Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1900)
- Date
- 1900-03-16
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 tl. Mpslowitz, 11. März. Das Märchen vom Ritualmord lebt wieder auf! Veranlassung dazu giebt das Verschwinden des Dienstmädchens Marie Krncks, das bei her verloittweten Frau Bürgermeister Patlaske in Diensteil stand. Das Mädchen lvurde vorgestern van ihrer Dienstherrin nach deni benachbarten, ans russischem Gebiete gelegellen Modrzejolv geschickt, um dort Mehl eiilzukalifeil. Wie inzwischell ermittelt worden ist, war das Mädchen iu Modrzejolv, hat dort Mehl eillgekanft, ist aber über die Greilze nicht lvieder znrnckgekomnlen uub seitdern spurlos verschlvnuden. Die Ermittelungen nach dem Verbleib des Mädcheils hatteil bisher feinen Erfolg. In den breitell Schichten der Bevölkerung der hiesigen Gegelld ist trotz der fortschreitendell Ansklärling der Glaube verbreitet, daß die Inden für ihre Osterfeiertage zu rituellen Zwecken Christeilblnt brauchen! Als intu das Verschwinden der Krncks in der Stadt bekannt wurde, tauchte das Gerücht auf, daß dieselbe iu Modrzejolv das Opfer eilles Nitualmordes geworden sei. Zli benlerken ist nod), daß das Mädchen schon einmal vor etwa süilf Wochell verschwand und eine Zeit lang verschollen blieb. Plötzlich erschien sie wieder lind gab all. im Etternhause krank gelegen zn haben, was aber den Thatsachen nicht entsprach. Sie hatte vielmehr, wie später offenbar lvard. die Zeit in angenehnler Gesellschaft verbracht. Leipzig, 8. März. In hohem Greisenalter von nahezu lleunzig Jahren verschied hier am 6. d. M. der lveitbekannte Privatgelehrte Rabbi Simoll Hurlvitz, ehernals Rabbiner der hiesigen alten orthodoren Vereinigungen „Brodyr und Tiktiner-Schnb". Die heilte stattgehabte Beerdigling dieses Mannes legte ein beredtes Zeugniß ab voll der Verehrnng. die er allgemein genossen. Eill unabsehbarer Zug Leidtragender, Mäilller nlld Fraueil ans allen Schichten der hiesigen Genleinde, eine Vertretung des Vorstalldes, Freunde ltnb Verehrer alls Halle, Halber st a d t lllld F r a n k f u r t a. M. (der Aeghptologe Dr. I. H. Bon di, ein Schiller des Verstorbenen), folglcn dem Heimgegangenen. Alls dem Friedhofe hielt zllllächst der Gemeinderabbiner Herr Dr. Porges, die eigelltliche Trauerrede, die alls alle Gemüther einen lvahrhaft tiefergreifendell Eiudrllck hervorbrachte. Der Redner schilderte die Bedentllng des Mannes für die talmudische Wissenschaft. Er habe sich eill bleibendes Dellklllat durch die Herausgabe sowie die Erklärung des „Tanja" imb des „Machsor Vitrh" selber gesetzt, stioch bis in die spätesten Zeiten wird fein Andenken ehrenvoll erhalten bleibell. Mit belvegten Worten ilahm der Redner, der so oft in allst richtiger Verehrnllg zu ihm enlporgeschant, vom Entschlafenen Abschied. Nicht minder erschütternd gestaltete sich die Trauerkundgebllng des Herril Klalisrabbiner Josef Nobel alls Halberstadt. Simon Hurwitz war einer der größte!'. Talmndisten in Delltschland. Als Halacha- und Agadakeuner gleich ausgezeichilet, arbeitete er mit emsigem Fleiße auf beiden Gebieten, auch schriftstellerisch lllld seine Entscheidnllgen lvnrden gehört nlld beachtet. Voll den vielen Tugeildell des Heimgegangenen sei noch besollders seiil lvarnies, mitfühlendes Herz für die Armeil nlld Bedrällgteil hervorgehoben. Selbst ohne matevieüen Segensschätze, hörte er doch jeden Einzelileu. der an seine Thür pochte, theiluehmeild an, mahllend, rathend lind tröstend. Die Genleinde Leipzig darf sich rühmen, die Sorgen luns Dasein von der Pforte seines Hauses ferngehalten zll haben. Was er seiner edleil Gattin, seinen Kindern gewesen, die mit unvergleichlicher Liebe an ihm hingen, lver vermöchte dies zu schildern? Mit tiefbelvegteni Herzen nahmen lvir voll denl ausgezeichuetell Manne Abschied für immer. Sein Andenken sei gesegllet. Sein Name lvird fortleben. S. Frankfurt a. M., 11. März. Es dürfte wohl an der Zeit sein, wieder auf das „D e ll 1 s ch - I s r a e l i r i sch e Kinde r - heiln zu Diez" aufmerksam zu macheil. das so segensreich wirkt. Ans kleinen Anfängen hat sich das im Jahre 1886 gegründete Wohlthätigkeitsinstitnt herrlich entrvickelt. Das kleine Haus, das zuerst in Diez den, Kiuderheiln als Heimstätte diente, reichte bald nicht mehr aus, und nun erfreuen sich die Zöglinge eines stattlichen, llach allen Regeln der Hygiene erbauten Hauses, hoch oben am Waldessäume errichtet, indem die Kinder unter dem Einfluß der kräftigenden Bergmld Waldluft prächtig gedeihen. Eine sorgfältige körperliche und geistige Erziehullg, die bewährten Hällden anvertraut ist, bereitet die Kinder für das Leben vor, und viele, die dem elterlichell Hallse überlassen, sich und der Welt verlorell gegangen