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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-09 · Heft 10 (9.3.1900) · p. Seite 119

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 10 (9.3.1900)
Date
1900-03-09
Page
Seite 119 (sequence 13)
Language
German
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119 Ein Versuch, auf die Werke dieses Gelehrten, welche in | zahllosen Aufsätzen über ihn in chronologischer Reihenfolge! aufgezählt uitb zum Tbeil besprochen worden sind, speziell einj zugehen, würde mich hier zu lveit führen, auch über den > Rahmen dieses seiner Person geltenden Erinnerungsbildes hinausgehen. Bewundernswert!) ist bei seiner Gründlichkeit die Mannigfaltigkeit seines Schaffens. Bis in's Greisenalter bewahrte er sich die Kraft vielseitiger Ausübung seiner Begabung, ohne dieselbe zu zersplittern. Bei Erwähnung seiner Studienzeit sprach ich von seiner Beschäftigung mit dem Nellj griechischen. .Diese nahm er in späteren Jahren wieder auf j llnd gab 1881 eine neugriechische Grammatik heraus, sowie! 1S84 gemeinschaftlich mit A. N. Rangabö, dessen Lustspiel „Die > Hochzeit des Kutrulis", er vor langen Jahren übersetzt batte z lerschienen 18481. eine „Geschichte der lleugriechischen Litteratllr." > Lviu.mon Königin Esther. Von Bertha Ginsberg. I. egen mrd Schnee fiel vom Himmel nieder, itub in den Löchern zwischen den runden und spitzigen Pflaster- 'K3 steinell der Gassell bildeten sich schmutzige Lachen. Dllrch die spärlich beleuchteten engen Gassell bewegte sich eine seltsame Menschengruppe. Abenteuerlich geputzte Gestalten mit fratzenhaften Larven oder ungeheuerlichen Bärten vor ben Gesichtern kamen mit wunderlichen Sprüngen, mit lauten llärrischell Redell daher, ulld schreiend, lachend, johlend, pfeifelld folgte ihnen die Jugend des Städtchens. Da ftimmte einer von den Jungen ein Liedchen an: „Heut ist Purim, morgen islls aus!" „Gieb mir ’n Gröschel und schnleisz' mich ralls siel der Chor jubelnd ein: „Heut ist Pllrim, morgen ist's alls!" „Gieb nlir ’n Gröschel imb schlneiß' mich Jeder sang es in eitler anderell Tollart. Es war em fürchterlicher Lärm. Hub der Mellschenschwarul lvälzte sich lveiter, von Gasse zu Gasse, heulend, schreiend, quickelld. Die nlaskirten Mällller und Kllaben sprallgeil ulld hüpften lvie toll llnd patschten mit den Füßen in die Schmutzlachen, daß dieSchmutztropfetl ihnen bis ins Gesicht spritzten. Die Kinder wischten sich lachend den Straßellschmutz vom Gesicht und lärmten und zupften lleckeud die Maskiertell an ihren Kleidern, die aus bunten Flicken llnd Lappen grotesk zusamnlellgesetzt warell. Ueberall wo der Fug hillkam, öffneten sich die Fenster und junge und alte Köpfe tarnen znm Vorschein. Nur die ganz Grämlichen, lind das lvaren wenige, schalten über ben Spektakel, die Meisten lachten über die wutlderlichell Gestalten und die tollen Sprünge, die sie nlachten, und über ben Jubel der Kinder; und Marlche luden die Vermummten ein, bei ihnen einzutreten und zu esseil unb zu trillken. Sie fotgtell aber nrrr dort der Einladung, wo sie reichlicher Bewirthuug mld allsehnlicher Geldspenden sicher lvaren. Jetzt stockte der Zug vor dein Hause des Vorstehers, der eitler der reichsten und der angesehenste Mann in der 'raus!" Es war Gemeinde war. Die Masken traten in das Haus und ein großer Theil der sie begleitenbeu Kinder folgte ih'ien bis in den Flur. Dort blieben sie zaghaft , an der Thür