Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1900)
- Date
- 1900-03-09
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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',4. Jahrgang. Mr. 10. öt!?♦ Berlin, 9. Man 1900. 'ZSerkage zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. £*2 Berlin, 7. März. Wie wir kurz vor Schluß des Blattes fahren, hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde heute eine Zuschrift -s Provinzial-Schulkollegiums erhalten, welche, im Aufträge es Kultusministers erlassen, die Mittheiluug enthält, daß die Schulnsteherin Frl. Dörstling angewiesen worden sei, jüdische Schülermen an den religiösen Andachten und an dem evangelischen Religionsuterricht nicht mehr theilnehmen zu lassen, falls dies von beu betreffeneit Eltern »licht ausdr ü cklich verlangt werde. Dell Wortlaut des Schreibens werden loir noch lnittheilen und ans die Angelegenheit urückkommell. 2/D Berlin, 3. Mürz. Der Deutsch-Israelitische Gelneindebund öffnet am 1. April d. I. einen Kursus zur musikalischen ortbildung jüdischer Kantoren. Dieser Kursus ist unentcltlich und steht jedem staatlich geprüften Lehrer offen. Er wird irter der Leitung der Herren Mllsikdirektor William Wolf uild mntor A. Fried mann stattfinden, und zwar währerld der Monate Lpril, Mai und Juni. Reflektanten wollen sich an das Büre au es Deutsch-Israelitischen G e rn e i n d e b u n d e s Berlin W„ igismund st r. 5 lvenden, das ihnen auch die Zeit ulld den Ort er Vorträge mittheilell wird. Der D.-J. G.-B. hat da wieder ein verk geschaffen, das einem tiefgefühlten Bedürfnis; entspricht und eine 't schmerzlich empfundene Lücke ausfüllen wird. Ehre den loackereu Männern, die an der Spitze des Bundes stehen ulld in selbstlosem, nermüdlichem Wirken, unbeirrt voll des Tages Strömungen, für das whl der deutschen Judenheit luivfeu und streben! 2/D Berlin, 5. März. Am 29. d. M. wird im Repräsentantenuil der Jüdischen Gemeillde, Oranienburgerstraße 30 II, eine Delei r t e n v e r s a nl m l u n g aller dem „Verband f ft r jüdische ^oblthätigkeitspflege" angeschlossenen Vereine stattilden. Die TagesordllUllg dieser Versamnilullg wird demnächst zur eröffentlichung gelangen. 5. Berlin, 5. März. Den fünftel! Vortrag zuni Bestell des :tipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des udenthums hielt heute Herr Karl Emil Franzos. Sein hema „Aus einem uugedruckteil Roman" hatte große Anziehungskraft nsgeübt. Die zahlreich erschienenen Zuhörer folgten mit gesparultem ilteresse dem Vortrageilden, der eine Episode ans dem östlichen Ghetto .'handelte, und zwar den Entwickelungsgang eines arlnen galizischen ungell, der durch eine Vorstellung des „Kaufmann von Venedig" ngeregt, auch bei sich den namentlich den Juden des Ostens innewhnenden Trieb zur Schauspielkunst in sich fühlt. Zllr Erreichung ieses Zieles ist vor Allem nöthig, daß er die deutsche Sprache erlerne. 3oi\ köstlichem Humor sind die Schilderungell, wie es ihnl gelingt, lese Klippe zu überwinden, und die Betrachtungen, die er bei dem Studium „Nathan des Weisen" nach seinem eng begrenzten Denken -ad Fühlen an stellt. Das Publikum spendete dem Autor lebhaften Dank. S2 Berlin, 1. März. Die ordentliche General-Versammlung es Israelitischen F r a u e n - U n t e r st ü tz u n g s - V e r e i u s fand seitern Abend in Cassel's Hotel statt und war sehr zahlreich besucht, ^ie wurde von dem ersten Vorsitzenden, Fabrikbesitzer I. Weinberg »öffnet und geleitet, welcher in herzlichen Worten den 24 Vorstandsamen für ihr nlühevolles, segensreiches Wirken und für das warme Interesse, lvelches sie stets dem Verein gewidmet, dankte. Zu ^unktl der Tagesordnung. Bericht des Vorstandes, bemerkte der Vortende, daß der gedruckte Kassenbericht den sämmtlichen Mitgliedern 'ereits zugegangen sei. Aus demselben sei hervorzuheben, daß dem Verein im verflossenen Rechnungsjahre 859 Unterstützungs-Gesuche zu- »egangen seien, von welchen jedoch nur 558 Berücksichtigung finden -vnnten mit einer Gesammtsumme von 6920 Mark gegen 6781 Mark im