Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1900)
- Date
- 1900-03-16
- Page
- Seite 126 (sequence 8)
- Language
- German
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126 Galizische Zustände. Von S. M. Lasar in Krakau. fie Klosteraffäre Streiten bildet noch immer das Tagesgespräch hier und beschäftigt auch reichlich die hiesige wie die Wiener Presse. Daß die Sache soviel Staub aufwirbelt, verdankt sie blos Nebenumständen, lvie daß das geflüchtete Mädchen nach einem russischen Zeugnisse noch keine 14 Jahre alt ist. trotzdem es ein Verhältniß mit einem christlichen Regimentsarzte hatte, dem sie jetzt ihre Religion und die Elternliebe opfert; nach dem Gesetze kann nämlich ein Mädchen unter 14 Jahren seine Religion nicht wechseln. Auch der Umstand, daß der Vater, sowie der Großvater zufällig reiche Leute sind, trägt dazu bei, die Angelegenheit au die große Glocke zu hängen. Sonst ist es in Galizien durchaus kein Kuriosum, daß jüdische Mädchen mit ihren frommen Eltern nicht harmoniren zu können glauben und durchs Kloster ihren angestrebten Zielen naher zu kommen suchen oder einfach ihrer „Ueberzeuguug" durch die That Ausdruck geben. Es giebt fast keine größere jüdische Gemeinde, die nicht solche Fälle aufzuweisen hat; sie gehören zu den Erscheinungen, die kein Aufsehen mehr erregen. Ein Mädchen jüdischer, just orthodoxer Eltern verschwindet plötzlich; man entdeckt sie in einem Kloster, alle Mühe, sie herauszubekommen scheitert an dem Widerstand der frommen Jungfrauen, vor deren Allmacht sich auch Minister, sofern es sich nur um Juden handelt, ohnmächtig fühlen; des Vaters Eifer wird allmälig abgekühlt — er fügt sich und die Sache ist abgethan. So oft sich solche Fälle ereignen, findet keine Zeitung sich veranlaßt, derselben auch nur unter den geringfügigsten Tagesueuigkeiten zu erwähnen. Der Fall Araten hat, lvie gesagt, Nebenumständen seine Popularität zu verdanken, und gelegentlich erzählt man sich hier, daß 30 jüdische Jungfrauen, die in den hiesigen Klöstern eingesperrt sind, demnächst ihre Religion wechseln würden. Hub solche Dinge gehen in Galizien seit Dezennien vor sich, ohne daß sie beachtet werden. Wer die Verhältnisse näher kennt, muß drei Thatsachen bei diesen Judentaufen wahrnehmen, worüber ein Fernstehender staunen würde: 1. daß sümmlliche jüdischen minderjährigen Kinder, die in den Klöstern Gastfreundschaft suchen, dem weiblichen Geschlechts angehvren; 2. daß sie fast ausschließlich streng orthodoxen Familien in polnisch-jüdischem Sinne eiitstammen; 3. daß die meisten Renegatinnen in Galizien, wie in Russisch- Polen, überhaupt aus „Ueberzeuguug" zum Christenthuln übertraten, und die Nachfolger der Apostel triumphiren über sie mit Recht mehr als über die männlichen Ueberläufer, die ausnahmslos nur aus materiellen Gründen ihre Religion wechseln. Diese drei in allen Fällen übereinstimmenden Thatsachen sind gewiß nicht dem Zufall zuzuschreiben, ebenso wie es kein bloßer Zufall sein kann, daß Mädchen aus solchen wohlhabenden Familien, die ihrer Religion und ihren Eltern treu bleiben, sich sehr oft bei ihrer Verheirathung unglücklich fühlen, und daß wir oft bei der Trennung einer jüdischen Braut von ihren Freundinnen tragische Scenen sehen, wie es bei der Trennung der Tochter Jephta's des Gileaditers, als dieser sein „Gelübde" einlösen wollte, erschütternder nicht sein konnte. Ein wahres Räthsel! Um dieses Räthsel zu lösen, muß man die Erziehungsweije kennen, die im modernen Polen in jenen obengenannten Kreisen gepflegt wird. Der