stehen nnb bemühten sich, wenn sie doch nicht eintreten durften, wenigstens einen Blick auf die Herrlichkeiteil der „guten Stube" des Herrll Vorstehers zu erhaschen. Die Thür wurde geöffnet und ein Strom von Licht floß auf ben dunklen Flur. Ulld die erstaunten und begehrlichen Kitiderangen sahetl Kerzen in silbernen Leuchtern und hochgethürmte Obst- und Knchenteller, daß sich schier der Tisch darullter bog. Große goldgelbe Apfelsinen, Aepfel ulld sogar Weintrauben mitten int Winter? Eilt festlich gekleidetes kleines Mädchen stand auf der Schwelle und rief erfreut: „Mutter, Vater, da sind sie, die maskirten Leut'! Der Haman llnd die Esther und der König Achaschverosch!'' „LalL sie ein, reinzukommen!" tönte die Stimme des Vaters von drinnen, „llnd mach' die Thür zu!" Eilt Trupp Maskirter trat über die Schwelle nnb das Paradies der „gutell Stube" des Herrll Vorstehers schloß sich wieder vor all den glänzenden, lleugierigen Kinderaugetl. Dritltlen erhob sich der Hausherr, eilt schöner Mann mit schwarzem Bart, von seinem Stllhle ant oberell Ende des weißgedecktell Tisches. Er lachte fröhlich und rief: „Witlkomlnen, ihr Leut! Welche Ehr'! Der König Ahasveros selbst kommt mich besuchen und die schöne Esther und der fromnle Mordechai, sogar der böse Halnatl, der Judenfeilld, kontmt ztl mir! Na fanget all, singt euer Liedel! Der Lohll wird nicht ausbleiben!" Die Zwölfjährige, welche die Thür geöffnet hatte, llnd drei jüngere Geschwister, zwei Bubell ulld eilt Mädcheil mit rothell Wallgen llnd schwarzen Locken, drällgten sich tleugierig um die Gäste. Die Mutter, die ewig Geschäftige, die den gauzell Tag über fleißig geschafft hatte llnd sich llllr jetzt eilt kleines Ansuchen vergöltnte. hielt das Jüllgste anf dem Arm. Golde aber, die älteste siebzehnjährige Tochter, stand etwas abseits voll ben Gästen, die durch die Augenlöcher ihrer Larven begehrlich die Herrlichkeiten anf dem Tische allstarrten. Spöttisch lächelnd betrachtete sie ben König Ahasveros mit feinem schäbigen Kölligsgewand alls bullten Lappen lllld der goldpapiernen Krolle alls bent Kopfe und dem Bart alls Flachs; und die Königill Esther, die eiil verschossenes sehlvarzes Santmetillieder lllld schlllutziglveiße Battist- Puffärmel itnb einen kurzen rothell Rock trllg. Vor dem Gesicht hatte sie eine süß lächelnde Larve mit knallroth gemalten Backen. Vom Hallpte fiel hintell eilt Schleier nieber, der früher einmal lveiß gewesen seilt mochte. Haman hatte einen lallgell rothen Bart, der schon äußerlich seilles Herzens Bosheit ankündiaen sollte, lveitn ntcm beiu Sprichlvort Glatlben schetlken wollte, daß „(grien und rothe Haare auf schlechtem Bodell wachserl". Der frontute Mordechai aber trtlg einen alten Schlafrock mit Schntlr lllld Troddeln ulld einen eingedrückten Eylinderhnt. Esther stellte sich nun vor Halllall auf, stemnlte die Arme in die Seiten Ulld sang in merkwürdiger Verdrehung der überlieferten Thatsachen: „Dll hast gesagt, du lvirst mich nehmen, wenn der Pllrim konlntt! Der Pllriul ist gekommell, du hast lnich nicht genonllltell, ach nimm mich, ach nimm mich, ach nintm mich doch ztl dir!" Worauf Haman hohnlachend erwiederte: „Wie soll ich dich denil nehmeil, lvelln bit mir nicht gefällst! Du bist nicht schön voll Angesicht, verzeih' mir Gott, ich mag dich nicht! Geh' pack' dich, geh' scheer' dich, geh' pack' dich fort von lllir!" Das

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