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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-09 · Heft 10 (9.3.1900) · p. Seite 117

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 10 (9.3.1900)
Date
1900-03-09
Page
Seite 117 (sequence 11)
Language
German
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117 finden erst nach Beendigung der Volksschule, also mit dem Eintritt in das fünfzehnte Lebensjahr Aufnahme. Bei der Wahl des zu erlernenden Handwerks werden die Neigungen und Wünsche, die körperlichen und intellektuellen Anlagen der Zöglinge aufs genaueste berücksichtigt. Nur bei gewissenhaften und bewährten Meistern werden die Kinder in die Lehre gegeben, in deren Werkstätten sie tagsüber arbeiten und von den Mitgliedern des $ei,ronltiu:fl§rat[3e§ öfters besucht werden, die die Aufgabe haben, die Fortschritte der Zöglinge mit Sluf* nierksamkeit zu begleiten lind über dieselben Bericht zu erstatten. Die Abende sind dem Fortbildungsunterrichte in der Anstalt gewidmet. Sie genießen hier den Unterricht in Religion, Sprachen, Rechilen, Geometrie, Linear- und Freihandzeichnen. Ganz besonders veranlagte Zöglinge nehmen auch an den Kursen der städtischen gelverblichen Zeichenschule Theil. Auch auf die körperliche Pflege wird große Sorgfalt verwendet. Gesunde, einfache, kräftige Kost, geräumige und reine Schlafsäle, äußerste Reinlichkeit in Bezug auf Kleidung und Körper, allwöchentliche gemeinsame Spaziergänge unter Leitung des Direktors, kalte und warme Bäder, das fiitb die Faktoren, die nach den: Berichte zur Erhaltung unb Kräftigung des Körpers in Amvendung gebracht lverden. Die Zöglinge, die größtentheils aus ärmerer: Familien sich rekrutiren, lverden vollständig aus den Mitteln der Allstalt erhalten, ohne irgerrd rvelche Entschädignrlg entrichten zu lilüssell. Welcher Geist der Sparsalnkeit in diesem Institute herrscht, fami man daraus ersehen, daß der Kostenpreis für einer: Lehrling, alle forrstigerl Ausgaberr, wie Instandhaltung des Schulgebäudes, Hollorar der Lehrer 11. drgl. mit inbegriffen, pro Tag r:nr 1,07 Mark beträgt. Im letzten Jahre habeil 77 Zöglinge die Wohlthat dieser Anstalt genossen: 26 haben nach Beerrdigrlng ihrer Lehrzeit, mit guten Zeugnissen von ihren Meistern versehen, dieselbe verlasseil und lvurderr durch rreue 25 erseht. Die Einnahmen betrüge:: im letzten Geschäftsjahre Mark 20 615,99, die Ausgaben Mark 21 556,07; es blieb soinit ein Defizit von Mark 942,08. Mit Recht :veudet sich der Berlvaltuugsrath mit einem warmen Appell an die bisherigen Gönner der Anstalt, ihr Interesse für die Aufgaber: des Instituts zu steigern, demselben neue Freunde und Wohlthäter znzuführen, zumal der Allsschuß die Absicht hat, das Schulgebäude llmzugestalten, es alten Anforderungen der lnodernen Hygiene entsprechend einzurichte::, sowie seinen Wirkungskreis zu erweitern. Daß infolge der sozialen Berhältnisse unsere Glaubensgenossen im Elsaß in größeren: Maße als bisher den: Handlverk ::nd bem Ackerba:: zugeführt lverden nlüßten, das null ich in einein späteren Briefe an der Hand von statistischen Zahleil zeigen. Zum besonderen Lobe des Verwaltungsrathes u:id des Direktors möchte ich noch z:nn Schlüsse hervorheben, daß die Kinder religiös und im altjüdischen Geiste erzogen lverden. Dank der hinnaneil und lieberalen Gesinnung der hiesigell christlichen Meister, die die religiösen Satzullger: und Bräuche Andersgläubiger respektiren, ist es den Kindern dieser Allstalt vergönnt, die