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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-09 · Heft 10 (9.3.1900) · p. Seite 120

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 10 (9.3.1900)
Date
1900-03-09
Page
Seite 120 (sequence 14)
Language
German
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war eine ganz neue Auffassung der Geschichte non Esther, aber sie war immerhin nicht ganz unglaubwürdig. Es ist immerHn möglich, daß Mordechei in der Angst, keinen Mann für sHn Mündel zu bekommen, sie auch dem Manne gegeben hätte, ebenso wie er sie später dem König für seinen Harem znführte. „Ei ei, sagte der Bvrsteher lachend, „das ist etwas gayz Reues und steht ja gar nicht in der Megille, daß die Esther zuerst den Hainau haben wollte, — und daß er sie nicht mal wollte! — Aber freilich, die Esther, die da steht, die hätt' dem König auch nicht gefallen, — und da ist es kein Wunder, wenn sie auch dein Hainan nicht gefällt!" - Die schöne Esther nahm diese scharfe Kritik ihrer Reize höchst gleichmüthig hin und benutzte die Pause, um geschwind ein paar Apfelsinen und Kuchen vom Tische zu nehmen und sie in den» abgeschabteil Plüschbeutel, den sie am Arme trug, verschwinden zu lassen. Auch Mordechai, ihr edler Oheim, barg einiges Obst in den weiten Taschen seines Schlafrockes, während Haman dem Hausherrn eine Geldbüchse hiilhielt, um den klingenden Lohn für die ganze Gesevsihaft zu empfangen. Das Spiel ging weiter. Die Kinder und die Erwachsenen lauschten vergnügt den lächerlichen Wechselreden zwischen Haman, Esther, Ahasveros und Mordechai, und lachten herzlich über die kräftigen jüdischen Witzworte, die hier und da in dem Dialog aufleuchteten . . . Golde, die älteste Tochter, stand, den Ausdruck mitleidigen Spottes auf ihren, hübschen Gesicht, am Lehnstuhl der Großmutter, dicht bei dem breiten grünen Kachelofen . . . „Du schaust ja so aufmerksam hin, Großmutter," sagte sie, „Dn paßt ja so genau ans, daß Du kein Wort verlierst! Gefüllt Dir denn das närrische Gethue?" Die Alte sah unverwandt auf die grotesken Gestalten und horchte mit vvrgeneigtem Haupte auf die tollen Reden und! Gesäuge. - In seltsamem Glanze strahlten die Augen, das welke Gesicht mit jugendlichem Schinuner erfüllend. — — „Ich denk' an alte Zeiten," sagte sie träumerisch, „an alte Zeiten." — — — „An was für Zeiten, Großmutter?" „An meine Jugend, - wenn ich den Haman seh' und den Mordechei und die Esther, — da muß ich daran denken, — und lvenn ich hör' die Lieder, wie ich sie gehört und gesungen in meiner Jugendzeit!" - — — „'s ist ein dummes Lied!" meinte die Enkelin wegwerfend. „Gerade gut für die Kinder." „'s ist ein dummes Lied, das ist wahr," sagte die Großmutter. „Aber sie haben's schon gesungen, dasselbe Lied, wie ich jung war. . . . Und wenn ich's höre, denk' ich an meine Jugendzeit, und es ist mir, als wär' ich wieder jung, so jung wie Du jetzt bist." . . . Dem jungen Mädchen war es seltsam zu Muthe, als sie' die Ahne so von ihrer Jugend sprechen hörte. ... Sie hatte noch nie daran gedacht, daß die alte Frau, die so gebückt und mit welkem Antlitz und zahnlosem Munde in ihrem Lehnstuhl saß, auch einmal jung und fröhlich durch das Leben gehüpft war. . . . Und flüchtig zog der Gedanke all den Wandel alles Irdischen durch ihr Herz, und die Empfindung der Vergänglichkeit von Jugend und Jugendlust machte sie erschauern. (Forts, folgt.) Bem Andenken Steinthal's zum ersten Jahrestage seines Todes (gest. März jsSW). Von Henriette Hirschberg. 6SSie Krone ist vom Königshaupt gefallen; In Feldherrnhand gebrochen ist das Schwert — Ein edler Priester, dessen Erdenwallen Ein hehrer Dienst für Vaterland und Herd, Er ist gestorben! Unsre Klagen hallen Um ihn, der unserer heißen Thränen Werth - Wir sahen des Jahrhunderts Thor sich schließen: Das neue Licht dürft er nicht mehr begrüßen. Ein Jahr dahin, daß uns entfiel die Krone, Daß um den Führer klagt der Truppen Schaar Nicht gilt der Schmerz nur Jnda's großem Sohne Er gilt dem Guten, der eilt Weiser war. Der nie gesorgt, daß Erdeudauk ihm lohne; Deß Wort so machtvoll wirkte, weil es wahr! Hell glänzt's, verklärt von heiligen Eifers Gluthen, Wie einst sein Grab ivard hell von Sonnenflnthen. - Am Sabbath war's, da er das Licht erblickte, Und Sabbathfriede strahlt um seine Bahn. Wie Sabbathgrnß sein kindlich Herz entzückte. Frei und befreiend lveht sein Geist uns an. Scheinlos itnb groß, sein Wort uns tief erquickte. So lebt' und strebt' er still: eilt deutscher Mann! Und ließ vor uns in kühnem Ausgestellten Deil Volks- und Sprachgeist herrlich sich entfalten! Bott ihm. dem heitngegangetten Weisett, lerne. Von ihm, der ferne jedem falschen Schein, Daß eins es ist im tiessten Wesenskerne: Ein wahrer Jude und ein Deutscher sein! So ward bestimmt es unserm Schicksalssterne: In Deutschland gehn wir einst zur Freiheit ein Weil deutschem, gleich dem jüdischen Gemüthe Der Glaub' entsproßt als frei' und reinste Bluthe. „Der liebe Gott" kann nur ein Deutscher sagen; Und wir: wir lieben Gott! wer weiß es nicht? Des Juden tiefst Gebet mögt ihr erfragen, Das jeden Tag als heiligstes er spricht Sein Lebett lang — den Tod selbst lehrt's ihn tragen; Er ruft noch, wenn sein irdisch Auge bricht: Deit Einzig-Einen. Gott, du sollst ihn lieben Mit allen Herzens-, allen Seeletttrieben! Und wie Musik mit vollem, hohem Klange Durch unsre Psalmen, unsre Lieder schwebt: Die deutsche Seele lebt nur im Gesänge, Im deutschen Worte reicher Wohllaut webt. Er hat's erforscht! Er hat im Wissensdrange Der Sprachen mtd der Völker Geist belebt — Ob wirr und kraus oft Wort und Ton uns scheinen: Der Sprachen Geist ist Geist vom Einzig-Einen! Nun klagt nicht mehr, daß er uns sei verloren, Es wirkt sein Denken weiterschaffend fort! Er war ein Mann, wie wenige erkoren. Lebt', wie er lehrte, eitles: Thun und Wort. Nicht feiner Zeit nur, aller Zeit geboren. Des Deutschthums mtd des Judenthnmes Hort! Der Geist fennt nicht der Zeit, des Raumes Grenzen: Ein Jude. Mensch und Deutscher wird er glänzen! Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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