Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1900)
- Date
- 1900-03-16
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 römischen eine ständige und organische und darauf berechnet »iuu\ nicht nur das Unrecht zu bekämpfen, sondern auch, soweit als thunlich. dauernd zu verhüten. Mannigfache Beweise liegen vor, daß die Israeliten, so lange sie selbstständig waren, einen ungemein großen, ja nugerechtsertigten Widerwille»» gegen den Handel stets gehegt habe»,, zu dem sie späterhin nur die bittere Nothwendigkeit getrieben hat; es hat, auch nach dem Anerkenntniß hervorragender nichtjüdischer Sozialpolitiker, kaum ein größeres Agrarvolk gegeben als die Israeliten. Voll den letzte!» Ausläufern des Jndenthums huldigten noch dle Essüer den» Kommunismns auf religiöser Basis, während die Urchristen. die zwar bestimmt waren, das Gesetz des Jndenthums zu erfüllen, bei den gänzlich veränderten Zeitverhältnissen nieder die alten agrarischen Vorschriften durchführen noch neue Gesetze zu Stande zu bringen vermochten. Das Gesammtergebniß des reich belehrenden Vortrages war ein zwiefaches, einerseits ein negatives, daß alle Maßnahmen und Gesetzesvorschristeu des Alterthrnns. gleichviel ob sie politischer oderreligiöser Art. ob auf friedliche Weise oder durch Revolution erlangt lvaren. die Agrarverhältnisse nicht zu dauernder Lösung führen konnten, alldererseits ein positives Resultat, daß zu allen Zeiten in erster Reihe die Schaffung nud Erhaltung ei,»es leistuugssähigen Standes kleinerer Laudwirthe die beste Grundlage des Staates gebildet hat. Der Kampf ans den» Gebiete der Agrarpolitik ist noch nickt ausgefochten. nud schwere Wetterwolken sind gerade iui letzten Jahrzehnt heraufgezogen, aber zun» Glück hat uns auch die ue»»ere und neueste Zeit eil» Arsenal neuer Schntzlvafiel» zur Bekämpfung der agrarischen Uebergriffe gegeben. In» Rahniel» dieses kurzen Referates sind wir leider außer Stande, die hochinteressanten, »rach Form und Inhalt gleich hervorragenden Darlegungen nach Gebühr zu würdigen; doch hoffen wir zuversichtlich. recht bald in der Lage zu sein, unseren Lesern den Vortrag im Druck bieten zu köllnen. S. Berlin, 11. März. Das vor drei Jahren begründete „I üd i s ch e K i n d e r h e i m " (Keibelstr. 40), welches 60 Kindern im Kindergarten geistige Förderung itab liebevolle Pflege bietet und einer gleichen Zahl schulpflichtiger Kinder die Möglichkeit gelvährt, unter geeigneter Allfsicht die Schularbeiten anzufertigen, hielt in der vorigen Woche seine Mitgliederversaunnlnng unter zahlreicher Betheilignng ab. In derselbe»» berichtete die Vorsitzellde, Frau Rabbiner Dr. Mahbauni, über die »naulligfacken Verbesser»lugen. die in» vergangenell Jahre das Heim erfahren hat; d»»rch Vermehrnr»g der Zahl der Lehrkräfte »vnrde die individuelle Behar»dluug aller Schützlinge ermöglicht; zur körperliclien Kräftigung wurden 37 Kinder in Ferien- oder Halbkolonien gesandt, nach eingehenden Berathnngen rnit ärztlichen Sachverständigell »vnrde eine »nöglichst nahrhafte und wohlschmeckende Verpflegung der Kleinen im Hein» durchgesührt; Zusammenkünfte der Vorsta»ldsda»nen l»nd Lehrerinnetl mit den Müttern der Kinder, tvelche in regelnläßigen Zeitabställdeu veranstaltet