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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-23 · Heft 12 (23.3.1900) · p. Seite 139

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 12 (23.3.1900)
Date
1900-03-23
Page
Seite 139 (sequence 9)
Language
German
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139 Es drückt unserer Zeit beit Stempel aus, daß wir bei Anbruch des neuen Jahrhunderts noch nicht soweit gekommen sind, daß man den um die Wissenschaft hvchverdientesteu jüdischen Gelehrten die höchste Würde der akademischen Lehrkarriere einräumt. Ja leider ist es wahr: Wenn zwei dasselbe thun, so ist es nicht dasselbe. Ich aber rufe meinen lieben Kollegen jüdischen Glaubens zu: Seid einig, einig, einig! Brief aus Oesterreich. 3m März. fer Bürgermeister Dr. Lueger ist, wie bekannt, ein vielbeschäftigter Mann. Er muß viel reden und viel agitiren. Er bekleidet auch die Stellen eiltet Reichsraths- und Landtagsabgeordueten. Diese vielen und gutbezahlten Posten machen aber den Mann, wie jeder leicht einsieht, nervös. Wo alles nervös ist, kann es auch bei Dr. Lueger llicht anders sein. Und so macht denn der Dr. Lueger, zur Stärkung seiner angegriffeneil Gesundheit, alljährlich unl diese Zeit, lveml loir armell Proletarier — siehe übrigens: Kohlenstrike — hier frieren, eine Reise nach Italien; es geht bis nach Sizilien. Warum soll Dr. Lueger nicht nach Italien reisen? fehlt es ihn: vielleicht an dem nöthigen Kleingeld? Gewiß nicht. Und dann, mail denke, bringt Dr. Lueger aus Rom den päpstlichen Segen nicht ilur für sich, sondern für die gailze christliche Bevölkerung des fvoinmen Wien, die Abgeordneten Wolf und Schönerer nlit eingeschloffen; außerderil hat er in einem römischen Kloster, wie ein bedeutender Reporter vor dein Herrn, der Mit-und Nachwelt staunend erzählt, die Wiener Nationalspeise d. i. „Knödel mld G'selchts" vorgesetzt bekommen. Ein künftiger Historiker, welcher sich mit der Person Dr. Luegers beschäftigen lvird, soll auf diese Knödel, bei Ihnen in Berlin sagt nlan „Klöße", besorlders aufmerksam gemacht werderl. — Nurl ist Lueger nach Wien zurüekgekehrt, und die Wiener erhielten von ihm als Angebinde eine neue Gemeirldewahlordnuilg, durch welche sie die Beruhigung empfangeil, daß Luegers und Bielohtaweks Regiine ihnen auf Jahre hinaus gesichert bleibt. Die Backherrdl- und Knödelherren könneil nnit ruhig schlafen. Lueger hat aber ilicht uulhin könllen, mit der bei ihm so wohlbekannten satyrischen Beanlagung, während der Debatte über diese Wahlordnuilg im Gerneinderathe, den ihnl hart zusetzendeil Deutsch- Nationalen die Benlerkung zuzuschleudern, er meine, sie, nämlich die Teutonen, stanlmen nicht vorn alten Arminius, soildern vonl alten „Jainkef", wie er sich schelmisch ausdrückte. Wahrlich, die anthropologischen Kenntnisse Luegers sind zu bewuildern, und wüßten wir nicht, daß er ein so froinrner Herr sei, wir müßten annehmen, er sei bei Darwin rmd Bogt in die Schule gegangen. Herr Gregorig bestätigt uilsere Annahme nach einer Richtung. Dieser Held von der allertrallrigsten Gestalt, der mit Syphons beim Wimberger jo gut zu hantiren versteht, dieser Berkäufer von gestärkten Borhemdchen und Beschützer der verfolgten, aber llicht gallz unschuldigell Halbwelt, in welcher man sich nicht langweilt, erschien zum Gaudium Bielohlalveks und Allderer, weder christlicher noch sozialer Helden im Abgeordnetenhause, als — man lache nicht zu viel — nun, als polnischer Jude mit koscheren „Peikes", wie es int antisemitischen