Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1900)
- Date
- 1900-03-16
- Page
- Seite 131 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Sperling fängst!" „Ei," sagte ich, „sprecht Ihr davoll, wen ich lnal zum Mann nehlnen soll? Dazu Hab' ich noch lange, sehr lauge Zeit! Ich brauch' noch keinen Mann!" — „Dein Vater lvird scholl wissell, lvelln es an der Zeit ist, mein Kind!" sagte die Mutter, „darum brauchst Du Dich nicht zu kümmern. Was er wird aussuchen, wird das Beste sein für Dich!" — Und dann ist eine Zeit gekommen, da haben sie so viel zu flüstern gehabt und immer auf mich dabei geschaut, ulld der Vater hat Briefe geschrieben und bekommen, hin und her sind die Briefe geflogen .. . Ulld der „lange David", der Schadchen, ist auch eill paar Mal ins Halls gekommen, und der Vater hat sich mit ihm eingeschlossen . . . Und da wußte ich: jetzt ist es an der Zeit, und der Vater hat auch scholl ben Rechten ausgesucht für mich... Ich Hab' in tr aber weiter keine Gedanken darüber gemacht, sondern war vergnügt. Ich Hab' mir gedacht: was der Vater ausgesucht hat, wird schon das Richtige seirl, und ich kann damit zufrieden sein. Ich war auch nicht sehr neugierig, blos einulal Hab' ich ben „langen David" auf der Treppe getroffell, wie er zuni Vater raufgeheil wollte mib Hab' ihn gefragt: „NunDavid, ulirscheint. Ihr habt eillenBräutigam für lllich, wie sieht er denn aus?" „Wirst schon sehen," sagte der David geheimnißvoll, „so wahr ich lebe, ein feiner junger Manu, ein schöller Mensch, allen jüdischen Kindern gesagt, so eine Parthie! — Aber ich thll's blos aus Gefälligkeit, weil ich Deinem Vater so ein guter Freulld bin llnd weil ich Dich voll kteill auf fenue, darum Hab' ich was Extrafeines ausgesucht für Dich, — so soll ich gesund sein!" Ich lachte ihm ins Gesicht, weil er so that, als hätte erblos „auszusucheil" ullter den jullgen Leuten llnd lveil er sich stellte, als ob er es blos aus Gefälligkeit thäte, - und ich lvußte doch, er ließ sich seilie Verillittelung gut bezahlen; es war sein Geschäft, ebenso wie er auch andere Geschäfte lnachte, die sich gerade trafen. Ich sagte ihlll das aber nicht und fragte amt) nicht nach dem Namen des jungen Mallnes, und ich dachte auch nicht weiter darüber llach . . . Das hatte noch Zeit; vorläufig hatte ich andere Dinge im Kopfe. Purim war vor der Thür, das Freudenfest Israels, ulld dazu hatten wir, einige Frelludillneu und ich, uns zusaullllellgethan, um uns zu maskiren und ein „Purimspiel" aufzuführen in den Häusern unserer Eltern. Die Brüder meiner Freundinnen waren mit dabei, Einer sollte den Haman, Einer den Mordechai und der Dritte den Achaschlverosch spielen, und ich sollte die Esther vorstellen. Die Frellndinnen stellten die Gespiekillllen der Königin Esther dar. Wir kamell oft zusammen, ttlal bei der Eillen, mal bei der Allderen, und übten das Stück ulld nähten unseren bunten Flittertand dazu, und die Jungell machten die Krollen und lvas sonst noch dazu gehörte aus Goldpapier. Und als das Puriulfest kanl, zogell wir unseren bunten Staat an, ulld gillgell zusammen zu den Eltern der Freundillnell und spielten das Stück, erst in dem einen, und dann in dem anderen Hause. Zuletzt gillgeu lvir zu meinen Eltern. Ich war in einem weißen Mullkteide. mit Goldpapierborteu besetzt, und hatte aus dem Kopf Spangen von Goldpapier und einen langen weißen Schleier wie eine Brallt. und das schwarze Haar lang aufgelöst. Es waren ein paar Leute aus der Nachbarschaft bei uns, um zuzuschallen, und ich hörte hinter mir flüstern, daß ich sehr schön aussähe. Das Spiel fing ail. Mordechai sprach zuerst