polnische Jude richtet sich bekanntlich noch heutzutage nach veralteten Normen, insofern sie unverständlich lind mysteriös erscheinen. Eine der strengstens beobachteten alten Vorschriften dieser Art ist nun das angebliche Verbot, das weibliche Geschlecht in die religiöse Litteratur einzuweihen. Die Töchter der frömmsten Juden hier zu Lande genießen daher entweder gar keine oder eine echt moderne Erziehung. Sie sind somit entweder der schädlichen Wirkung des Müßigganges oder der demoralisirenden Romanlitteratur ausgesetzt. Es besteht auf diese Weise der schroffste Kontrast zwischen den Töchtern der frommen jüdischen Bevölkerung Polens und deren Söhnen, die von der frühesten Jugend bis zum reifen Jünglingsalter dem Talmudstudium, und in neuester Zeit zum Theil auch dem der Bibel und der nationalen hebräischen Litteratur ergeben sind; profane Bildung aber wird ängstlich vermieden, wozu auch die allgemeinen Schulverhältnisse beitragen. In Russisch-Polen giebt es keinen Schulzwang; in Oesterreichisch-Polen giebt es zwar Schulzwang, aber nur auf dem Papier, ebenso wie die Gleichstellung der Bürger. Jede Gemeinde in Galizien hat eine Schule; der Prozentsatz der Analphabeten ist aber trotzdem in Galizien nicht kleiner als in Rußland. In den kleineren Gemeinden und Marktflecken sind die Schulgebäude und die Lehrer nur dazu, da, um da 311 sein, nicht aber um, dem Gesetze entsprechend, dem Volke auch nur die primitivste Bildung beizubringen. . Es liegt dies im Interesse des allmächtigen Adels und des Klerikalismus, aus deren Mitte der Schulrath zusammengesetzt ist. In den kleinen Städtchen, die zur guten Hälfte Inden beherbergen, arbeitet der Chassidismus übereinstimmend mit den maßgebenden Kreisen des Polenthums daran, das Ziel des Schulgesetzes zu vereiteln. Der chassidische Jude zahlt gerne Strafe, wendet oft erlaubte und unerlaubteMittel an, um seine Söhne vom Schulbesuch zu befreien, während er sich die Ausbildung derselben im Talmudstudium viel kosten läßt. Anders ist es mit der Erziehung der Töchter bestellt. Für diese wird sowohl seitens des Schulrathes als auch meistens seitens der Eltern ernstlich gesorgt. Von der Ausbildung der Mädchen droht nämlich ben selbstsüchtigen Zwecken der herrschenden Dunkelmänner keine Gefahr, eben so wie dem ängstlichen Bestreben, an der versteinerten Lebensweise der Vorfahren festzuhalten. Besonders viel leisten die wahrlich musterhaften Mädchenschulen, die unter der Leitung der verschiedenen Nonuenorden stehen. Es ist erstaunlich, mit welchem Eifer und unermüdlichem Fleiß die Töchter der fanatischsten Eltern diese ausgesprochen klerikalen Schulen besuchen, und mit welcher Dankbarkeit und väterlichen Treue die sich gegen jegliche weltliche Bildung sträubenden Chassidim die Ausbildung ihrer Töchter in den genannten Schulen begünstigen. Die Folgen bleiben nicht aus. Eine unüberbrückbare Kluft besteht infolge dessen zwischen der weiblichen und der männlichen Jugend der jüdisch-orthodoxen Bevölkerung in Galizien. Und doch müssen diese zwei Gegensätze durch das Band der Ehe verbunden werden. Natürlich nicht aus freier Wahl, nach Muster der Romanhelden, die sich die gebildeten Mädchen zum Muster nehmen möchten. Da ist das Uebel. Dieselben Väter, die bei der Erziehung ihrer Töchter die größte Toleranz üben, werden plötzlich, sobald es sich um die Zukunft der Letztem handelt, Tyrannen. Die Mädchen werden ihrer gewohnten Freiheit beraubt. Wehe dem Mädchen, welches bei der Wahl ihres Bräutigams, - oder entsprechender gesagt, des Schwieger-