Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1900)
- Date
- 1900-03-23
- Page
- Seite 138 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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188 Das wissen auch die Andersgläubigen, aber sie verneinen es; doch wir wollen ihnen das Geständniß abzwingen, durch uns selbst, unser persönliches Verhalten, und wir dürfen es getrost den Juden im Aerztestande nachsagen, daß sie keine Schuld trifft, wenn andersgläubige Kollegen sie zu unterdrücken versuchen, sie, die Vertreter der Kunst Kranke zu heilen, ihnen Trost und Hilfe zu spenden. Gott fei Dank, wir werden nicht bemitleidet, aber überall keimt der Neid und treibt seine häßlichen Triebe. Ich höre ivohl Stimmen jüdischer Kollegen, die da sagen: „Das ist persönlich, wir merken nichts von konfessioneller Gehässigkeit in den Kreisen unserer Kollegen!" Das ist ein Nichtsehen mit offenen Augen; in der That ist leider auch der Aerztestand vom Antisemitismus angefressen. Wir Jude» sind solidarisch, weß Standes wir auch sein mögen, das ist alt, aber wahr. Ich selbst empfinde es sehr wenig hier zu Lande, aber es giebt viele junge jüdische Aerzte mit dem besten Wissen und Können uild erfüllt von dem Drange nur Gutes zu wirken, welche arg unter den Anfeindungen „christlicher" Kollegen zu leiden haben. Hand auf's Herz, wir wissen es Alle. Und welcher jüdische Arzt ist denn nicht empört, wenn er in ärztlichen Zeitungen bei Vakanzen, sei es nun, daß es sich um Vertretungen, Kassen oder Assistentenstellen handelt, fast stets das vielsagende „christlicher Konfession" liest, bisweilen aber ganz deutlich „nicht Jude" gewünscht wird. Die jüdischeil Aerzte nehmen das ruhig hin, sie habeil sich schon daran gewöhnt. Können sie gegen solch' empörende Thatsachen etlvas thun§ Ja, lautet die Antwort. Ich sage: „gehet hin und thuet des? gleichen!" Die Noth fordert es und die Solidarität, zu welcher wir allzeit verurtheilt sind. Nehmet zu Euren Vertretern möglichst Juden. Möchten vor allem auch die Herren Professoren und Dozenten, die Leiter von Kliniken und Polikliniken, — jüdischen Glaubens — in Anbetracht der zwingenden Noth möglichst mit leuchtendem Beispiel vorangehen, und so weit thunlich, Inden zu ihren Hilfsärzten rnachen. Leider giebt es aber gerade unter den Herren Professoren solche, die fast ängstlich meiden, die Assistentenstellen an Juden zu vergeben, oder gar prinzipiell Juden nicht annehmen. Darüber zu nrtheilen ist ivohl überflüssig, ich überlasse das dem verehrten Leser. Wie im privaten Leben des einzelnen Arztes, so spiegeln sich diese Dinge auch im Vereinsleben wieder. Ich erinnere an die Widerwärtigkeiten, welche sich vor nicht langer Zeit in der Residenz bei Aerztevereinswahlen abspielten, wobei man die jüdische Konfession verschiedener Herren stark mitnahm, so daß Geheimrath Eulenburg in der „Deutsch, med. Wochenschrift" sich zu einer jeden anständig Denkenden mit Befriedigung erfüllenden Erklärung veranlaßt sah, worin er dagegen protestirte, daß Standesfragen etwas mit der Konfession zu thun haben. Wir wollen nun weiter keine Statistik üben; es würde über den Rahmen dieses Aussatzes hinausgehen. Es sei andererseits rühmend hervorgehoben, daß es zum Glück doch auch jüdische Aerzte giebt, die bei solchen Anlässen mit offenem Visir kämpfen und kräftige Abfuhren austheilen, ivie kürzlich Kollege Alexander in Berlin, ein streitbarer Kämpe