wurden, führtell zur Verständigung über die Bestrebungen und Erziehungsgrundsätze, die in» Heirn zur Geltung kommen. Leider gestatteten die Mittel des Vereins nicht die so überaus nothlveridige Vergrößerung, imb es mußte eine große Zahl dringlicher Gesuche n»n Allsuahule i,i den Kindergarten und Kinderhort unberücksichtigt gelassen tverden. Das finanzielle Ergebniß des vergangenen Jahres schließt mit einem Defizit von ca. 450 Mark ab; im Interesse des so segensreich wirkenden Vereitls können »vir denl Wunsche der Vorsitzenden auf erhöhte Agitation zltr Ver»nehrn»lg der Mitglieder nur vo»l Herzen beipflichten! 22 Berlin, 11. März. In der Frage der Versicherungs- Pflicht der Schächter und der Aufnahme jüdischer Gemeinde»» in das Kataster der Fleischerei-Berufsgenossenschast hat das Reichs-Versichernngsalnt in zwei verschiedenen Fällen e»»tgegengesetzte Entscheid»l»lgen getroffen. 1. Die Frage ist bejaht »vorden, nachden» festgestellt »var, daß der von der israelitische»» Gernei»»de angestellte Schächter auf deren Anlveisung »vährend bestimnlter Zeiten den Fleischermeisterl» in den» unbestritten versicherungspflichtigen Schlacht- Hause zur Verfügung stehe»l u»uß, die Vergütung für das Schächten für die Gemeinde einzieht und vo»» letzterer ein festes Gehalt bezieht. 2. Die Frage ist verneint »vorden, nachdem festgestellt »var. daß die Kultusgenieiude lediglich dafür Sorge getrage»» hat. daß ein Schächter zur Beschaffung ritualluäßig präparirten Fleisches vorhanden »var, in» Uebrigen aber »virthschaftlich au dem Betriebe »»icht betheiligt »var. Posen, 14. März. Der eben veröffentlichte Bericht über die am 11. Februar d. Js. stattgehabte dritte ordentliche General-Versa mm ln »lg des Verbands der S y II a g o g e u - G e m e i ll d c »l uilseres Bezirkes giebt ein erneutes Beispiel der ullermüdliche»» Thätigkeit desselben. Es rvaren allster der Genleinde »nlserer Stadt noch die Gemeinden von Bojanolvo, Grätz. Jarotschin. Koschrnin, Pieschen und Ralvitsch durch ihre Rabbiner oder Mitglieder des Borsta»ldes vertreten. Es sind seit der letzte!» Ge»»eralversa»nmlnng neun Ge»neinden dem Verbände beigetreten, so daß jetzt iilsgesammt sechsnndzlvanzig deniselbel» angehören. Den Ein»lahnien vo»» 1930,27 Mk. stehe»» Ausgabe»! voll 1071,33 Mk. gegenüber, so daß eil» Bestand vo»» 858,94 Mk. verbleibt. — Der Bericht referirt ferner über die Erfolge der voll Rabbiner Dr. Feilchenfeld gegründeten Jnstitutio»» eines Kursus Zl:r Ausbildung von Kultrlsbeaulten. über dessei» Leh»'plan in de»n Anhänge berichtet »vird. Ueber den vom Verbände s»lbventionirten Religionsllnterricht in Wieliehowo sind von Rabbiner Dr. Silberberg- GrÜtz befriedigende Berichte ertheilt lvorde»i. Beschlossen »vnrde in der erlvähllten Sitzung: die Einrichtung von Wanderpredigten in schwachsitl»irteir, eines Predigers entbehrenden Gerneinden in die Wege zu leiten, mit deren Anssührnng eine gewählte Fachkornnlission beauftragt »ourde. Auch soll bei den Verbands-Gemeinden angeregt »verdeu, daß sie den Eintritt ihrer Lehrer und Lehrerinnen in eine Lehrer-llnterstützungs-Kasse belvirken, »löthigenfalls »n»ter Beihilfe der Genleinde»». Insoweit die Leistungssähigkeit der Gemeinde»» hierzu nicht allsreicht, soll der Verband