Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1900)
- Date
- 1900-03-16
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228365-3228377--56264-3292554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
64. Jahrgang. Nr. 11. Berlin, 16. Mär? IdvV. Allgemeine eitung oes Zu-enlhums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner 0r- Ludwig Phittppson-Gonri. Verlags-Expedition: iöerlin, Lernfalemerstr. 48/49. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. I Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, | Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. I Redacteur: Gustav Karpeles. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. 3ltl)ßlt. Leitartikel r Ein neues Sanhedrin — Die Woche. — Konferenz der jüdischen Religionslehrer Ostpreußens. — Der neue Fall und sein Ende. — Halizische Zustände. Von S. M. Lasar in Krakau. — Zur Jubelfeier der Berliner Akademie der Wissenschaften. — Daniel Sanders. IV. Von Bertha Treumann-Koner. — Ferrilletonr Königin Esther. II. Von Bertha H ins der g. — Aus halbvergangener Zeit. Von David Hirschfeld. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten r Berlin, Posen, Rakwitz, Neisse, Mhslowitz, Leipzig. Frankfurt a. M., Nürnberg, Burgvreppach, Wien, Baja, London. — Don Nah und Fern. — Sprechsaal. — Geschäftliche Notizen. Gin neues Sanhedrin. Berlin, 14. März. ie Pariser Weltausstellung wird natürlich auch in diesem Jahre sehr viele Besucher anlocken. Längst vergessen ist in unserer schnelllebigen Zeit der Schwur, den sich so Viele ivährend des Dreyfus-Prozesses geleistet haben, ihren Fuß nicht mehr auf daS Pariser Pflaster zu setzen. Ja, im Gegentheil; es scheint fast, als ob der Besuch diesmal ungleich größere Dimensionen annehmen werde als in früheren Jahren. Da ist es denn natürlich, daß man in verschiedenen Kreisen auf die Idee gekommen ist, die gute Gelegenheit, die dieses Rendezvous der Völker bietet, zu Kongressen und großen Versammlungen jit benutzen. Wieder hört man von einem Religionskongreß sprechen. Auch die Antisemiten wollen nicht znrückbleiben und einen internationalen Antisemitenkongreß abhalten. Es hat uns deshalb gar nicht gewundert, daß man auch in jüdischen Kreisen auf die gleiche Idee gekommen ist. Sie tauchte natürlich zuerst in französischen Blättern auf, dann 'wurde sie von anderen auswärtigen Journalen aufgegriffen; aber in Deutschland hat sich noch keine Stimme dafür erhoben. Der Plan hat auf den ersten Augenblick ohne Zweifel etwas Bestechendes. Es soll ein Weltkongreß von Rabbinern and hervorragenden Männern der Judenheit während der Weltausstellung in Paris abgehalten werden, der über die schwebenden Angelegenheiten des Judenthums und die großen Fragen, die dasselbe in der Gegenwart bewegen und erfüllen, oerathen und beschließen soll. Es ist sehr verhängnißvoll für diesen Plan, daß mail das Wort Sanhedrin gewählt hat, denn cs >vird dadurch die Erinnerung an eine Institution geweckt, die in der Geschichte des neueren Judenthums keinen besonders erfreulichen Nachklang hinterlassen hat. Man denkt unwillkürlich an das Pariser Sanhedrin vom Jahre 1807, und diese Erinnerung allein genügt schon, um den neuen Plan abzuweisen. Was damals in halb Europa als ein Ereigniß der Befreiung und Wiedergeburt gepriesen wurde, das gilt heute bei unbefangener geschichtlicher Betrachtung als eine blinde Unterwerfung der Judenheit unter den Willen eines Gewaltigen, als eine Preisgebnng des Rechts und der Ehre des Judenthums zu Gunsten der bürgerlichen Gleichstellung. Zwei fundamentale Jrrthümer wurden danlals begangen, die für die künftigen Känlpfe um die bürgerliche und religiöse Emanzipation geradezu verhäuguißvoll lvaren und die heute leider noch nicht ganz überwunden sind. Der erste war der, den Grundsatz der Entwickelung des Judenthums durch irgend einen äußeren Zweck zu bedingen und als Mittel oder Bedingung zur Erreichung desselben auszngeben; der zweite große Jrrthnm, der aus Mangel an Verständniß für die Aufgaben des Judenthums hervorging, beruhte in dem Glauben, das; die Befreiung von der Verbindlichkeit des Gesetzes durch irgend welche äußere Autorität vollbracht und dadurch für alle Bekenner des Judenthums bindend» Kraft haben könne, ivährend doch eine solche Evolution nur ans den; Wege der Selbstentwickelung erfolgen inuß, aus der allein das Recht zur Selbstemanzipation hervorgehen kann. Die berauschende und sinnverwirrende Erscheinung des mit allen; äußeren Glanz ausgestatteten Pariser Sanhedrii; ist für die Entivickeluug des Judenthums fast wirkungslos gebliebei; und hat auch auf die Gestaltung der religiösen Zustände unter den Juden Frankreichs nicht so tief eingewirkt, als man damals glauben mochte den«; wir haben uns bis auf den heutigen Tag noch nicht überzeugen können, daß die Konsistorialverfassung, ivelche die französischen Juden jenem Sanhedrin verdanken, eine Institution sei, die das Judenthum dort mehr gehoben oder gefestigt hätte als in anderen Ländern, die einer solchen Konsiftvrialverfassung entbehren. Im Gegentheil! Nirgends sind die religiösen Zustände so traurig als in Frankreich, das fast seit einem Jahrhundert einer wohlgeordneten Konsistorialverfassung sich erfreut. Die Befürchtung, daß aus jener französischen Konsistorialverfassung eine hierarchische Staatskirche sich entwickeln werde, ist freilich nicht eingetroffen; sie;st keine Macht geworden, die Freiheit und Gewissen zu binden in der Lage >väre. Daß dies nicht geschehen, ist aber weniger ein Verdienst der Konsistorialverfassnng als der in dem Judenthum lebenden und wirkenden inneren Triebkraft, die das unveräußerliche Heiligthum der freien Selbstentwickelnng, nämlich die Autonomie der Gemeinde und das Selbstbestiminungsrecht des Einzelnen, nicht erschüttern läßt. Es ist dies um so wichtiger hervorzuheben, als gerade jetzt wieder die Ansicht anftaucht, daß es ein Segen für die Ge-