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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-16 · Heft 11 (16.3.1900) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 11 (16.3.1900)
Date
1900-03-16
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 wir nur sagen, daß es gestern Abend zu einer Ehrung für den Liebliugsdichler unserer verewigten Kaiserin, für die solch hervorragende Leistnngen bietende Gesellschaft, die wohl mit gerechtem Stolz darauf zurückblicken darf, in erster Linie aber für den anerkannten Künstler und treuen Glaubensgenossen kam, wie sie schöner, erhebender und inniger wohl nicht zu denken ist. Das ben geräumigen Saal bis auf das letzte Plätzchen füllende, den besten Kreisen angehörende Elite- Publikum nahm denn auch die gebotenen Genüsse mit tosendem Jubel auf, der namentlich am Schlüsse der Vorlesung seinen Höhepunkt erhielt, als Herrn von Sonnenthal ein prachtvoller Lorbeerkranz überreicht wurde, auf dessen Schleifen zu lesen war: „Den: verehrten Meister — die dankbaren Kollegen. 25. Februar 1900." (Herr von Sonnenthal ist der Vizepräsident obengenannter Gesellschaft.) — In Lemberg fand am 7. d. M. Abends eine eigenthümliche Kundgebung statt. Etlva hundert Anwälte, Aerzte und Studenten jüdischen Glaubens zogen vor das Wohnhaus des Neichsrathsabgeordneten Dr. Emil Bhk und riefen: „Pereat Byk! Hoch Daszynski!" Dr. Bhk ist Anhänger des polnischen Ministers Dr. Pientak, der bei der am 8. d. M. stattgefnndenen Landtagswahl als Gegenkandidat des sozialistischen Abgeordneten Daszhnski anftrat. Aehnliche Kundgebungen fielen auch vor dem Amtshause der israelitischen Kultnsgemeiude vor. Diese Demonstration giebt zu denken! — Der Kaiser hat dem Bankinhaber Josef Keil de das Ritterkreuz des Franz Josess-Ordens, und dem Vicekonsnl Alfred Nappaport den Titel eineg Consuls verliehen. — Der jüngst verstorbene christliche Hotelarzt vom Semmering. Dr. Plohn, der bei allen Besuchern des Südbahnhotels in großem Ansehen stand, hat ein beträchtliches Vermögen, etwa 100000 fl. hinterlassen, das er zumeist Verwandten vermachte. 20000 fl. hat er einem besonderen Zwecke gewidmet; er beauftragte einen Freund, den Wiener Advokaten Dr. Albert Kuh, mit diesem Betrage eine Stiftung wohlthätigen und zugleich konfessionellen Charakters zu errichten. Der Verblichene gab hiebei im Testament seinem Schmerze über die antisernitische Bewegung Ausdruck. Es verlautet, daß die Stiftung einem Vereine zur Unterstützung hilfsbedürftiger israelitischer Handwerker zngewendet werden solle. — Dr. Geßmanu hat dem Abgeordnetenhause einen Antrag überreicht, betreffend Erlassung gesetzlicher Maßnahmen, durch lvelche es ben Inden verboten wird, Handel mit christlichen Andachtsgegenständen und Devotionalien aller Art zu treiben. — In Kralowitz bei Ho tescha in Mährerl erschoß sich der Gendarmeriepostenführer Wessely im Büreall des Gemeilldeanrts mit feinem Dienstgewehr. Das Tschechenblatt „Politik" behauptet, Wessely habe sich infolge Anfeindllngeil und Verfolgungen der radikalen Führer der Tscheche,! erschossen, weil er als Tscheche bei der Plünderung der Häuser der Jllden in Holleschall ans die Tschechen gefeuert hat. — Im Dezember vorigen Jahres wollteil sich die Nachoder, von derlen die Welt bisher nichts vernonnnell, auch eine kleine Ritnalmordgeschichte schaffen, danlit die Welt endlich auf das kleine böhmische Städtchell mit Belvulldernng hinsehe — allein es war wieder nichts: Das Christenlnädchen, das alls einern jüdischell Hause verschwunden war, wurde als Leiche aus denl Wasser gezogen, in das sie freiwillig gegangen. Die Anstifter der falschen Gerüchte, insbesondere ein Knecht, der deutlich gesehen haben wollte, wie mehrere Mänirer einen Leichllanl aus dem Hanse des jüdischen Geschäftsmannes Kohn trugen, werden sich vor dem Strafgerichte zu verantworten haben. — Die Grazer Polizeidirektion hat einen Aufzllg verboten, ben die dortige antisemitische Studenteilschaft zum Enlpfang ihrer Abgeordneter! inszeniren wollte. — Den, Dr. F r i e d m a n n , Besitzer einer Wasserheilanstalt, wurde der Titel eines kaiserlichen Rathes verliehen. o. Baja, 10. März. Im israelitischeil Gemeindehause hier besteht die Sitte, ähnlich wie in der Großgemeinde Wien, die um die Gerneinde in hervorragender Weise verdienten Persönlichkeiten durch die Bildnisse derselben zu verewigen. Dort befinden sich die in Lebensgröße gern alten Bilder des seligen Oberrabbiners R. G ö tz C o hn Schwerin, des seligen Oberrabbiners Moises Nascher, dessen Biographie (verfaßt vom Sohn des Verewigterl, Professor Dr. S. Nascher) in Berlin 1879 bei Friedrich St ahn erschienen ist, nnb des seligen Gemeindepräses Dr. Adolf Bro6r, des Stifters des Krankenhauses. Auch das Bildniß des jüngst verstorbenen seligen Dr. Heinrich Bamberg er. prakt. Arztes, des langjährigen Direktors der Gemeindeschule, des Arztes des Krankenhauses und des Abgeordneten des israelitischeu Kongresses, der im ärztlichen Berufe und in der Wissenschaft sich einen angesehenen Namen hier erworben hat, wird den Gemeindesaal schmücken. Großbritannien. 