Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1900)
- Date
- 1900-03-16
- Page
- Seite 130 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Wie steht's um die bedrängte Christenheit In deutschen Landen? — „Das Volk der Denker", Braust Petrus ans — „sind Stänker und Zänker!" „Gemacb!" — ruft Gott — „Dn mußt nicht schimpfen. Und nur meine Deutschen nicht verunglimpfen, Weil darunter einige wüste Gesellen Voll Neid und verblendet so schreien und betten. Sahst Du Gewölk ititb Nebel nicht Schon manchmal dämpfen der Sonne Lichts Es braucht nur einen frischen Hauch von oben Und all das Gewölk ist schnell zerstoben. Und die Sonne glänzt uub strahlt und lacht In ihrer reinen goldenen Pracht. Glaubt mir. der Antisemiten Treiben, Es wird nicht lange bestehen und bleiben; lind strahlen als Sonne des deutschen Lands Wird unbefleckt in reinem Glanz Menschlichkeit. Freiheit und Toleranz." Daß Deutschland blüh', gedeih' linb wachs, Das wünscht getreuen Sinns Hans Sachs." Ter Optimismus, welcher aus dieser: Versen spricht, wurde zur Zeit, in der sie gedichtet sind, bau vielen gebildeter: Inder: getheilt, die mit Verwunderung eitler Bewegung Zusätzen, die ihnen zu unvereinbar mit deutschem Sinn und Wesen erschien, um sie als Etrvas von dauerndem Einfluß zu betrachten. Jedenfalls ist die in ironisirender Form gehaltene Poetische Kundgebung Daniel Sanders eilt Beweis, dasi der in seinem i friedlichen Gelehrtenheim für die deutsche Nation still schaffende ' Denker sich nicht theilnahmslos dem Treiben der Feinde seiner Religion und Rasse gegenüber verhielt. Mehr ltnd mehr wurde er durch seine uulfangreichen lepikographischer: Arbeiten wie durch die von 1837 an erscheinende „Zeitschrift für deutsche Sprache" voll der Außenwelt abgezogen. Eilt glanzvoller Tag im letzten Jahrzehnt seines Lebens lvar der 12. November 1889, sein siebenzigster Gebllrtstag, den er all der Seite seiner Gattin in voller Rüstigkeit feierte- Auster au 400 brieflichen und telegraphischen Glückwünschen nahln er die in einer ihm veranstalteten Festschrift gesaminelten Huldigungen einer Schaar von Dichtern uild Denkern entgegen. Es war eine Jubelfeier auch für fein engeres Heimathland, das ihm die höchste!: Auszeichnungen darbrachte, welche es Zll gebell hatte — die Ehrenbürgerwürde seiner Vaterstadt urrd das Ritterkreuz des Hausordens der Wendischen Krolle, dessen Verdienstkreuz ihm der Landesherr scholl 1880 verliehen hatte. In seinem Heim lebte er änsterst angenehm. Es lvar kein Tnskulum in schloßartigem Villenstil, nur eilt gediegenes Bürgerhans mit lveitem Eiugangsslnr und breiter Treppe, genügend geräunligen, behaglich, doch einfach möblirter: Ziu:- rnerll und einem Studirstübchen, das ihm vor Allem :m* gestörte Ruhe zn seiner Arbeit bot. Ihr widmete er feine Zeit so völlig, das; er sich von allell Zerstreuungen fern hielt Mld selbst Erholungsreisen abhold lvar. Allenfalls entschloß er sich im Sonnner zu einer Spazierfahrt mit den Seinen nach einem llahen, herrlichen Buchenwalde. Hinter dein Hause hatte er eitlen großen Garten mit schattigen Lauben und alten, breitüstigen Bäumen, durch deren dichtes Gezweig lein Sonnenstrahl