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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-23 · Heft 12 (23.3.1900) · p. Seite 135

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 12 (23.3.1900)
Date
1900-03-23
Page
Seite 135 (sequence 5)
Language
German
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135 „Jassy, 10. März 1900. Die trostlose Lage der Juden Rumäniens, die in den öffentlichen Blättern nur selten und größtentheils blos in Form einer kurzen Notiz besprochen wird, hat in diesem Jahre ihren Höhepunkt erreicht. Die politische Zwangslage der Juden, durch die ungerechten Beschränkungen und Bedrückungen der rumänischen Machthaber hervorgernsen, verschärft durch die allgemeine Nothlage des Landes, durch den Umstand, daß den Juden jeder Erwerbszweig erbarmungslos entzogen wird, hat die allgemeine Armuth, .oder besser, das allgemeine Elend in so erschreckender Weise gesteigert, daß sich die meisten Juden hier am Rande der Verzweiflung befinden, daß viele gezwungen sind Brotspenden zu erbetteln, um nur nicht verhungern zu müssell, daß sich viele, denen es uodb möglich ist, bemüßigt sehen, den Wanderstab zu ergreifen und eine neue Heimath zu suchen, mit der Hoffnung, daselbst wenigstens dem Hungertods zu entgehen. — Die Mißernten der lebten Jahre haben allen Handel und Verkehr zum völligen Stillstände gebracht; die meisten Kauslente, insbesondere in Jassy, sind infolge der Verkehrsstockung und des Mangels an Kredit bankrott, während die unteren Schichteil der jüdischen Bevölkerung nur in der Emigration narf) Amerika ihre einzige Rettung suchell. Eilie nach Tausenden zählende Menge — denn Jassy hat eine jüdische Bevölkerung von ca. 40000 Seelen — sehllt sich nach dem Lande der Freiheit, aber der Mangel an Reisespesen hält sie mit eiserner Faust zurück, so daß sie Gefahr laufen, dem Elend zu erliegen. Roch eines Umstandes muß erwähnt werden, der die rumänischen Juden den Willkürlichkeiten der Regierung wehrlos aussetzt. Jnl Jahre 1863 begann die Regierung ihren Feldzug gegen die Juden danlit, daß sie keine jüdische Gemeinde allerkannte, nild so ben Juden jedwede exekutive Gewalt entzog. Damit erreichte die Regierung ihren Zweck, daß die Juden feine Repräsentanten, keine Fürsprecher, keine geregelten Institutionen hatten, ulld um so willkürlicher behalldelt werden konnten. In Rumänien giebt es dennlach keine jüdische Gemeinde sonderil bloß Juden, die nur jeder für sich selbst einstehen, aber keine Gesellschaft, keine Ällstalt vertreten könnell. Durch diese Maßregel ftub die Gemeindeeinkünste versiegt uild die welligen lloch bestehenden Jnstitllte lverden nur sehr nothdürstig dll.rch Gesellschaften ad-hoc erhalten, deren Beiträge sich durch die mißlichen politischell und ökonomischen Verhältllisse so sehr verrillgert haben, daß auch diese Allstalten ihrem Verfalle entgegen gehen. Diese Misere der rumänischell Juden erheischt eine ebenso schleunige Hilfe, wie die der russischeil Glaubensgellossell lvährelld der Zeit der Kralvalle, denn währelld diese durch ihre barbarischen Allftritte die Augen der zivilisirtetl Welt auf sich zogen, wüthet das jüdische Eleild in Rllmänien noch schauderhafter infolge der raffinirtell. ruhigen und weniger in die Augen springeudell Taktik der rumänischen Machthaber. Rettling ulld zwar schleunige Rettung ist nothig, um ernsten, herzerschütterlldell Katastrophen vorzubellgen. Sollell wir Jhnell das Eleild mit allen haarsträubellden Einzelheiten schilderil, wie jüdische Sänglillge in der Wiege erfroren, lvie Inden aus Noth Brot stahlen, wie andere alis Nahrungsmangel dahinsiechten und förnllich Hungers starbell zc.V Aus der Berliner Gemeinde. 8. Berlin. 18. Mürz, ie heutige Repräselltalltell-V er samllllll ll g hatte zwar eille 13 Pullkte ltmfciffenbe Tagesordnung, doch standen fast nur fleineve Vorlagen zur Berathung, die theils ohlle Diskussion, theils nach kurzer Besprechullg ihre Erledigung fanden. Vor Eilltritt tu die Tagesordnung theilte der Vorsitzende Lollis Sachs mit, daß all Stelle der Herren Professor Geiger ititb Mosse die Herren Beuas Levy ulld Rechtsallwalt Dr. Veit Simon einberufell feien. Es ist ferner ein All trag Blaschke-Minden- Lowe eingegangeu, der einen Zusatz zur Geschäftsordnung bezüglich der Behandlung eingegangener Petitionen betrifft. Der Antrag wird auf Vorschlag des Vorsitzenden dem Ausschuß III zur Vorberathung überwiesen. Zum Komulissar für das jüdische Krankenhaus ist Herr Ja coby ernannt worden. Alsdann verliest der Vorsitzende das^jüngst ergallgene Reskript des Provinzialschulkollegiums in der Dorstlingf cf) e u Sch ulall gelegell heit, dessen Inhalt lvir bereits unseren Lesern »litgetheilt habeil (siehe Nummer 10). Der Wortlaut der betreffenden Verfügung ist folgender: „In Verfolg ullseres Schreibens vom 4. Dezember