Sabbathe und Festtage zu feiern, an den: öffentlichen Gottesdienste in der Synagoge Theil zu nehrneu, wo ich sie am ersten Samstag meines hiesiger: Aufenthaltes zu meiner Frerrde kennen gelernt habe. Hoffer: wir, daß die aus dieser Schule hervorgegangenen Zöglinge nicht blos Handwerker bleiben, sondern auch jüdische Handwerker sein werden. Daniel Sanders. Bon Bertha L r e u m a n n - K 0 n e r. HI. fas Wörterbuch ward grundlegend für Sanders' Ruhm, für seine Autorität, wie für seine Popularität. Aber erst allrnälig, nicht mit einem Schlage, wurde dem deutschen Volke klar, was es an dem Schatze besaß, den der emsige Forschergeist eines einzelne:: Mailnes gehoben hatte. Das Volk bedarf der Führer, und in den maßgebenden Kreisen stand noch die Kritik des Grimmischen Wörterbuches einer rückhaltslosen Würdigung des Werkes allzusehr in: Wege, so daß verhältilißmäßig lvenig Stimmen dessen Lob und Preis verkündeten. Zlvei Aussprüche vv:r damals betone:: den starken Grundzug deutschen Wissens, der sich in Sanders Leistung offenbart. Freiligraths Bezeichnung des Wörterbuchs als „ein Denkmal deutschen Geistes, deutschen Wissens, deutschen Fleißes, deutscher Gründlichkeit" ist wiederholt angesührt worden. Und in einen: Briefe - - sorgsam von Sanders bis ans Ende seiner Tage in der Handschrift aufbewahrt — nannte der englische Goethe-Biograph George He):ry Lewes im Juni 1861 nach Kenntnißuahme der ihn: übersandten ersten beiden Bände des Wörterb::chs die Arbeit „ein Werk, das nur ein Deutscher habe unternehlnen, nur ein Deutscher Hobe ansführen können." Die von Lewes gehegte Erwartung, daß das Werk in England ein verständnißfähiges, obwohl kleines Publikun: sinden lverde — .,a fit audieiice Iho few** — sollte bei Weitem übertroffen worden. Der Ankauf von Daniel Sanders Manuskripten seitens des British Museums legt Zeugniß für die hohe Würdigung ab, die ihn: von der englischen Nation zu Theil geworden ist, und daß eine englische Fachzeitschrift 0 auf Grund seines Hauptwerkes ihm einen Platz neben Johnson und Webster ir: Aussicht stellte, deutet auf die Sympathie, deren er sich bei den: sprachverwandten Volk erfreut. Von allen Zeichen der im Laufe der Jahre ihm gezollten Verehrung freuten ihn nicht an: wenigsten diejenigen, welche auf seine zunehmende Popularität deuteten; schlichte Kundgebungen, aus denen er ersah, daß in den breiteren Schichten der Bevölkerung Verständn:ß und Dankbarkeit für seine Lebensarbeit gehegt ward. So garnichts vom geistigen Hochmuth war in diesen: Gelehrten, daß er, besonders in den Jahren seines Schaffens an den: großen deutschen Wörterbuch, nicht selten auf seinen Spaziergänger: an der Seite irgend eines Feldarbeiters oder einfachen Handwerkers gesehen wurde, und zwar in der Rolle des Belehrungsuchenden. Ganz so mit Lust und Liebe, :vie als Pädagoge, als Jngendbildner ist er auch als Sprachforscher zu Werke gegangen. Was die Welt mit Staunen und Bewunderung erfüllt hat — das schier ungeheure Maß seiner Arbeitsleistung - ist wohl aus seiner spannfähigen Nat::r und hochgradig entwickelten Kornzentrationsgabe zu erklären. Der nieerlahmende Eifer jedoch, mit dem er imrner neue große Anforderungen an seine Schaffenskraft stellte, zeugt von einer nuverwüstlichen Geistesfrische, wie sie nur Der besitzt, dem seine Aufgabe Herzenssache ist. Er nannte sich einen „Wörterbuch- 9 „La: lg mm es"- 15, September 1895, Aufsatz über Sanders mit Porträt.

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