Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 12 (23.3.1900)
- Date
- 1900-03-23
- Page
- Seite 134 (sequence 4)
- Language
- German
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134 den staatlichen Lehrerseminaren beigelegt worden ist. Diese Beschränkung hat darin ihrer: berechtigten Grund, daß nur die Schüler der staatlichen Lehrerseminare mit der Ablegung der Abgangsprüfung zugleich die Verpflichtung übernehmen, eine Reihe von Jahren jede Stellung im öffentlichen Schuldienst anzuuehmeu, die ihnen die Negierung zumeist. In Rücksicht ans diesen Eintritt der Zöglinge in den öffentlichen Schuldienst glaubte die Unterrichtsverwaltnng befürworten zu sollen, das; den staatlichen Lehrerseminaren eine günstigee Stellung bezüglich der Zeugnisse, die ihre Schüler erhalten, beigelegt werde." Wir glauben, wie gesagt, nicht, daß in dieser Angelegenheit das letzte Wort gesprochen sei. Ist doch die Thatsache, daß die christlichen Schüler von Privatanstalten, deren Abschlußprüfungen ebenfalls von einem staatlichen Kommissar beaufsichtigt werden, ohne Weiteres die Berechtigung zurr: einjährigfreiwilligen Dienst erlangen, bei dieser Verhandlung nicht einmal in Abrede gestellt worden. Andererseits hatte die Regierung freilich keine Veranlassung in öffentlicher Sitzung bei Berathung des Kultusetats die Mittel und Wege auzugeben, wie den jüdischen Lehrerseminaren die Berechtigung zur Ertheilung des einjährig-freiwilligen Zeugnisses zuertheilt werden könne. Aber es wird jetzt eine wichtige Aufgabe der betheiligten Faktoren bleiben müssen, die Erlangung dieses Rechts mit allen gesetzlichen Mitteln anzustreben. Wir zweifeln nicht daran, daß sie bei diesem Bestreben seitens der maßgebenden Faktoren wohlwollende Unterstützung finden werden. Gerade, weil wir in einem Rechtsstaat leben, in den; lediglich nach dem bestehender; Recht und Gesetz errtschiedeu wird, nrüssen wir, soviel an uns liegt, darnach streben, daß jede Zurücksetzung und irngleiche Beharrdlung so oft und so lange zum Gegenstand der allgemeiner: Besprechung in Presse und Parlanrent gernacht werde, bis eine Reinedur eintritt. Ein solches Vorgehen ist schon oft von Erfolg gewesen; es wird sich auch irr dern vorliegenden und keinesrvegs unwichtigen Falle als erfolgreich erweisen, wenn die erforderlicher: Schritte an richtiger Stelle mit Energie rrnd Urrrsicht unterrromrrrerr werden, bis sie zum erwünschten Ziele führen. Nie Woche. Berlin, 21. März. elbst die lex He in ze gab den Antisemiten Veranlassung, die Juden zrr schrnäherr. Herr Lieberrnarrrr v. Sorrrrenberg hat glücklich herausgefunden, daß die Menzel, Werner, Mommsen, Sudermann u. s. w. sämmtlich Juden oder von diesen „an der Rase herumgeführt worden seien", daß die ganze Protestbewegung ein Beweis „für die Kraft der jüdischer: Phrase", daß diejRedner irrtenProtestversarrrmlrrrrgen rneistJrrderr gewesen k. Das „BerlinerTageblatt" schildert die Szerre rvährend der Rede des antisemitischer: Abgeordrreten folgenderuraßen: „Als hierauf Abgeordneter Lieberrrrarrrr v. Sorrrrerrberg (Antisemit) das Wort nahnr uui> die herrschende Unruhe durch Schreien zu übertobeu suchte, erhob sich auf der Lirrkeu ein solcher Lärm, wie wir ihn wohl noch nie au dieser Stätte gehört haben. Der Vizepräsident Schrnidt hatte die größte Mühe, die Ordnung herzustellen. Später nahm der Reichstag, als der Redner seine antisemitischen Späße mit grober Stimme in den Saal hirreirrschrie, bei dern brüllenden Gelächter ans der Rechten mrd der großen Unruhe auf der Linken fast den Charakter eirrer antisemitischen Nadanversarrnrrlnirg an. So gelang es den Autisemiten einmal rvieder, das Niveau der Verhandlungen, die sich auf einer bewnndernswerthen Höhe gehalten hatten, so tief herabzrrdrücken. wie es inrruer da der Fall ist, rvo