Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1900)
- Date
- 1900-03-23
- Page
- Seite 137 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- 137 - erfolgreicher: Unterricht ertheiten zu können ist eine allsreichende Erfahrung aus diesem speziellen Unterrichtsgebiet imb eine himmlische Geduld unumgänglich nothwendig. Die beste Ausbildung erhalten schwachsinnige Kinder in Anstalten, die speziell für die Erziehung solcher Kinder eingerichtet süld. Nur in einer Anstalt kann mit schwachsinnigen Kindern int Unterricht und in erziehlicher Hinsicht erreicht werdet:, was im Bereich der Möglichkeit liegt. Natürlich muß eine solche Allstalt in jeder Beziehung zweckmäßig eingerichtet llnd der Leitung eines Pädagogen unterstellt sein, der schon viele Jahre auf diesem speziellell Gebiete thätig geweselt ist. Erfahrung ist hierbei dietzauptsache. In einer solchen Anstalt muß jede sich bietetlde Gelegenheit benutzt werdell, auf den Geist utld das Gemüth der Zöglinge fordernd einzuwirken, dartlm ntüssen dieselben den galizen Tag lmter Aussicht eines Lehrers sein. Da diese Kinder sich geistig sehr langsam entwickeln, ist es eben nothwendig, fortwährend all ihrer Ausbildutlg 51t arbeiten. Bei allen Erziehungsmaßregeln lnuß die Individualität der Zöglinge berücksichtigt werden. Der Unterricht iltnß ben geringen Anlagen der Kinder angepaßt werdet:. Matt beschränke sich in: Ullterricht auf das fürs Leben Nothwendigste, behandele dies aber gründlich und allseitig. Außer den: eigentlichen SchulllnterrichtmtlßnochHandfertigkeitstlnterrichtertheilt werden. Dieser Ullterrichtszweig ist für schwachsimlige Knabe:: vor: hervorragender Bedeutung. Er ist besotiders geeignet, ihre körperliche Ungeschicklichkeit 31t beseitiget:, ihre Sinne zu schärfetl, die Lust ztlr Arbeit iit ihnen zu erwecken und sie 311 einem Berufe vorzubereiten. Teil: Handarbeitsllllterricht der Mädchen ist atlch besondere Wichtigkeit beiznlegen. Gegenlvärtig giebt es in Detltschlattd für schloachsintlige Kiltder noch keine einzige staatliche Atlstalt, sondern nur fültf Privat-Erziehtlugsanstalten, in detlen auch rtur Kinder aus besseren Stüllden Aufnahme finden. Diese Privatanstaltet: werden atlch von jüdischet: Zöglingen besttcht. In: letztet: Jahre habet: in der B. Wildffchen Erziehungsanstalt in Nordhatlsen besonders viele jüdische schwachsinnige Kiltder Ausnahme gefntlden. Bot: April d. I. ab wird darum in der genannten Anstalt auch besonderer jüdischer Neligiottsttttterricht ertheilt lverdei:. Der Leiter der Anstalt, der Jnstitutsvorsteher Wild, hat sich sogar bereit erklärt, de:: jüdischen Zöglittgen ei ne Küche nach strettg jüdischem Ritus einztl richten, so daß ben Kindern strenggläubiger Eltern in religiöser Beziehltng jegliche Rechltung getragen wird. Die Nordhäuser Anstalt hat bisher tun gute Resultate anfznweisen gehabt; sie ist auch sehr gesund und schön gelegen ttnb in hygienischer Hinsicht allen Forderungen der Neuzeit etltsprechend eingerichtet. So tätige tvir darum keine Erziehungsattstalt haben, in welcher ausschließlich schwachsinnige Kinder reicher jüdischer Familiet: Atlfnahme finden, ist für derartige Kinder die B. Wildffche Erziehungsanstalt in Nordhausen sehr zu entpfehlet:. Für diejettiget: jüdischet: schwachsinnigen Kiltder, deret: Eltert: nicht in der Lage sind für ein Killd jährlich 1000-1200 Mark Pensiot: zu zahlen'), ist zur Zeit in ganz Deutschland kein einziges Jllstitut, in benen sie eine geeignete Ausbildung tlnd eilte religiöse Erziehttng erhalten Eünneu. 