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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-16 · Heft 11 (16.3.1900) · p. Seite 132

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 11 (16.3.1900)
Date
1900-03-16
Page
Seite 132 (sequence 14)
Language
German
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132 Aus haitmergangener Zeit. Erinnerungen von David Hirsch selb. Das Erziehungshaus. Sn dem Artikel über das Centralkomitee wurde des Erziehungshauses nur vorübergehend gedacht. Seine Entstehung und Entwickelung bietet jedoch so viel Interessantes, daß ich noch einmal daraus zurückkonnne. Als Makower nach Brodh kam, fand er die ganze Stadt in Aufruhr, denn durch die ausgewieseneu Russen hatte sich die Bevölkerung säst verdoppelt. Seine Absicht, 40 Knaben nach Deutschland zur Erziehung zu nehmen, wurde bald bekannt, und die Eltern, welche für sich und die Ihrigen nur Noth und Elend vor Augen sahen, boten ihm wohl die zehnfache Anzahl der Kinder an. Es blieb jedoch einmal bei der festgesetzten Zahl, wovon Einer, der erkrankt war, Zurückbleiben mußte. Mit den übrigen 39 Knaben mußte Makower erst ein Exerzitium durchmachen, bevor sie reisefertig waren. Er ging mit ihnen in den nahen Wald, lehrte sie exerzieren, wählte die Intelligentesten von ihnen aus, welche das Kommando über die Andere» führten. Inzwischen wurden für die 39 Knaben neue Anzüge augefertigt, die sie anlegten, nachdem sie gebadet hatten. Schon bei der Abfahrt bewährte sich Makowers Vorarbeit. Der Bahnhof war von den Verwandten der Knaben überfüllt, die Knaben selbst kaum herauszufinden, da ertönte das verabredete Abfahrtssignal, und wie Schlangen wanden sich die Knaben aus ihrer Umgebung heraus. Einige Minute» später standen sie in Reilsi und Glied auf dein Bahnhvfsperron. Man bestieg die Wagen 3. Klasse, und fort ging es nach Berlin. Im Waggon lehrte Makower die Knaben, wie sie ihre Stiefel und Kleider zu reinigen haben und noch inanche andere wichtige Dinge. Zufällig hörte Makolver auch das Gespräch zweier Schaffner. Sonderbar ist es doch, meinte der eine, die Juden müssen doch immer schachern und handeln; schon die kleinen Judenjungen machen Geschäfte unter einander. Makower ging näher aus die Sache ein und erfuhr, daß die meisten Knaben Geldtaschen mit kleinen russischen und österreichischen Münzen besaßen. Beim Verhör, was die Knaben mit dem Gelde gemacht, ergab sich, daß sie sich die erhaltenen Taschentücher gegenseitig abgekauft, da sie von deren Nutzanwendung keine Ahnung hatten und sie^für Luxusartikel hielten. Makower verbot ihnen, mit den Geldtaschen zu spielen, und drohte, sie zum Fenster hinaus zu werfen. Uebrigens hätten diese ausländischen Münzen in Deutschland gar keinen Werth. So ging es weiter, bis deutsches Gebiet erreicht war. Hier begann nun wieder das Spiel mit den Geldtaschen. Makower konfiszirte eins, öffnete es und fand deutsches Geld darin. Wo habt Ihr das Geld her? fragte Makower und erhielt zur Antwort: Nu, Sie haben doch gesagt, unser Geld ist in Deutschland nischt werth, haben wir es au der Grenze gewechselt." Der erste Beweis war geliefert, daß jene Juden intelligent und bildungsfähig sind. In Berlin angekonnnen, wurden die Knaben einstweilen in dem Asyl untergebracht, welches das Berliner Lokalkomitee für die Durchreisenden eingerichtet hatte. Dort wurden sie verpflegt und erhielten auch den ersten Unterricht. Es mußte für ein festes, Unterkommen gesorgt