Vorjahre. An Zinsen wurdet! vereinnahmt 462 Mark von 14060 Mk. Reservefonds. Der Kassenbericht wurde von dem Rendanten, Herrn H. Benjamin vorgetragen. — Nach dem schriftlich eingegangenen Bericht der Revisionskommission, bestehend aus den Herren Leichtentritt und Adolf Saloulon. wurde dem Rendanten unter Dankesworten seitens des Vorsitzendeil Decharge ertheilt. Hierauf lvurden die ausscheidenden 13 Vorstaudsdanlen per Acclalnation wiedergewählt, ebellso die ausscheidenden Rechnungs-Revisoren, die Herren Leichentritt und Adolf Salolnon. solvie der Schriftführer Herr Martin Fernbach. Die Anträge aus der Versammlung fanden schnelle Erledigung. Zum Schluß nahm der Vorsitzende unter Dankesworten Veranlassung,ganz besonders zu erwähnen, das; bei den Vortrags- Chclen dem Verein eine Netto-Einnahnle von 1780 Mark im Jahreswechsel geworden sei. Die Sammelbüchsen brachten dem Verein 501 Mark. Der seit 17 Jahren bestehende Verein zählt jetzt bereits an 1600 Mitglieder. Um 8 Uhr begann die alljährlich an die General- Versamnllnng sich anschließellde gemeinschastliche Tafel, an welcher sich gegen 50 Personen betheiligten. Ein von dem Rendanten, Herrn H. Benjamin selbst verfaßter und vorgetragener sehr hübscher Prolog fand attgenleinen Beifall. Toaste und wahrhaft künstlerische Darbietilngen lnusikalischer, gesanglicher und deklamatorischer Art würzten das nach jeder Richtung hin allregende und heitere Mahl. — Wir bemerken bei diesern Anlasse noch, daß das Bureau des Vereins sich Wallnertheaterstraße Nr. 30 befindet. An jedem Werktage finb zwei Vorstandsdamen in dringenden Nothfällen Vormittags von 11—12 Uhr zu sprechen; natürlich ist das Bureau nur für arme jüdische Frauen bestimmt. £2 Berlin, 6. März. Der eben erschienene Jahresbericht des Jüdischell Mädchenstifts bietet einen befriedigendell Rückblick über das erste Jahrzehnt dieser, der hauswirthschaftlichen Ausbildung lmbemittelter jüdischer Mädchen und ihrer Vorbereitung für den Dienstbotenberuf dienenden Anstalt. Das schlvierige Werk hat einen gedeihlichen Fortgang genommen, und gegen anfänglich 6 Zöglillge werden jetzt deren 16 in dem von der Hallsmutter Frau Baer geleiteten Stift erzogen. Wieder konnten Müdchell für mehrjährigen treuen Dienst ausgezeichnet werden. Im Ganzen sind bisher 41 Zöglillge in beu Dienst getreten, und zwar 14 als Hausmädchen, 10 als Köchinnen. 10 als Mädchen für Alles, 5 als Kinderniädchen und 2 als Wirthschafterinnen. Sie haben fast durchweg gute Zeugnisse ihrer Dienst- Herrschaften über ihre Leistungen lvie über ihre Führnllg aufzuweiseu. Die Einnahlllen, die sich mit den Ausgaben ungefähr deckten, betrugen im letzten Jahre 8373,73 Mark. Vorsitzende des Stists, welches durch den Tod des Fräulein Franziska Liipschütz einen schweren Verlust erlitten hat. sind Waisenhausdirektor Dr. Strelitz und Frau Julie Neun» a n n. §2 Berlin, 5. März. Wie im Vorjahre im Westen der Stadt, in Schöneberg, ein Religionsverein sich gebildet, der, wie nlan hört, immer mehr festen Boden gewinnt, so hat sich vor Kurzen! im Norden, am Gesundbrunnen, ein ähnlicher Verein konstituirt. Der rührige Vorstand desselben hat es in kurzer Zeit so weit gebracht, daß ein kleines, würdig ansgestattetes Bethaus eingerichtet lverdeu konnte, in welchem die Vereinsmitglieder allsabbathlich zum Theil auch an Wochentagen, znr Andacht sich einfinden. Am verflossenen Sabbath Schekalim hielt Herr Rabbiner Dr. Pick- Schöneberg im neuen Bethanse am Gesundbrunnen vor den zahlreich erschienenen Herren und Damen die Predigt, in welcher er unter Zugrundelegung des Textwortes „Daß das Stistzelt ein Ganzes sei", ausführte, wie nothwendig gerade jetzt der feste Zusanimenschluß aller Parteien im Judenthurne und wie verdienstlich seitens des neuen Vereins Ahawas- Achiln es sei, mit der nenerrichteten Stätte für Andacht und Belehrung zur Stärkung des einheitlichen religiösen Bewußtseins und zur Förderung der allgemeinen Ziele das seine beitragen zu wollen. Dem Vernehmen nach beabsichtigt der Verein dort auch eine Religionsschule zu errichten.