1) Es silld dies die Pensionspreise der Nordhäuser Anstalt; in den übrigen Privat-Erziehungsanstalten für schwachsinnige Kinder sind die Petlsionspreise ttoch höher. Wenn aber solche Kinder nicht sehr sorgfältig erzöget: werdet!, so spielen sie während ihrer ganzen Lebenszeit eine überaus beklagenswerthe Rolle. Es ist darum eine unbedingte Nothwendigkeit, zutlächst tnöglichst bald für die unbemittelten jüdischet: schwachsinnigen Kinder eine Erziehungsanstalt zu gründen. Diese Anstalt müßte in der Lage sein, ihre Zöglinge entweder ganz frei oder geget: ein geringes Pensionsgeld aufzunehntetl. Ztrr Gründung ttnd Unterhalkuttg eitler solche:: Anstalt ist natürlich ein großes Kapital tlöthig. Ult: dieses zu beschaffen, utüßte sich eit: Komitee bilden, welches sich die edle Aufgabe stellt, dttrch Grüttdung eitler derartigetl Anstalt diesen tlnglücklichen Kindern eine Zukunft zu ermöglichen und sie somit zu brauchbaren Mitgliedern der tnenschlichen Gesellschaft zu machetl. Gin Uuf an die deutschen Aer?tr pidischen Glaubens. Bott Dr. med. Lieh teufte in in Neuluied a. Rhein. f a uns der Weg verschlossen ist, inFachblüttern überBernsssuchen zu sprechen, tvelche den jüdischen Arzt als solchen seines Glaubens wegen tangiren, so wählen lvir diese Stelle, um an mtsere jüdischen Kollegen zu appelliren und unserer Entrüstung darüber Ausdruck zu verleihen, daß mau immer tnehr in unserem Statlde, - der sich ganz in ben Dienst der „Humanität" stellt, und mit diesen: schönet: Worte fast ebenso paradirt, tvie anderwärts n:it der „christlichen Nächstenliebe" - häßlichen, auf Grund konfessioneller Ulckerschiede hervortretenden Answüchset: begegnet, die lvir mit aller Entschiedenheit bekämpfen sollen und ntüssen. Nicht ganz ohne Grund lvar von jeher der „jüdische" Arzt gesucht wegeti seiner Tüchtigkeit t:nd seiner Gewissenhaftigkeit. Die Thatsache, daß Päpste und Köllige sich ihrer als Leibärzte bedienter:, ist hinlänglich bekannt und braucht nicht näher besprochet: zu tverden. Der gute Rllf des Juden als Arzt hat sich Gottlob erhalten. Es liegt in llnserer Religion begründet, daß nur ut:s dem Berufe, dem wir uns widmen, mit ganzem Herzet: hingeben, speziell einem solchen, der soviel Nächstenliebe und Selbstverleugnung erfordert lvie der des Arztes. Die Eigenschaft der Persönlichen Tauglichkeit für den Aerztestand hat sich tum bei den Inden vererbt. Die Atlsübntlg des ärztlichen Berufes ist eine Kntlst imb der Künstler wird geboren. Wer ben Beruf als Arzt nicht :n sich fühlt, wer nicht mit Leib und Seele dabei ist, kann vielleicht eit: tüchtiger Forscher in der exakten Wissetlschast, niemals aber ein ganzer Arzt des Leibes und der Seele seiner Mitlnetlschen werden. Der Jude hat ein Herz voll Liebe und Milde; von Israel ging atls die Liebe in die Welt und auch die Lehre. Denn die Gotteslehre und die Liebe sind eins. Dartlm aber weil der ärztliche Bermf gerade Selbstlosigkeit, Aufopferung, Liebe erfordert, darum ist der wahre Jude scholl von Haus aus für der: Beruf des Arztes vor gebildet. Das jüdische Familienleben, da wo es in seiner alten llreigenen Form besteht, ist eine Quelle des Lebens und der Liebe. Auch lvir Aerzte wollen es an dieser Stelle laut bekennet:, daß lvir keiner anderen Religion die Priorität zngestehen, die Liebe der Welt offenbart zu Haber:.