siel. Dorthin trug er zuweilen Bücher und Schreibgeräth, lvenn es ihln in denl Stlldierzinllller oben zn schwül rvurde. Das Grundstück lvar noch bis vor rvenigen Jahren nicht sein Eigenthulll gewesen. Als es nach denl Tode des ihnl vorn Vater her schon befreundeten Hanswirthes znnl Verkauf stand und er hörte, die Ausnutzung des Gartens sei für Vergllügungszlvecke beabsichtigt, zögerte er nicht, es selbst zu erwerben, um sich die für ihn so lvichtige Ruhe zu sichern. Bis in sein hohes Alter blieb er vor dem schwerstell Schicksal, das ihn treffen konnte, bewahrt. Die ihn treu und liebevoll mnsorgende Gattin raubte ihn: der Tod nicht lange vor seinem eigellen Ende. Sie starb plötzlich unb schmerzlos am 30. Dezember des Jahres 1895. Ich sah ihn zllletzt im Herbst 1896. Er hatte sich zwar erholt durch einell Sommerallsenthalt all der Ostseeküste, voll lvelchein eine warme und lebendige Schilderurlg in einenl Nachruf von Reinhold Ortrnnnr: ben Lesern dieser Zeitschrift nlitgetheilt wurde. Doch znnl ersten Male hörte ich ihn über Arbeitsmüdigkeit klagen, lind von der Absicht sprechen, mehr der Ruhe zn pflege»!, welches Vorhaben ihm freilich zur Zeit lloch eine erhöhte Anspannung seiner Kräfte auferlegte. Er lvnrde ein halbes Jahr später mitten aus seiner Thätigkeit abgerufen. Der Jnfluerlza, welche außer ihm auch seinen Sohn, seinen Bruder und dessen Tochter heirnsuchte, konnten die beiden Greise keinen Widerstand leisten. Zuerst eiltschlief Daniel, der jüngere voll Beiderl. Die Leichenfeier lvnrde ihm seitells der jüdischell Gemeinde seines Geburtsortes in der mit reicher Trauerdekoration geschmückten Synagoge bereitet. Der Oberuub Landesrabbiner Dr. Hamburger legte seiner Predigt den Spruch Salomonis zu Grunde: „Ter Pfad des Lebens geht für den Denkender: auslvärts, das; er nicht stürze in ben Abgrund unten." Der nach Jahresfrist für Daniel Sanders errichtete Grabstein ist von seinen Hinterbliebenen mit der einfachen Inschrift versehen: „Wer den Bestell seiner Zeit genug Gethan, der hat gelebt für alle Zeiten." UILLETON Sr,iTWi Königin Esther. Von Bertha Ginsberg. - ll. YÄxj^ro&mutter!" sagte Golde beklonnllen, „Dn warst wohl einnral ein schönes junges Mädchen L) „Schön war ich," sagte die Großmutter mit dein träumenden Klange der (Stimme, der ganz von Erinnerllng erfüllt war, — „und so fröhlich sprang ich in» Hauseherum lvie ein Wiesel, und sang den ganzen Tag loie ein Vogel des Waldes. Sechzehn Jahre lvar ich alt darnals, und es hatte schon mancher „Bälboos" (Hausherr» beim Vater er mög' in Friede!: ruhe»: — äuge fragt um mich für seiner: Sohr:; das mußt' ich. Aber der Vater hatte schon Viele abgewiesen. Und ich hörte manchmal, lvie die Mutter Gott lasst sie selig sein — zum Vater sagte: „Warum hast Dn nicht den und den genommen? Es ist doch ein hübscher junger Mann ans frommer, gilter Familie . . ." Aber der Vater hat iuuner gelächelt und mich angesehen und gesagt: „Nein, das ist nicht der Rechte . . . unserer Esther ist noch ein Besserer bestimmt!" - Und die Mutter sagte: „Nu, ich bin's zufrieden, aber denk' an das Sprichwort: „Ninurr Dich irr Acht, das; Dr: für 'neu Kanarienvogel nicht 'lien