zu mir und ich antwortete ihm ohne Schüchternheit, es lvaren ja fatitev Bekannte da. Aber während ich sprach, fielen meine Augen plötzlich auf einen Menschelr an der Thür, den ich nicht kannte. Es war ein junger Manll mit einem blassen schönen Gesicht. Und wie ich so hillsah. während ich mein Sprüchlein weiter sprach, blickte er nlich auf einmal mit seinen schwarzen Allgen an, imb es wurde mir seltsam zu Muthe bei diesem Blick. Ich wurde roth, ich stockte. Aber da ich gerade zlim König Achaschlverosch sprach, so dachtell Alle, daß diese Verlegeilheit mit zum Spiel gehöre, ulld klatschten, daß ich meille Rolle so gut spielte. Ich war! böse auf mich selber, daß ich mich durch den Blick eines frenlden Menschen so hatte verwirren lassen, Ulld ich sagte zll lllir selber: „Was soll er voll dir benfeit, wenn er das merkt? Nein, mtu mußt du ihm gerade zeigen, daß dir nichts an ihm gelegell ist!" Und ich ltahlll mich zusaulluell und spielte meine Sache so gut, daß man mir am meisten Beifall zollte lind meine Freundinnen ganz neidisch lvaren. DasSpiel war ans. Die Mädchen saßen lachend llnd scherzend anl Tisch und aßell ulld tvaiifeit. Ich aber war still, und lvar doch sollst iininev die Ausgelassenste gewesen. Es fiel den Anderll auf. „Warulll bist Dll so still?" fragten sie, „was ist Dir denn?" „Bin ich still?" fragte ich. „Nun, man'kann llicht immer lustig sein, aber mir ist nichts, gar nichts!" Mir war aber doch etwas, — ich hätte mir nicht sagen können lvas .... Aber! anders lvar mir zu Muth als sollst . . . Der Fremde war i fort, ich sah es, als ich heimlich hinblickte. Ich zerbrach mir; den Kopf, was er wohl sein könnte? — Ich Hütte fragen köllllen, beim meine Eltern wußten es gelvlß. Aber ich konnte das Wort nicht über die Lippen bringen. Ich hatte Allgst, ich lvürde dabei roth lverden ulld sie möchten mich dalln necken. Endlich fragte die eine Freundin: „Wer war denn der junge Maml, der all der Thür stand?" „Ach der?" lvar die Antlvort. „Der ist ein Verwalldter voll den Nachbarsleuteu, er reist hierdurch und ist blos für ben einen Tag zu Besuch." „Wie er; Dich angesehen hat, Esther!" rief die Eine. Ich lvurde ganz roth und sagte: „Er hat Euch ja gerade so augesehell, wie mich!" „Ich glaub', er hat gailz wo ailders hingeguckt", lachte der Vater, „der sieht kein Mädchen all!" „Ach so Einer ist er?" sagten sie errttäuscht. „Da wolleir wir llichts voll ihlu lvissell!" Ich aber dachte bei mir: „Er sieht kein Mädcheil au, lurd lnich hat er doch angesehen, den ganzen Abend, ilnd wie!" Und ich träunlte die ganze Zeit von dem Fremden und feilten schwarzen Augen. Am anderell Tage traf ich ihn auf der Treppe . . . Ich lvollte vorbeilanfell, aber er sprach lnich an und sagte: „Ihr seid die Tochter voll dem Herrll Bäreubraun?" „Ja", sagte ich, „und Ihr seid der Neffe von dem Herrn Löbel Schwarzbart?" „Ja", sagte er, „ich bin blos auf der Durchreise hier. Ich reise heute weiter . . . Ich wollt' auch gar nicht gestern in die freulde Stube komlneu, aber meine Verwandtell haben gesagt, daß sie gut bekaullt mit Eurem Vater sind nnb haben mich hineiugeschleppt. Ihr habt wirklich sehr schön gespielt!" „Ach nein", sagte ich ganz verlegen, „es war gar nicht gut!" „Mir hat's gefallen!" sagte er wieder und sah nlich so all lvie gestern. Ulld ich lvurde ganz verwirrt lmd schlug die Augell nieder ulld er fragte nlich ganz leise: „Sagt mir, seid Ihr scholl verlobt?" „Nein!" sagt' ich noch leiser als er . . . Ulld er nahm meille Hand llnd sagte: „Ich koulln' in eineul Jahre lvieder, schöne Esther! Ititb bann . . . lebt wohl!" Und fort war er. - (Schluß folgt.)