu. Mitte Februar. s war ein herrlicher Morgen. Die Sonne war eben über deill Felsen von Gibraltar allfgegallgen, als unser Schiff in großem Bogen die Bucht voll Algerien durchfuhr, um den Kurs nach Südwesten zu nehmen. Während die Hügelzüge des europäischen Festlandes init dem Punta d'Europa und dein Cap Tarifa sich inuner mehr zurückschoben und kleiner schienen, trat der afrikanische Kontinent mit der himmelhohen Sierra Bullvnes immer näher heran, ©ine allsgedehnte Gruppe schneeweißer Häuser, aus deren Mitte Kuppeln und Minarets hervorragten, malerisch an beit Berg gelehnt, erschien mit Horizont lllld kam immer näher und näher: Tanger, das Ziel meiller Reise. Das Schiff hielt loeit außen in der großen Bucht. Da kmnen scholl wie der Blitz vier, fünf Boote, deren Bedienungsmannschaften in ihrer Kleidung ein Bild der Bevölkerung voll Tanger geben: Juden im Kaftan nnb schwarzem Käppchen, das tief int Nacken sitzt, Araber mit Fez und Tnrball in weißen unb grauen Burnussen. Unter großem Geschrei wlirden wir voll der Schiffstreppe mit den kräftigen Armen eines illartialischen Glanbellsgenossen in das Boot herübergehobell, was namcittticl) den fünf amerikanischen Damen, die meine Reisegefährtinnen waren, viel Spaß machte. Obwohl die Taxe für die Bootüberfahrt lmr 1 bis IV2 Pesetas beträgt, verlangte rnall mir das Doppelte ab. Erst als ich in hebräischer Sprache dagegen Protest erhob, gab sich der überraschte Bootsführer mit einem Zwei-Pesetenstück zufrieden. Meine beibeu arabischen Führer, Mahvmed Handuschi und Achuled ben Hamed Susi, die ich telegraphisch bellachrichtigte, erwartetell mich an der Landungsbrücke. Sie brachten mich in das komfortable §otel Cecil, wo ich ausgezeichnete Unterkunft und Verpflegung fand. Meine Führer lvichen von da an nicht mehr von nlir. Wie zwei treue Hllnde hielten sie die gallze Zeit, die ich in Tanger zubrachte, bei mir aus. Tallger zählt über 10 000 Juden. Biele von ihnen treiben Gewerbe oder arbeiten als Tagelöhner, Bootführer, Guias (Frenldenführer). Einige sehr reiche Jllden, vor allen Bankier Nahon, bewohnell schöne, komfortabel eingerichtete Häuser. Die Mehrzahl aber fristet ein recht bescheidenes, 311111 Theil kümmerliches Leben. Im Judenviertel, lvo die Gäßcheu so eug und die Hällschen so klein sind, wimmelt es von Männern, Frauern und.Kindern — ein herrlicher Menschenschlag, groß, breitschlllterig, stämmig gebaut, mit rabenschwarzen Haaren lmd tief dunklen Augen, lebhaften Tenlperamellts ulld doch rllhigen und gemessenell Benehmells. Mädchen stehen unter der offenell Thüre, durch die man in den Lichthof blickt — orientalische Schöllheiteu. Staunelld blicken sie dem Fremden llach, der ihnen etttett höflichen Gruß zugerufen hat. Männer im Kaftan, aus dem das reichgestickte Hemd und Wamms hervorsieht, blickten mich mißtrauisch an, bis ich sie in hebräischer Sprache anredete und ihnen sagte, daß ich ein deutscher Glaubensgenosse sei. Da strahlte ihr Gesicht vor Vergnügen, es bildeten sich Gruppen, Frauen, Mädchen und Jünglinge kommen herbei, eines ruft das andere: „Ein deutscher Glaubensgenosse ist da!" Die Umgangssprache ist die spanische. Es ist rührend, wie dieses Märtyrervolk seit 400Jahren treu an der Sprache seines früheren