für Freiheit und Recht. Ueberhaupt zeugen die Zustände in den Aerztekreisen der Residenz deutlich davon, daß dort unter den Kollegen in großen Fragen Einmüthigkeit herrscht. Die Juden sind in solcher Anzahl im Aerztestande vorhanden, daß sie vor Allem ihr Augenmerk auch darauf richten sollten, Sitz und Stinune in den mit weitgehenden Befugnissen ausgestatteten Kammern zu erhalten, aber auch in den Lokalbezw. Bezirksvereinen des Aerztevereinsbundes. Aber da hapert es in manchen Bezirken außerordentlich! Gradezu jämmerlich ist es in der Rheinprovinz und den Hohenzollern'schen Landen daunt bestellt. — Nicht ein einziger Jude, weder in der Aerztekammer noch in den Vorständen der Bezirksvereine! Das liegt in der Hauptsache an den jüdischen Kollegen selbst. Daß konfessionelle Fragen auch bei diesen Wahlen in Betracht gezogen werden, weiß Jeder, der gelegentlich an Vorbesprechungen theilgenommen hat. Wir müssen mit Thatsachen rechnen; konfessionelle Unterschiede bestehen auch in unserem Stande, sogar in hohem Maße, wir müssen uns unserer Haut wehren mit allen Mitteln, wir sind die leidende Partei. Die jüdischen Aerzte, speziell da, wo sie in größerer Anzahl konzentrirt sind, sollen alle Sonderinteressen fallen lassen, sich zusammenschließen, sie sollen zeigen, daß sie Juden sind, — Jndifferentismus ist das Schlimmste. Treu zusammenhalten, da wo es sich mit wichtige Dinge innerhalb des Standes, um Wahleit handelt und ihre Stimmen auf Juden vereinigen! Sonst wird es mit die Stellung der jüdischeit Aerzte von Tag zu Tag schlimmer bestellt. Man wird, wo man kann, sich über sie hermachen, ihnen, ohne daß inan dagegen angehen foult, den Erwerb, auf den Jeder, der ißt und trinkt, angewiesen ist, mehr und mehr unterbinden. — Das hat dann zur Folge, daß sich junge jüdische Kollegen veranlaßt sehen, wie das seiner Zeit bei dem Streik der Kassenärzte in Elberfeld-Barmen vorkam, aus reiner Roth Stellungen anzunehmen, die sie mit ihren Kollegen in direkten Konflikt brachten. Und ivie wurde es ausgebeutet in der allgemeinen und Fachpresse, daß sich vornehmlich Kollegen jüdischen Glaubens dazu bereit gefunden hatten. Sie wurden als die Berräther des Standes und der Standesehre hingestellt. - Die Vorboten sind also da! Möchten doch vor Allem auch diejenigen Kollegen unseres Glaubens, die in einflußreichen Stellungen sich befinden, an ihrem Theil dazu beitragen, daß diese Seuche in unserem Stande nicht um sich greift. — Heraus aus der Reserve, wo man uns mit offener Feindschaft begegnet! Wir stehen unseren Mann; aber nur Einigkeit macht stark! Und nur unser Glaube vereint uns, wir mögen es offen gestehen oder nicht. Auch wir Aerzte sind deutsche Staatsbürger, aber jüdischen Glaubens. — Dies tvird nie anders werden, aber tvir wollen uns die uns gebührende Achtung verschaffen und nicht uns unter die Füße treten lassen. Mit dem Gefühle der Genugthuung empfinden wir es, daß jüdische Männer in den ersten Reihen unserer Wissenschaft stehen, daß sie die gesuchtesten Aerzte sind, aber wir fühlen auch den Stachel, daß sie trotzdessen nicht gleichberechtigt erachtet werden mit den Anderen, da man im weiten deutschen Lande in der medizinischen Fukultät, speziell in Preußen, die mit der Laterne suchen kann, deren Visitenkarte die Wörtchen O. ö. Professor zieren. Mögen Viele sagen, daß es früher noch schlimmer war, das befriedigt uns nicht. Wir haben ein Recht zu fordern.