Antiserniten eingreisen. Während der Lärmszerrerr, die das würdelose Arrftreten des genarrntcu Deutsch- Sozialen hervorries, hörterr wir die Bemerkung, daß dies „der Anfang vor: Oesterreich" sei." Nicht unerwähnt darf es aber bleiben, daß, als die Freisirrrrigerr und Sozialdemokraten der: Saal verließen, von der rechten Seite der Ruf ertönte: „Juden raus!" Man sieht, arrf welcher Seite der Ton int Parlanrent herabgedrückt wird. 4r* Wir haben schon wiederholt darüber berichtet, daß auch die Agitation gegen das Fl ei sch schau ge setz zu antiserrritischen Ergüssen vielfach benrrtzt wird. Eine solche Versammlurrg fand irr dieser Woche in Potsdam statt, in der der antisemitische Abgeordnete Müller-Waldeck und der liberale Rösicke-Desfau einander gegenüberstarrden. Herr Müller brachte die üblichen Phrasen vor: dem „verjudeten Freisinn", der gegen die Landwirthschaft agitire u. dgl. vor. Herr Rösicke arrtwortete ihn: aber in sehr scharfer und treffender Weise folgendermaßen: „Da Herr Müller hier feinen Antisemitismus nicht unterdrücken konnte, muß ich ihm sagen, daß der häßlichste Haß der Nasserrhaß ist! (Heiterkeit und Beifall.) Jawohl, Herr Müller! Ich bin eberrso gut Gerrnane wie Sie! Aber schämerr würde ich rrrich, Herr Müller, schänrerr, wenn ich die Fackel der Zrvietracht irr die deutschen Stämme schleuderte, bloß weil jemand einer arideren Religion arrgehört! (Lärm.) Die Leute können doch rricht dafür! (Allgerneine Belustigung.) Sind die in Deutschland geborenen Juden keine Deutschen? Nehmen wir vor: den Juden feine Steuern? Müssen die Juden nicht auch ins Heer treten? (Große Heiterkeit.) Haben die deutschen Juden nicht auch dazrr beigetragerr. unsere Grenzer: zu vertheidigen? (Große Heiterkeit. Zuruf: int Graben gelegen?) Kurz, es fehlt nrir der parlamentarische Ausdruck dafür, Hern: Müller nach Gebühr errtgegenzutreterr." Es wäre lebhaft zrr wünsche::, daß man alle antisemitischer: Agitatoren in so kräftiger Weise an der richtigen Stelle zurechtweisen würde. In Könitz irr Westpreußen ist in der vergangener: Woche ein grauenvoller Rarrbrrrvrd an einen: Obertertianer verübt worden. Da brirrgt nun ein arrtisemitisches Blatt zu der Nachricht vor: dern Morde noch folgende Bemerkurrgen: „Der Mord tarn: nur vor: einen: Fachmarnr, lvie Flerscher, Scharfrichter rc. verübt sein, da die fehlerrden Arme mrd Beine rrnd Kopf geschickt ausgelöst sirrd. Der Fundort ist rreben der Synagoge, im Mönchsee. Die Verhaftung eirres jüdischen Händlers fand an demselben Tage statt. Hier wird allerlei gesprochen unb die Erinnerung an die Skrrrzer Mordaffäre, die große Aehnlichkeit mit dieser hat, wird rvieder lebendig." Aber schon nach einigen Tage:: mrrßte dasselbe Blatt sich selbst und die arrderen Blätter berichtige::, die sogar eine Durchsuchung der Syrragoge gemeldet hatten. Das Grundstück der Synagoge gehört zrr derrjenigen, die direkt an den Mörrchsee, den Fundort der Leichentheile, grenzen, und es sirrd diese sänrmtlichen Grundstücke, also auch die Syrragoge, rrach den übrigerr fehlender: Leichentheilerr drrrchforscht worden. Diese wie die übrigen in der Stadt vorgenorrrmenen Haussuchungen sind freilich vollständig ergebrrißlos gervesen. Das in einem Nebenraurn Vorgefundene Blut rührte, tute die chemische Untersuchung ergeben hat, von Geflügel her. Die Hoffnrrng der Antiserniten, eirrer: Ritualrrrord zrr konstrniren, war also wieder vergeblich. * Schon oft haben wir die Lage der Juden irr Rum ärrierr besprochen. Aber noch irnmer rührt sich keirre Hand zu Gurrsten der dreifach Unglücklicher:. Vielleicht veranlaßt das nachfolgende, uns von dort zugegangene Schreibeil die nraßgebenden Kreise unserer Glaubensgenossen endlich etwas zur Abwendung der dort drohender: Katastrophe zu ur:ternehrr:er:. Das Schreiben lautet: