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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-16 · Heft 11 (16.3.1900) · p. Seite 123

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 11 (16.3.1900)
Date
1900-03-16
Page
Seite 123 (sequence 5)
Language
German
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123 HSei>eu miv unseren Reichstag an, giebt uns nicht auch er ein erschreckendes Bild von der Judeumacht: die Juden habeil die Sozialdemokratie gegründet, voll Iuderl wird diese geleitet. Mit ben rothell Genossen und der freisinnigen Illdenschntztrllppe bildeil die judenfrenndlichell schwarzen Brüder die Mehrheit des deutschen Reichstages illld gestalten stets die Gesetze so, das; diese den Juden zum Nutzeil, und dem amten Reiche, d. h. beu Bewohnern, die llicht zll den „obereil Zehntauselld" gehören, zunl Unglück gereichen. Wenn aber einmal der Reichstag „Schanden halber" ein Gesetz macht, das den Juden nicht genehm ist, wie das Börsellgesetz, dann machen die Inden ein solches Geserres, daß schließlich die Reichsregierung nachgiebt nild die Getreidebörse tu Berlin wieder eröffnet, trotz allem Gesetz uub Verbot, wie dies augenblicklich geschieht." Und nun denke man sich, solche Phantasien täglich einelu Bauerngemüth vorgesetzt, das noch großen Respekt vordem „Gedruckten" hat! * Die Erinnerung daran, wie in einem anderen süddeutschen Staate über die Anfrechthaltung der Verfassung gedacht wird, erlveckt eine Znschrift an die „Frankfurter Zeitung" anläßlich der hessischen Vorgänge: Bei Gelegenheit der vorletzten Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl richtete Dr. Albert Bacher im Rainen einer Anzahl Wahlberechtigter a»l die beidell ausgestellten Kandidaten eine schriftliche Allfrage über ihre Auffasslulg des Sinnes ilnd der Tragweite, die beui Reichsgesetz vonl 3. Juli 1869 über die Gleichberechtigung der Kollfessionen beizulegen feien. Er stellte dabei als leine eigene Interpretation des Gesetzes auf, daß es verbiete, bei der Besetzllng der öffelltlichen Aemter auf das religiöse Bekenntuiß der Bewerber Rücksicht zll nehmen, insbesondere sich etwa der Meilluug jener Volkskreise oder Parteiell zll fügen, die eine solche Berücksichtigung für löblich hielten. Als nothlvendige Konsequenz dieser Allffassnng leitete er ab, daß „jeder, der bei Besetzung eines öffentlichen Amtes mitzuwirkeu hat, falls er dabei jemals der Rücksicht auf das religiöse Bekenntuiß allch mir den geringsten Einfluß verstatte, eine ganz direkte Gesetzesverletzung" begehe. Den Herren, all die er sich seiller Zeit walldte, legte er die Frage vor ob sie das Reichsgesetz in bevfelben Weise auslegten wie er, und voll beiden erhielt er eine unumwundelle bejahende Antwort. Der eine der Herren, ein die sich das Bacher'sche Schreiben richtete, war der Führer der Natioilalliberalen Württembergs, der damalige Gemeinderath Dr. von Göz. Er schrieb kurz und entschieden, daß die von Dr. Bacher vertretene Auslegung des Gesetzes für Gleichberechtigung der Konfessionen seines Erachtens die richtige sei. Der andere Kaildidat der dann iu der Wahl die Majorität erhielt, war der Obersteuerrath Rümeliu. Seine Antwort lautete: „Daß ich das Gesetz r»om 3. Juli 1869 über die Gleichberechtigung der Konfessionen iu Ihrem und Ihrer Auftraggeber Sillne auffasse, dafür bürgen Ihnen die Ziffer 2, letzter Absatz, sowie die Ziffer 8 meines Wahlprogramlns." Dr. Bacher hat damals seine Anfrage und die beiden Antworten iu einer kleinen Broschüre dein Wortlallte nach veröffentlicht. Die gegenwärtige hessische Justizverwaltung scheint nach ihrer Praxis und nach ihrer Haltung vor dem Latldtag nicht der Ansicht zu fein, daß eine zwingende Vorschrift besteht, die verbietet, beit Bewerber um ein Richteramt wegen seiner Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben zurückzuweiseu. Deshalb dürfte es zeitgemäß sein, an die angeführten Aeußeruugeu rechtsverstündiger Mämler zu erinnern. * In Frankreich suchen Nationalisten, Klerikale und Antisemiten die Arbeiter für sich zu ködern mit der Behauptung, sie bekämpften in den Juden