wären, werden hier zu tüchtigen Mitglieder!! der nlenschlicheil Gesellschaft erzogen und dem Elend entrissen. Haben doch bereits viele hier die Grurldlage einer chrenlvertheu Existenz gelegt, wie die meiften Berichte über die bisher entlassenen Zöglinge erweisen. Doch llicht der Mühe der Verwaltung allein sind die vorliegenden Resultate zll verdallken. die speudenfrohe Opserlvilligkeit llllserer Glaubensgenossen in Dentschlaild, auf welche die Verwaltung rechnen nlnß, hat zunleist die schöllell Früchte gezeitigt. Besonders ist es die Purimspende, die an den Einzelileu einen nur kleinell Ailspruch stellt, deren kleine Einzelgaben, lvenn sich Alle bethätlgen, zu einer großeil Spellde sich sunnuiren. lvelche die Hanptguelle für die Existenz des Heims bildet. Vierzig Kinder genießell jetzt die Wohlthat der Allstalt. Welch ein erhebendes Gefühl ist es für Jeden, sich sagen zll können, durch eill kleines Opfer zur Erhaltung und Erziehung ariner Waisen beigetragen zu haben, mit beigetragen zu haben all der Rettung voll lneuschlichen Existenzen, die ohne diese Hilfe unfehlbar zu Grunde gegangen wären. Das Zusammenwirken Vieler wirkt Großes! x. Nürnberg, 9. März. Vor denl Schwurgericht stand hellte der Redakteur Adam Weber, der in seinem Blatte, dem in Fürth erscheinenden antisemitischen „Freien Beobachter", ein Vergehell gegell die Religion verübt haben sollte. Es handelt sich um einen am 9. Oktober erschienenen Artikel „Zum jüdischen Ritllalmord in Polua". Der Artikel soll ans dem „Münchener Vaterland" eutllOlnnlen und vom Allgektagtell nur* mit einer Einleitung versehen lvorden sein, worin der Nachlveis versucht lvird. daß scholl vor der Geburt des Stifters der christlichen Neligioll der „Blntgelluß" bei verschiedellen Juden eiil ritueller gewesen sei. Zu diesem Zwecke wird erzählt, daß im Alterthum Juden in den Katakomben Roms Liebesmahle mit abscheulichen Wider-Natürlichkeiten veranstaltet hätten. Daß dies ausdrücklich vor der Geburt des Stifters der christlichen Neligioll datirt lvird, sollte nach der Anklage den Beweis erbringen, daß nicht christliche Gnostiker, sondern Jllden solche Schandthaten verübt hätten. Der Angeklagte wurde von beu Geschworenen für nichtschuldig erklärt, lveil nur eine B es chirnpfu ng einze 1 n er I n den , nicht der jüdischell Religion, m dem Artikel vorliege. ** Brrrgpreppach, 8. März. Der viernndzwanzigste Rechenschaftsbericht über die Israelitische Präparanden-Schnle („Talmud-Thora") hier nlacht die erfreuliche Mittheilung, daß die Frequenz der Anstalt wiederum gewachsen ist. Von ben Schülern des dritten Kllrses traten im Frühjahr fünf in das israelitische «Seminar zu^Ca und im Herbst einer in die Kölner Al,statt ein. Für den Unterrichtsj betrieb war das abgelaufene Jahr insofern von besoilderer Bedeutung. > als mit dessen All fang die llene Lehrorduung vonl 80. Juli 1898 in j Wirksamkeit trat. Die finanzielle Berichterstattung ist auch in diesen, | Jahre eine angenehme Pflicht; die Anstalt konnte de», wiederum ge- > steigerten Anforderungen an die Unterstütznngsthätigkeit ihrer Kasse j Nachkommen und haben dabei — zum erstell Male seit den: Bestehell; der Anstalt — den Betrag von 8000 Mk. überschritten. Außerdem hat i sie nach Tilgung der von, vorigen Jahre verbliebenen Ballschuld denl! Pensionsfonds einen Betrag von 1000 Mk. zugeführt. Allerdiilgs ist j dieser Fonds noch lange nicht inlstande, selbständig seinem Zwecke zn j dienen, vielmehr müssen seine Pflichten einstweilen noch von der Hauptj kasse erfüllt werden. Der Vorstalld der Präparantenschule ist Dr. Saloj mon Bamberger, die Verwaltung des Talmud-Thora-Vereins besteht aus den Herren Dr. S. Banlberger, Vorsitzender, M. G. Nllmanu, Bnrgpreppach, M. Nenmann, Bnrgpreppach, I. Lippstädter, Aidhauseu. M. Rens, Leildershansen. Das Lehrpersonal besteht ans den Herren: Distrikts- Rabbiner Dr. S. Banlberger, Vorstalld, W. Neumann, Jos. Braunold Js. Banlberger, Präparandenlehrer, St. Deißenberger, S. Staab, Musiklehrer. Die Einuahmen im laufenden Jahre betrugen 20028,18 Mk., die Ausgaben 16487,82 Mk., das Vermögen 68640,86 Mk. Oesterreich - Ungarn. Q Wien, 12. März. Die „Gesellschaft für Samlnlung und Konservirnng von Kunst- und historisch eil Denkrn älern des Jllden thums" veranstaltete vor einiger Zeit im kleinen Musikvereinssaale eine solenne Heine-Feier, die einen, dem vornehmen Rahmen der Gesellschaft entsprechend würdigen Verlauf nahm.. Adolph Ritter v. Soullenthal brachte beu „Rabbi von Bacharach" zur Verlesuug. Daß die bekanllteu Stellen des Werkes mit außerordentlicher Bewegung und aufrichtiger Freude begrüßt wurden, ist selbstredend, aber Herr voll Sonnenthal ist ein Interpret des geschriebenen Wortes, wie rvohl keill Zweiter, und können