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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-16 · Heft 11 (16.3.1900) · p. Seite 125

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 11 (16.3.1900)
Date
1900-03-16
Page
Seite 125 (sequence 7)
Language
German
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Vorsteher, des Kollegen cuu Orte und sonstigen freundlichen Spenderinnen ein opulentes Frühstück gereicht wurde. Die Nachnnttagsarbeit begann mit einem kurzen trefflichen mothodischen Referate des Herrn Lehrer Rosenthal-Königsberg über die Behandlung des fünften Gebotes. Es folgte darauf eine zweite gelungene methodische Arbeit von Herrn Kantor Davidsohn-Nastenburg über die schulgemäße Uebersetzung des Schma-Gebetes. Der Referent beleuchtete zunächst inhaltlich den Gedankengang des Gebetes, um dann die Tendenz desselben bei ben in den gebräuchlichen Uebersetzungen differirenden Arrsdrucksweisen einzelner markanter Stellen zn Grunde zu legen. Den Schluß der Tagesarbeit bildete der mit gespannten Erwartungen hier zum ersten Male anfgenommene Versuch, praktische Uebungen im kantonalen Gesänge in die gemeinsamen Arbeiten einer jüdischen Leserversammlung aufzunehmen. Der Versuch darf als in jeder Hinsicht gelungen bezeichnet werde,i und zwar sowohl in Bezug auf die Art, wie der Leiter dieser Uebungen, Herr Oberkantor Birnbaum-Kgb. es verstanden, die ganze Versammlung, die aktiv Betheiligten wie die passiven Zuhörer, dabei zn interessiren, als auch in Bezug auf die Betheiligung der Kollegen und den Erfolg der Sache. Auf Wunsch unseres Verbandsvorsitzenden, Herrn Rektor Dr. Adler, der sich für unfern Versuch sehr interessirt und mit uns darin ein geeignetes Mittel für die Fortbildung (bev auch im Kantorat beschäftigten Lehrer) im praktischen Chasonus erkennt, geben wir den Verlauf und Inhalt dieser Uebung etwas ausführlicher. Es hatten sich zur praktischen Theilnahme au der Uebung zehn Kollegen gemeldet, junge Leute und bejahrte Graubärte, denen auch etwa acht Tage vor der Versammlung die für diesen Zweck besonders herausgegebenen Noten mit Text zugesandt wurde. Diese Kollegen setzten sich zu Beginn der Uebung in der ersten Reihe zusammen, während die übrigen dahinter Platz nahmen. Herr Birnbaum saß am Klavier. Er leitete die Uebung auf einem kurzen allgemein-liturgischen Vortrage ein. Darauf folgte die musikalisch-historische Besprechung jeder einzelnen zur Uebung stehenden Partie. Zum Schlüsse kam die praktische Uebung zuerst in, Chorgesang, daun als Eiuzelgesang. Bei der Wiederholung der einzelnen Th eile sang bereits immer die ganze Versammlung mit. Es war ein Bild erhebend und schön, lvie man es in jüdischen Lehrerversammlungen selten zu sehen bekommt. (Leider können wir die höchst interessanten Ausführungen des Herrn Oberkantors Birnbaum wegen Raummangel nicht wiedergeben.) Dem Wunsche des Herrn Dirigenten, daß ein Jeder an der beendigten „ersten Uebung" Gefallen gefunden haben muß und sich Alle mit gleichem Eifer und gleichen, Interesse bei der nächsten Uebung in Lyck zusammenfinden möchten, folgte ein begeisterter Wiederholt der ganzen Versammlung, den, der Vorsitzende dann noch mit dankbaren, anerkennenden Worten an Herrn Oberkantor Birnbaum Ansdruck gab. Die Tagesordnung war damit erschöpft. Der Vorsitzende schloß die Versammlung um 4V2 Uhr Nachmittags. Am Abend fand dann ein großes Festessen statt, das die Gerneinde Rastenburg der jüdischen Lehrerschaft zu Ehren veranstaltete. Mit Jubel wurde besonders die Rede des Gemeindevorsitzeuden Herrn Ed. Jacobh ausgenommen, der der Lehrerschaft eine lange Liste von Zeichnungen seitens der Mitglieder der Rastenburger Gerneinde für die neue Pensionskasse überreichte. Es gereicht den jüdischen Gemeinden Ostpreußens wie der jüdischen Lehrerschaft der Provinz zur Ehre, daß sie sich aller Orten solcher Art in Beweisen herzlicher Zuneigung