6. London, 11. März. Durch alle Zeitungen ging kürzlich wieder die Anekdote von der seltsauren Weise, in der der Prä si de n t Krü g e r eine jüdische Syllagoge eingeweiht haben sollte. Demgegenüber erscheint es zweckinäßig, ans den Brief eines Angen- und Ohrenzengen hinzulveisen, den das Jewish Chronicle am 2. Februar brachte und der von! 29. Januar 1900 datirt ist. Der Schreiber ist ein Feind des Präsidenten und einer der Flüchtlinge aus Transvaal, lvelche sich jetzt in England befinden. Er war Minister, das heißt Chasan der Gelneinde in Johannisbnrg, deren neue Synagoge 1892 von Krüger eingelveiht wurde, angeblich im Namen von Jesus. Herr Wolfers schreibt nun: Nach Vollendung des uellen Gebäudes lud der Vorstand unserer Gemeinde Krüger ein. die Eröffnung zu vollziehen. Zur Ueberraschnng der Meisten von uns nahm er die Einladung an mit der Bedingung, daß er vollkommen frei sprechen dürfe, wie er wolle. Da ich Krügers engherzige religiöse Ansichten kannte, opponirte ich gegen eine derartige Vereinbarung, der Vorstand prüfte meille Einwendllngen und schließlich nlachte sich eine Deputation, der auch ich angehörte, auf den Weg nach Pretoria. Wir hatten ein Interview mit Krüger und nach langen Unterredungen llnd vielem Disput den Erfolg, daß . er die erlvähnte Bedingung anfgab und versprach, nichts gegen das jüdische Gefühl zll sagen. Während der Rede, die er danll hielt, hatten wir noch einlual Schlvierigkeiten, ehe lvir ihn dazu bestinunten. sein Haupt bedeckt zu halten, aber er hielt sein Wort und sagte nichts, was Inden oder Jttdenthnnl hätte verletzen können. Die Jesusanekdote erwähne ich indessen noch, lveil sie in gegenwärtiger Zeit vielleicht interessirt. Am Abend der Eröffnung gaben die Johannesburger Inden ein Bankett zu Ehren von Krüger, denl ca. 120 Persollen beiwohnten, von denen etwa 100 Inden waren. Unter den Gästen waren Präsident Krüger, Dr. Leyds, Wolmarans, General Jonbert und andere Herren von der Burenregierung. Vor Beginn des Mahles bat der Vorsitzende der jüdischen Genleinde Mr. Hhman Morris ben Präsidenten, das Tischgebet zll sprechen. Es war diese Aufforderung, wie ich glaube, sehltaktlos und dem guten Geschinack widersprechend. Krüger erhob sich feierlich, als wenn er den ganzen Tag auf diese Gelegenheit gewartet hätte und sprach würdevoll': „Gelobt seiest Du. Herr Jesus Christ, für alles was wir enlpfangen werden." Alle Angen wandten sich bei diesen Worten auf mich, aber was konnte ich sagen, ohne die zarte religiöse Empfindlichkeit des Präsidenten zu verletzen. Da kam mir ein Einfall, der die Situation rettete. Ich erhob mich und ries: Nachdem die christlichen Herren nach ihrer Art gebetet haben, lvollen auch wir Inden dies nach unseren! Glauben thull, brach von dem Brode, das vor mir lag, ein Stück ab und rezitirte laut die Beracha über Brod. Dies ist der genaue Bericht über die Vorgänge, lvelche zur Entstehung jener Anekdote Anlaß gegeben haben. Von Nah und Fern. Der Privatgelehrte Dr. Palll Kristeller hat die Erlanbniß erhalten, das ihin verliehene Ritterkreuz des Ordens der italienischen Krone trageil zu dürfen. — Bei der Bewerbung um den Preis der Michael Beer-Stistnng im Betrage von 2250 Mark zu einer einjährigen Stlldienreise nach Italien hat unter drei Bewerbern der Maler Zehn da Epstein ans Gonsel. z. Z. in Wien, den ersten Preis erhalten. — Der Bankier Siegmund Aschrott hat denKommerzienrathstitel erhalten. — In Seesen am Harz fand am 7. und 8. d. M. an der Jacobsonschule iberechtigte Realschule) unter dein Vorsitz des herzoglichen Regierungskommissars, Herrn Ghmnasialdirektor Professor Dr. Brandes aus Wolfenbüttel, die nlündliche Reifeprüfung statt. Sänuntliche zngelassene 22 Schüler der ersten Klasse bestanden dieselbe. — Auch ill Brüssel hat sich ein Konlitee gebildet, um die Veranstaltung von Vorträgen aus denl Gebiet der jüdischen Geschichte nnb Litteratur sowie alls dem religiösen Gebiet in die Hand zu nehnlell. Der erste Vortrag fand am 25. v. M. „Ueber die Eigenschaften desJudeil" statt und wurde gehalten voll Wal er Schloß. Der Saal des Konsistoriums, in dem der Vortrag stattfand, faßt bei weitem die Erschienenen nicht, die noch auf den Fluren standen. — Das Kreuz der Ehrenlegion hat Isidore Nene Jacob Pa quin, Fabrikant in Paris, erhalten. Zll Offizieren des Unterrichtswesens sind allein bei der diesmaligen Verleihung von derartigen Auszeichnungen fast 50 Israeliten befördert worden. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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