v. I. — II. 7115 — theilen wir dem Vorstand im Aufträge des Ministers der geistlichen, Unterrichtslind Mediziual- Angelegenheitell, mit. wie wir die S ch ulv orst eh eri n Fräulein D ö r st l i n g il 0 ch f 0 r m e l l dahin a n g e w i e s e n Habell, daß s i e d e ll n i ch t e v a ll g e l i s ch e ll S ch ü l e r i ll n e n ihrer A ll st a l t die Theiln a hui e an dell S ch ulan dachtell, s 0lv ie all d elll e v a ll g e l i s ch e n Religionsunterrichte ll u r d a ll n g e st a t t e n darf, w e ll ll die Eltern oder V 0 r m ü ll d e r dieselbe aus - d r ü ck l i ch v e r l a ll g e n, n ll d daß sie sich jeder E i 11 w i 1* f it n q llach der einen oder der a »l d e r e ll Richtung sorgfältig z ll enthaltell hat." Die Verfügllng wurde mit lebhaftem Beifall seitens der Versammlung aufgenonunell. Syildicus Dr. Millden konstatirt das vollste Eillverständniß der Versamnllullg mit der dallkbar zu begrüßenden Verfügung uild hebt die Bedeutsamkeit des Reskriptes hervor, das, wie es die in die Presse gelangten Mittheilnugen nicht erkennen ließen, von Amtslvegell auf eigelles Ei ll sch reiteil d es Herrn Kll ltu smillisters, nicht auf die in der Repräsentantenversammlung beschlossene Beschlverde erfolgt sei. Die zur Abfassulig der Beschlverde niedergesetzte gemischte Komulissioll war lloch gar nicht zur Ausführung des Entwlirfes gelaugt, als ihre Thätigkeit dllrch den Bescheid unterbrochen wurde. Doch sei die Arbeit der Kolnmission noch nicht abgeschlossen; es nlüsse dahin gewirkt lverden, daß alich die Berliner Judellschast aitf der Höhe der Zeit stehe. Geheimrath Blumen thal theilt mit, daß die Verhältllisse in ben im Westen belegenenen höheren Töchterschulen betreffs der Aufnahnie jüdischer Mädchell sehr traurige feien mit) es der Ueberlegnng anheim gestellt lverden nlüsse, lvie hier Rath geschaffen werden könne. Aus der Dörstlingffchen Schule seien nach Bekalintwerden des von der Schulvorsteherill beliebten Verfahrens etwa 100 jüdische Mädchell herausgenommen worderl. — Frau Emel ine Fidel mann geborene Jaffe hat zllm Andenken au ihren verstorbellen Mallll deul Hospital eille Be tt st i ftu it q in Höhe von 10 000 Mk. überwiesen. Die Stiftung wird seitens der Versamnilllng gellehmigt. — Herr Löwenberg giebt alsdallli der Versammllmg Kelllltniß betreffs der Vermiethuug der Stände in der neueil Synagoge lllld in der Synagoge Lindenstraße. Die Ausführungen des Redllers blieben auf der Tribülle uuverställdlich.— Eille etwas längere Diskussion zeitigte die Vorlage betreffend Einsetzung einer gemischtell Deplltatioll zur Berathnilg der Frage der Eillrichtllllg eines F ortbildu ngskursus für das Studium der Bibel im Urtext ulld des Talnlud. Die Anreguilg ist, lvie der Referellt, Herr Leollhard Sachs, mittheilt, voll Herril Rabbiner Dr. Rosenzweig ausgegangeu, lim einem seit Jahr und Tag iri der hiesigen Gemeinde bestehellden Uebelstande abzllhelfen. Der Uebelstaild sei um so «lehr zu beklagen, als neuerdillgs viele Jünglinge deutscher Abkllllft sich für ben Rabbinerstand interessiren. Der Gemeilldevorstand hat die Vorlage, die ja nur voll eillem Rabbilier angeregt worden sei, deni Rabbinat zur gutachtlichen Aenßernng überschickt. das den Antrag freudig begrüßt und gebeteil hätte. Mittel lind Wege zu fiudell, den'. Gedanken bald Rechnung zu tragen. Der Ausschuß hätte sich eingehelld mit der Frage beschäftigt lllld konstatirt daß bereits Gelegeilheit zu ben gewünschten Studien geboten sei. in der Separatgelueillde der Adass Jisroel, dem Talmudvereiu lllld bem Beth hamidrasch, aber lnan hätte sich llicht der Ansicht verschließen köllneil, daß man auch voll Gemeilldewegen dem Wllilsche Folge leisteil müsse. Der Allsschuß schlage für die einzusetzende genlischte Kolnmission vor: eilt Mitglied des Vorstandes, zwei Mitglieder der Repräsentalltellversammlung, und zwar die Herrell L ö lv e it berg und Prof. B l a s ch k e, und die Hinzuziehung von Mitgliedern des Rabbiuats und Experten des Schulwesens der Kommission zu überlassen. Herr Benas. Levy führt die vom Verein für jüdische Geschichte und Litteratnr eingerichteten drei Kurse all, die recht gut besucht seien. Er hält das Bedürflliß zwar für gedeckt, empfiehlt aber trotzdem die Vorlage zur Annahme. Rechtsanwalt Dr. Veit Simon ist der Allsicht, daß in den Fortbildungskursell in erster Reihe jüdische Geschichte und Litteratnr und die jüdische Ethik in Betracht gezogen lverden müssell. Der Antrag dürfe feine gebundene Marschroute abgeben. Justizrath Apolant führt dagegen ans, daß es sich znllüchst llnr mit eine Zweckmäßigkeitsfrage handele. Die vom Vorredller augeregtetl Forderungen lvürden zutn Theil schon durch die Religionsschulen erfüllt, die ill Zukullft lloch erweitert werdell sollell. Es soll eille Selekta

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