Jargon heißt. Und da sage noch Jemand, die Menschen stammell nicht vom Affen ab! Gregorig als polnischer Jude! Höret es Menschell, die ihr von der Welt der Elenden sprechet. Haben wir in Oesterreich Sorgen? Wir, die loir uns so omüsirell? Weilll die „Verständigung" zlvischell Tschecheil und Deutschen noch nicht durchgeführt ist, der Millisterpräsident Korber sich darob schlaflos auf seinem Lager in ben Nächten wälzt, wenn 50 000 Kohlellarbeiter streiken, das Geschäft darlliederliegt. Gregorig und die Fürstill Metternich sind all all' dem Janllller nicht schuld, Beide erwarben sie sich unsterbliches Berdiellst, denn Beide sind heiter in ernster Zeit; Gregorig als polnischer Jllde, die Fürstin Metternich auf der „weißen Redvute" zeigen, daß wir Oesterreicher ben Flügelschlag einer neuen Zeit erkennell, loir verstehen die Bedürfnisse der Menschheit. Mag ein aruler Vater in Galizien nach seinem Kinde suchell, der Abgeordllete Daszhllski die Schwärmerei der oberen zehntausend Juden für den Klerikalismrls entdeckt haben, der Judentscheche, oder wie er in der edlen Tschechensprache heißt, ber?nnirodni /!<?'. Stransky brüllen wie der llicht zlviefach geschwänzte Löwe in Shakespeares „Sommernachtstrallln", „Wir ergeben uns llicht", — dies alles sind für uns keine Sorgell, wir haben Gregorig, wir habell Lueger, und solange wir diese haben, magst du ruhig seill, lieb Vaterland, für deine Erheiterung ist gesorgt. - So glaube ich Ihnen ill beit Hauptlinien unser politisches Leben geschildert zu haben. Wenn ich aber schon in der Pllrilllstililmnng bin, lvill ich Ihnen eine Thatsache, die auf Sie und alle Denkellden gelviß sehr erheiternd wirkell lvird, llicht vorenthalten. Es ist nämlich ill ullsereill Herrellhallse eine Interpellation, betreffend ben modernen galizischen Mortara-Fall eingebracht worden. Was ist dabei Erheiterlldes, lverdell Sie lllich mit Recht fragen. Ist endlich den ariilen, ihrer Kinder beraubtell Vätern, ihr Recht geworden?, — das lvird Ihre zweite Frage seill. Und das eben ist das Erheiternde. Es hat llümlich der Oberantisemit von Galizien, Graf Tarllowski heißt der Edle, merke dir seinen Namen, schnelllebendes Geschlecht, das du so leicht vergissest, eine Interpellation eingebracht, wie die hohe Regierung das Recht der Neophyten, das fittb nämlich die 13 bis 14 jährigen von den Nvllnen geraubten Mädchen, zu schützell gedellkt gegen fanatische Juden, das silld llälulich die tiefbetrübten Väter jener* Mädchen. Vergleiche die Fabel vom Wolf und Lainlll. Dies alles ist im Reiche der Unlvahrfcheinlichkeiteu lnöglich. Tarllowski verlallgt, der Jude Aratell lnöge ein Loblied austimmen auf jene Liebe, welche Kinder ben Vater- und Btutterherzen entreißt ulld sie hillter sicheren Klostermauerll birgt, all lvelchen nach klassischeul Ausspruche inappelabler Regierullgslveisheit die weltliche Geloalt aufhört. Fällgt das 20. Jahrhundert bei uns nicht gnt an? Und da sprechen wir vom finfteren AUttelalter, wir Menschen einer neuestell Zeit, die loir in einem Jahrhundert der Sozialdemokratie, der Lhdditgeschosse, der Friedenskonferenz, der Arbeiterstrikes, der Telephons und der lenkbaren Lllftballolls leben, in einem Jahrhlllldert leben, welches den Verbrellnungstag Giordano Brunos feiert. Und ivir hättell es nicht herrlich weit gebracht? Das kann mir ein Rabbiner behaupten, welcher in einer seiner nieten müßigen Stunden den Ruf erhebt, wir Judeil müssell in Oesterreich Realpolitik treiben

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