für einander zu bethätigen weiß. Ad. Peritz, Vereinsschriftführer. Der neue Fall und sein Ende. fA Posen, 6. März. ekanutmachung. An der hiesigen städtischen höheren Mädchenschule, die mit einen, Lehrerinnen-Seminar verbunden ist, ist die zweite Oberlehrerstelle am 1. April 1900.zu besetzen. Pro tue. docendi geprüfte Lehrer für Deutsch, Geschichte und evangelische Religion (Nebenfach) wollen ihre Bewerbungsgesuche nebst Lebenslauf und Zeugnissen bis zum 20. März 1900 bei uns einreichen. Vorstellung nur nach vorangegangener Aufforderung, sodann erfolgt Erstattung der baaren Auslagen der Reise. Broniberg, 28. Febr. 00. Der Magistrat: Knobloch. Das Spiel ist aus! Die jüdischen höheren Lehramtskandidaten werden davor bewahrt bleiben all der Bromberger städtische!, höheren Mädchenschule unterrichten zu müssen, ur,d der Bromberger Magistrat wird auf die beifälligen Anweisungen in gewissen Blättern ob seiner richtigen Ansichten in Zukunft zu verzichten haben, — die Lehrerstelle an der Bromberger Mädchenschule wird nämlich nicht in dem Geiste, der sich in der Behandlung des neuen oder des Falles Aronstein so glänzend dokumentirte, ausgeschrieben, es stellt sich einfach nur das Bedürfniß heraus, daß die Bewerber pro kur. doe. geprüfte Lehrer auch für evangelische Religion sein müssen; die Schuldeputation in Bromberg braucht danach keinen Juden mehr zu wählen, der Magistrat braucht keinen Juden mehr zu berufen und der freisinnigste Stadtrath mit der volksparteilichen Reichstagskandidaten-Vergangenheit braucht nicht mehr seine Abneigung gegen den Juden im Lehramt zu begründen. Alles auf die einfachste Weise und ohne jede Hexerei. Schade, jammerschade, daß das Bedürfniß nach einen, auch pro kur. docendi für evangelische Religion geprüfter, Bewerber sich nicht ein paar Wochen früher ben,erkbar gemacht hat. Der Fall Aronsteil, scheidet damit offiziell aus der Erörterung aus. Er ist beer,det. Nicht aber die Prinzipienfrage, un, die es sich hier gehandelt hat. Mögen unsere sogenannten Freunde, die nur ja in aller, politischen Parteier, haben, zun, zehntausendsten Male betheuern, daß ihnen jegliche antisemitische Neigung abgeht. Mag die Ueberzeugung, daß auf feiner Seite bei der Behandlung des Falles eine mala fides Vorgelegen habe, noch so stark sein. Für den Juden und gerade für den denkenden Juden bleibt aus solchen Norkomrnnissen immer das Gefühl einer ungleichen Behandlung zurück, das Gefühl, daß selbst in Kreisen, die für vornrtheilsfrei zu halten wir alle Veranlassung haben, dem latenten Antisemitismus Heeresfotge geleistet wird. Ich für mein Theil habe nie an irgendrvelchen Antisemitismus innerhalb der Bromberger städtischen Vertretung geglaubt und glaube auch heute nicht an einen solchen. Aber gerade deshalb habe ich den Fall Aronstein so behandelt, zu müssen geglaubt, auf die Gefahr hin, rnir vor Allen, bei dem Hauptbetheiligten, dern sicher diese Erörterungel, unangenehm gewesen sein werden, keine Sympathie!, zu erwerben. Die Bromberger jüdische Gemeinde hat die ganze Angelegenheit sehr richtig behandelt. Sie hat gethan, lvas sie nothgedrungen thun mußte. Das Spiel ist aus. Aber die Priuzipienfrage bleibt bestehen und die lautet nach wie vor: Soll dem Juden die Lehrthätigkeit an höherer, Schlllen verschlossen werden? Es rväre interessant hierüber ein maßgeber,des Urtheil zu hören. In, Uebrigen möchte ich die Möglichkeit anerkennen, daß z. Zt. ar, der Bromberger höherer, Mädchenschule ein Bedürfniß nach einer evarrgelischen Lehrkraft zur Ertheilung des Religionsunterrichts besteht. Aber der Fall Aronsteirr ändert sich darum doch nicht um ein Jota, und in der Verwunderung darüber, daß dieses Bedürfniß sich vor der Berufung des Herrn Dr. Aronstein zur Probelektion nicht schon bemerkt gemacht hat, werden wir wohl nicht allein stehen. Jetzt ist das Spiel aus.

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