werden, und das Centralkomitee erwarb für diesen Zweck ein Grundstück in Pankow mit Hof und Garten, welches mit Um- und Neubauten 50 000 Mark kostete. Es enthielt Schlafräume für 50 Knaben, Eßsaal, 2 Klassenzimmer, Bade- und Waschhaus, sowie Wohnräume für den Direktor, den Hilfslehrer und das Personal. Der Lehrplan bestand aus folgenden Gegenständen: Schreiben, Lesen, Rechnen, Geographie, Geschichte, Religion, Singen und Turnen. Der Uebergaug von der polnisch-deictsch-jüdischen bis zur reinen deutschen Aussprache hatte zwar seine Schwierigkeiten, wurde aber bald überwunden, und die Knaben lernten gut. Der Unterricht war vorzüglich, so daß der Ortspfarrer von Pankow, welcher die Schulinspektion auch über das Erziehungshaus ausübt, den christlichen Lehrern der anderen Schicken den Rath gab: „Meine Herren, wenn Sie lernen wollen, wie man guten Unterricht ertheilt und Knaben gut erzieht, so gehen Sie nach der Judenschule, da können Sie vieles lernen." Der erste Theil der Aufgabe war glücklich gelöst. Jetzt galt es, die Knaben zu tüchtigen Handwerkern auszubilden. Anfangs hatten die christlichen Lehrherren Bedenken, die russischen Knaben i» die Lehre zu nehmen. Da sie aber Geschicklichkeit, Fleiß und gute Aufführung zeigten, so wurden sic bald begehrte Artikel sür die Lehrherrcn. Die Knaben wohnten auch als Lehrlinge im Erziehungshause, erhielten dort Beköstigung und in ihrer freien Zeit Unterricht und wurden hier vor Gefahren bewahrt, denen junge Leute dieses Alters überall ausgesetzt sind. Die beste Auszeichnung erhielt das Erziehungshans dadurch, daß das Lehrlingsheim in Pankow nach seinem Muster eingerichtet wurde. An Gegnern fehlte es ja auch nicht, welche meinten, daß es unstatthaft sei. Schüler mib Lehrlinge in einem Hause unterzubringen, aber sie bedachten nicht, daß, wenn die Schüler acifstehen, die Lehrlinge bereits das Haus verlassen haben, und wenn sie heimkvmmen, die Schüler bereits in den Betterl liegen, so daß sie beu ganzen Tag nicht zusanunenkvinmen und höchstens bei Tisch mit einander speisen. Von dem Gelde, das die Lehrlinge verdienten, erhielten sie wöchentlich ein kleines Taschengeld, derlRest wurde ihnen bis zum Verlassen des Erziehungshauses ausgehoben und verzinst. Da sie nach Vollendung ihrer Erziehung in Deutschland nicht bleiben durften, so wurden sie auf Kosten des Hauses nach anderen Ländern, nainentlich nach Amerika expedirt, wohin sie ihre Ersparnisse, durchschnittlich 600 Mark, Mitnahmen, ui» für den ersten Anfang gesichert zu sein. Die Ersten, lvelche nach Amerika gingen, waren ein Tischler und ein Schlosser. Der Tischler fand bald bei Verwandten, die ein Möbelgeschäft hatten, Beschäftigung. Der Schlosser fand in New-Iork liederliche Gesellschaft, die ihm sein Geld abnahm, doch rettete ihn sein Freund, der Tischler, der ihn zu sich nahm und ihm Arbeit verschaffte. Bald ging Einer nach dem Anderen nach Amerika, und namentlich nach dem aufblühenden Chicago, wo sie sogar einen Verein gründeten, um sich gegenseitig beizustehen. Die leer werdenden Stellen der Russen wurden durch Berliner Waisenkinder wieder besetzt. Schließlich kauften die Gemeindebehörden dem Centralkomitee das Häuschen ab und führten die Erziehung im Sinne und Geiste des Begründers fort, denn sie fanden — daß es gut war. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich sür die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin,

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