nur das Kapital zu Gunsten der Arbeiterinteressell. Daß dies eine Heuchelei ist, das hat ein hervorragender Führer der vereinigten reaktionären Parteien, Herr de Sabran-Ponteves, kürzlich offen ausgesprochen. Er hat nämlich in einer Versammlung in Billette Folgendes' gesagt: Ja ich will, daß das sich bildende französische Vermögen llicht ausgesogen wird durch die Masse der iuternationa'teu. kosulopolitischen, anonymen mld heimathloseu, d. h. der jüdischen Kapitalien, lvie das auch schon von Monseigneur dem Herzog voll Orleans ausgesprochen worden ist: es find Kapitalien, die, meint mein sie nicht erdrückt, die christlichen Finauzeu erdrücken werden. Dazu bemerkt die „Aurore": Es ist also kein Irrthum möglich. Wenn der Antisemitismus die kosnlopolitische Hochfinanz bekämpft uub deren „despotische" Kapitalien zu erdrücken sucht, so geschieht es nur, nm die Ausdehnung der christlichen Finanz zll sichern mld es beu katholischen Milliardären zll ernlöglichell, ihr Verulögell noch mehr zll vergrößern und unangreifbar zu machen. Worill soll beim die kosmopolitische Hochfinanz despotischer fein als die christliche? Die sehr christlichen Kongregationen besitzen offellklnldig acht Milliarden ulobiles Vermögen und zwei Milliarden Grundbesitz; was sie verheimlichen, das kann mall llicht abschätzen, lllau weiß nur. daß die „guten Väter." die den Auftrag habell, das Vermögeil zu verheimlichen, dafür iu den Jahren 1896—1899 in mehr als 4000 Fällen verurtheilt worden siild. Es scheint aber, daß dieses Vermögen noch nicht groß genug ist. da die Herren das kosmopolitische Gold für gefährlich lmd despotisch erklären! * Die Nachrichten aus Persien lallten in letzter Zeit wieder etwas günstiger. Besonders in der Hanptstadt Teheran und in Hamadan bessert sich die Lage der Juden wesentlich. Im der letzteren Stadt wird null auch bald eine Schule der Alliance israelite universelle eröffnet werden, der sogar der nelle Gouverneur dieser Hochburg muslimischen Fanatisulus seine Hilfe zugesagt hat. Dagegen ist in anderen Theileu des Inneren die Situation nach wie vor sehr traurig für die Juden. In Barforollch bei Reescht wurden die Israeliten vor: den dortigen Regierungsorganen arg bedrückt. Eine Intervention von Direktor Eazes bei dem Ministerium hatte den Erfolg, daß die Bedrückungen abgestellt wurden. Im Sultanerbad in Irak Djami ist ein Jude ermordet worden. Die beiden Mörder, obwohl der Behörde wohlbekannt, sollten straflos ausgehen, erst eine Intervention des englischen Botschafters führte zu ihrer gerichtlichen Strafe, allein auch jetzt wllrde nur auf eine Buße an die Verwandten des Opfers erkannt. Erst als der englische Gesandte noch einmal energischer einschritt, weil der Ermordete alls einer englischen Familie abstammte, ist jetzt eitle nochmalige Verhandlung angeordnet worden. Konferenz der jüdischen Neligionslehrer Ostpreußens. m Abend des 1. Januar und am 2. Januar d. I. versammelten sich die jüdischen Religionstehrer Ostpreußens in Nastenbnrg zu ihrer übliche»l Jahresversammlung. Es waren im Ganzen ca. 40 Lehrer uudRabbiuer erschienen. Am Abend des 1. Januar fand die Generalversammllmg statt. Der Vorsitzende, Herr Prediger S tu rul an n, erstattete zunächst den Jahresbericht. Die Thätigkeit des Vorstandes lvar auch tut abgelaufenen Jahre vorwiegend durch die tvichtigeu Arbeiten für die Einrichtung der ostpreußischeu Pensionskasse iu Anspruch genommen, doch liegen für die nächste Zeit auch andere wichtige Ausgaben zur Erlediglmg vor, so die Neubearbeitung des Schnlplaus, die Feststellung eines spezialisirten Lehrgangs für den Sidduruuterricht re. Eill Streitfall zwischen einer Gemeitlde mld ihrem Beamten tvnrde dem gemeiusameu Schiedsgericht überwiesen. Der Vorsitzende besprach dann die Thätigkeit der Vertrauensmänner, dieselbeil noch zu regerer Arbeit aneifernd. Die Schuliuspektion werde ihre Inspektionen voraussiclitlich bald nach Nelijahr wieder begimlen. Der Vorsitzende legte bei dieser Gelegenheit noch einmal die Nothwendigkeit dar, der Schulinspektion

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