zu biefem Zwecke Beihilfen gewähreu. Voll den sozialen Einrichtungen ist die gemeinscliaftliche Auszahlnngsstelle für lluterstützunge»! an durchreisende Arme, »velche unter den im Bericht angegebe»len Bedingungen Mittel zur Reise gelvährt, sowie ein ans Vera»»lassn»»g der Hiesigei» Genlei»»de von der „Alnicitia-Loge" eingerichteter „Arbeitsl»ach»veis für jüdische Personen," zu »lennen. Zu Mitgliedern des Ausschusses »vurden die Herre»»: Enlit Cohu-Krotoschin, Kommerzienrath »md Stadtrath Herz-Posen, A. Herzfeld-Grätz, Nitterglitsbesitzer Rohr-Langguhle-Bojanowo, Rechtsanlvalt Salz-Posen, M. Werner-Posen und Rentier Horlvitz-Koschmi»» gelvählt. Die auf Gr»»»ld ei»ies Antrages des Herr»» Werner-Poseli gelvahlte „Propagailda- Komnlission". setzt sich ans de»» Herren: Rabbiner Bloch-Jarotschin, Rechtsanlvalt Breslauer-Ralvitsch, Jgn. Goldschmidt-Pose»», Bankdirektor N. Ha»»»burger-Pose»l. Sall») Harnburger-Posen, A. Herzfeld-Grätz, Rentier Horivitz-Koschmin, Oppler-Pleschen, Werller-Pose»» znsa»»n»len. — Der israelitische Armenverein in Wre scheu hielt kürzlich feine diesjährige ordentliche Generalversammlung ab. Die Bilanz der Kasse beträgt 3419,22 Mk. Der bisherige Vorstand »vnrde rviedergewählt. — Der Stadtrath Eh re»»fr i e d daselbst ist zun» Repräsentantenvorsteher und Kauf- »nclin» Lo»»is Türk zu desse»» Stellvertreter gelvählt »vorden. — Der Kaufniann Kllrtzig in I»» o»vrazla»v hata»»läßlich seines50jährige»» Geschäftsjnbiläulns 2000Mk. dem dortige»»Magistrat zu Wohlthätigkeitszlvecken überlviesen. N. Rakwitz, Prov. Posen, 10. März. Jll der Nacht zum Sonntag den 4. d. Mts. verstarb der seit ca. z»vei Jahre in Berlili, Lothringerstraße 41, »vohnhafte, frühere Korporatiollsvorsteher der hiesigen Gemeinde, Dr. Elnannel Wreschner, in» 72. Lebensjahre. Ursprüllglich dem Rabbinerstande angehörig, lebte er seit 1862 hier als allgesehener Kaufmann. Ver»nöge seines tiefen Wissens und seiner hervorragende»» Eharaktereigenschasten erlvarb er sich allge»nei»»e Liebe »lud Verehruilg. 1869 durch das Vertrauen seiner Mitbürger in die städtische Vetretullg gewählt. »virkte er als Stadtverordneter und seit 1872 als Vorsitzender des Kollegiums treu und hingebeild für das allgemeine Wohl. Ebeilso auch in der jüdischen Gerneinde »virkte er als erster Vorsteher »»ach allen Richtlmge»» hil» segensreich als Förderer alles Schönen und Guten 28 Jahre lang. Sein Andenke»» »vird ein gesegnetes bleiben. n. Reisfe, 5. März. Heute fand unter allgemeiner Theiluahn»e der hiesige»» Bevölkerungskreise aller Konfessionen die Beerdigung des Herrn Kaufmann Ben»»o Bruck statt. Der Verblichene hatte sich durch feilte edlen Charaktereigenschaften, durch seine Milde und seine»» Gerechtigkeitssinn das Vertraueil seiner Glaubensgenossen im höchsten Grade erworbel»; er war der Vorsitzellde der Synagogengemeinde. Vorsitzender der Chelvrah kadischah, Stadtverordneter, die Seele und Zierde feiner Gemeinde. Diesen allgemein getheilten Anschanungen gab der Prediger der hiesigen Gemeinde, Herr Max Ellguther. beredten Ausdruck, indem er anknüpfend an Ps. 23,6 ein lebenslvahres Bild des Enischtasenen entrollte. Die Spitzen der städtischen Behörden gaben unsere»»» theuren Glanbensbrnder die letzte Ehre.