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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-16 · Heft 11 (16.3.1900) · p. Seite 122

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 11 (16.3.1900)
Date
1900-03-16
Page
Seite 122 (sequence 4)
Language
German
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122 staltnng der jüdischen Angelegenheiten wäre, wenn zur Beseitigung der herrschenden Willkür und der daraus nothwendig entspringenden mißlichen Verhältnisse ein kirchlicher Organismus unter dein Schutze und der Autorität des Staates geschaffen werde. Wir haben in der vorigen Nummer das Schreiben eine* angesehenen deutschen Gemeindevorstehers znm Abdruck gebracht, in dein ein solches Konsistorium geradezu als der einzige Ausweg ans dem Wirrwarr unserer Verhältnisse verkündet wurde. Aus den triftigsten Gründen muß man die Idee, einenWeltkongreß nach Paris während der Ausstellung zu berufen ablehnen: es sei denn, daß dieser Kongreß sich nur mit der sozialen Lage der Indenheit befasse. Dann hätte er eine Berechtigung und vielleicht auch eine Aussicht auf Erfolg, denn die Furcht vorder sogenannten Internationalität ist nur noch ein blasser Schemen, mit dem man heute höchstens kleine und nur selten noch große Kinder schrecken kann. So gut lvie die internationale katholische Propaganda, so gut wie die protestantischen Hilfsvereine für alle Länder, so gut kann auch das Judenthuin seine Gesammtinteressen in allen Ländern gemeinsam berathen und betreiben. Das Bedürfniß nach internationaler Bereinigung hat sich jetzt sogar im Bund der Landwirthe geltend gemacht, und in den Antisemitenkreisen ist längst und sehr eindringlich die Bildung einer antisemitischen Bereinigung gefordert worden. Wenn aber ein solcher Weltkongreß auch innere religiöse Fragen besprechen sollte, so müßte man entschieden Einspruch dagegen erheben. Wie hoch wir auch das Gefühl der Pflicht stellen, für die gemeinsamen Interessen des Judenthums und Indenheit mit gemeinsamer Kraft zu wirken, so meinen nur doch, daß der Fortschritt ans religiösem Gebiet in den verschiedenen Ländern so wesentliche Aeuderungen bewirkt hat, daß eine i gemeinsame Grundlage für eine neue Gestaltung des religiösen! Lebens absolut nicht herznstellen ist. Wir wüßten wahrlich; nicht, was die Rabbiner ans Rußland und Polen mit denen aus Deutschland, Frankreich und England über religiöse Fragen berathen könnten, und wir können eine gedeihliches Resultat von solchen Berathnugen, auch wenn hie und da einige gemeinsame Punkte herausgefnnden werden sollten, nicht erwarten. Gerade weil wir die historische Bedeutung der drei großen Rabbiuerversammlungen in Braunschweig, Frankfurt und Breslau sowie der beiden Synoden in Leipzig und Augsburg so hoch anschlagen, sind wir der Ueberzeugung, daß religiöse Fragen nur in jedem Lande besonders erörtert oder gelöst iverden können. Wir würden der Berufung einer neuen Synode in Deutschland freudig znstimmen, weil wir glauben, daß sie viel Gutes schaffen könnte, auch selbst wenn sie nur durch ihr Zusammenwirken wie einst die Rabbinerversammlttngen die Muthlosen und Zaghaften kräftigen, die Ausschreitenden mäßigen, den Irrenden den rechten Weg zeigen und so eine Quelle religiöser Neubelebung bildett würde. Aber von einem Weltkongreß der Rabbiner oder gar von einem neuen Sanhedrin können »vir uns nicht den geringsten Erfolg versprechen. Und darum möchten nur Allen, denen es ernst um die Sache ist, den wohlgemeinten Rath geben, diesen Plan nicht weiter zu verfolgen. Are Mache. Berlin, 14. März. faß die Flottenvorlage nur den Inden zu Gute komme nnd deshalb nur von diesen gefördert werde, ist eine so einleuchtende nnd selbstverständliche Thatsache, daß wir uns wirklich darüber wundern müssen, daß sie bisher von den führenden Geisterit des Antisemitismus noch nicht enthüllt wurde. Jetzt erst kommt die „Westfälische Reform" und erzählt der Welt dieses Geheimniß. Der Handel liege in den Händen der Juden. „Wir müssen trachten, die Macht des Handels auf ein Minimum einzuschränken. Der Handel darf nur ein Werkzeug der Volkswirtschaft sein, aber nicht umgekehrt." . . . „So null man denn rvieder einige Milliarden dem jüdischen Moloch opfern, während das Volk kurz abgespeist wird." Noch eindringlicher predigt die Magdeburger „Sachsenschan" diese Wahrheit, indem sie behauptet, daß zur Reichstagsersahivahl im Kreise Kalbe-Aschersleben, ans welcher der nationalliberale Kandidat Placke als Sieger hervorgegangen ist, ein vertrauliches anonymes Schreiben verschickt worden sei. in ivelchem es geheißen habe: „Unter den Israeliten unserer Kreise ist die Weisung gegeben, für Placke zu stimmen. Es liege ini Interesse des jüdischen Volkes, daß die Flottenvorlage mit möglichster Majorität durchgehe, um! die zu erwartenden Anleihen den Israeliten große Vortheile bringen. Außerdem sei es nicht opportun, die Sozialdemokraten zu hoch kommen zu lassen, da die jüdischen Arbeitgeber auch bereits zn viel über Renitenz nnd Krakehl der Arbeiter 311 klagen hätten. Da ferner die Alitisemiten keinen eigenen Kandidaten anfstellten, so könne man getrost die Sozialdentokraten schießen lassen. — Soweit ich unterrichtet bin, sind auch die Freisinnigen von den jüdischen Vertrauensmännern angewiesen. Mann für Mann für Placke einztltreten." Alls die „flehentliche" Bitte des Einsenders null die Redaktion des Antisemitettblattes den Brief den feurigen Flammen des Ofens übergeben haben. Diese Rücksichtnahme ans einen Anonymus ist ivahrhaft rührend. * In den Parlamenten ist in der letzten Woche toiebei viel von den Juden die Rede gewesen. Bei der Berathnno des Fleischschangesetzes hat der Antisemit Dr. Vielhaben du werthvolle Entdeckung gemacht, daß wieder einmal die Juden an Allem Schuld haben, der Agrarier Dr. Rösicke hat dir Abg/Singer und Wurm als Juden sogar angerempelt nnd iß dafür von Ersterem in recht derber Weise zurechtgewiesen nwrden. In der sächsischen zweiten Kammer aber hat de'. Vizepräsident Opitz sogar'erklürt, die Rücksicht gegen die jüdische Religion gehe bei den Sozialdemokraten so weit, daß „sie sogm als ausgesprochenen Führer einen Zugehörigen dieser Religion alt der Spitze ihrer Partei haben". Ebenso geistreich lvie sächsisch. * Einer der schlimmsten Judenfresser in Baiern ist Herl Anton Memminger in München, den Fürst Bismarn in einer schwachen Stunde einmal empfangen hat und del gegenwärtig auf der Suche nach talmuvischen Zitaten, bk die Fleisch - Besudelung gebieten, sich befindet! So inter cssant lvie diese Thatsache, so charakteristisch ist ein Zitat andes^ Mannes Blatte, der „Reuen baierischen Landeszeitung" für. die Art und Weise, lvie sich in diesem Kopfe die Welt mall Er schildert den dentschen Reichstag folgendermaßen:

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