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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-09 · Heft 10 (9.3.1900) · p. Seite 116

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 10 (9.3.1900)
Date
1900-03-09
Page
Seite 116 (sequence 10)
Language
German
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116 Mundart zur Antwort. Trotzdem ich diesen Satz mir ins Hochdeutsche übertrug, wußte ich nach dieser lakonischen Antwort ebensowenig wie zuvor. Da ich ans Norddeutschland her gewohnt war, den Gottesdienst durch profane Unterhaltung nicht zu stören, so blieb mir nichts anderes übrig, als mit meiner Wißbegierde bis nach Schluß der Andacht zu warten. Dann folgte ich den mich interessierenden Uniformierten, die von der Synagoge aus in Reih und Glied nach ihrem Heim ans der Halbmondgasse sich begaben. Diese, eine ziemlich enge Straße Alt-Straßburgs, mündet in die Heleuengasse, ailf der sich seit 1834 bis 1898 die erste größere Synagoge befand, auf dem Platze, wo einst die Walpnrgiskapelle (1049) und darin (1827—1834) ein Circus und eine Reitschule gestanbeu haben. Hier möge noch erwähnt werden. daß nach der Wiederansiedelung der Inden in Straßburg zu Anfang des vorigen Jahrhunderts das Haus auf der Tücherstubgasse Ar. 11, wo früher das Theater war, der kleinen jüdischer! Gerneirrde vom Jahre 1809 — 1834 als Gotteshaus diente. Kehren rvir mm zur Hatbmondgasse zurück. In dern Hause Nr. 3 öffnete sich rveit ein geräumiges Thor und rvir karnen in einen großen Hof, auf dern drei Gebäude stehen. An einem derselben ist die Büste eines Görurers der Schule, von dern weiter die Rede fein wird, angebracht und die Aufschrift: .. E c o 1 e i s r a e 1 i t e d e s a v t s et d e s in e l i e r s “ zu deutsch „Israelitische Kunstnrrd Geloerbeschule". Wann ist diese Schule entstanden? Jrn Jahre 1819, so lesen rvir im Borwort des Rechenschaftsberichts des letzten Jahres, thaten sich rnehrere hochherzige Mitglieder unserer Gemeinde zusarrunen vorn edlen Streben beseelt, eine Anstalt irrs Leberr zu rufen, deren Zweck es sein sollte, israelitische Knaben aus ärrnererr Farnilierr der Roth und der nrangelhaften Erziehung zu errtreißen, sie vor allen nachtheiligen Einflüssen zu bewahren, in ihnen Lust und Liebe zur Arbeit zu erwecken und sie mit den sürs Leben nothrvendigeu Kenntnisserr auszurüsteu, kurz, verwahrloste Kinder zu tüchtigen Handwerkern itnb gesitteten Menschen heranzubilden. Mit großen Schwierigkeiten und Hemmnissen hatten diese edlen Menschen zu karnpsen. Mußten ja auch die Borurtheile beseitigt rverden, die in der Regel jeder neuen Idee sich entgegenstelleu, rvie rvir es in unseren Tagen bei der Anstalt in Ahlem und beim Berein zur Förderung der Bodenkultur unter den Inden zu sehen Gelegenheit hatten. Aber dein unerinüdlichen Elser der kleinen Schaar lvackerer und begeisterter Männer gelang es, alle Hindernisse zu überwinden und ihren Plan zur Ausführung zu bringen; ja, es war ihnen auch vergönnt, für ihre selbstlose Mühe und opsersreildige Thütigkeit ungeahnte Blüthen und die herrlichsten Früchte reisen zu sehen. Während nämlich anfangs die Anstalt, die sich in der St. Barbaragasse befand, nur von hiesigen Bürgern subventionirt wurde, und ihre Mittel so spärlich waren, daß sie bloß 10 bis 2b Straßburger Kinder anfnehinen konnte, zog sie nach und nach die Ansmertsainkeit unserer Landbevölkerung und die anderer Gegenden aus sich. Alle Städte und Dörfer unseres Bezirks blickten mit Stolz aus diese Anstalt und verfolgten mit Interesse ihr Emporblühen. Nicht bloß aus Elsaß-Lothringen, sondern auch aus Frankreich, Belgien, der Schweiz und Amerika, von Juden und Christen, flössen bald reichlich die Gaben für dies heilbringende Institut, die den Verwaltungsrath in den Stand setzten, sein segensreiches Wirken auszudehnen. — In eine neue Phase trat diese Anstalt, als im Jahre 1825 der Bankier Louis Ratis banne, Chevalier de la Legiun d’honneur, sich für dieselbe zu interessieren begann. Dieser edle Menschenfreund, Schwiegersohn des in der elsässtfchen Geschichte der Juden rühmlichst bekannten Cerf Berr (hier auch unter dem Namen R. Herz aus Bischheim bekannt) hat sich als Mitglied des Gemeinderaths und als Präsident des israelitischen Konsistoriums des Unterelsaß große Verdienste um die Straßburger Judenheit erworben, indem er feinen Einfluß, sein Ansehen und seinen Reichthum in den Dienst seiner Glaubensgenossen gestellt hat. Seinen! Edelsinn verdankt unsere Geineinde das Hospiz für Greise und ein Mädchenheiin, das nach seiner Cousine den Namen Hospice- Elisa trägt. In den zwanziger Jahren wandte Ratisbonne auch der hiesigen Kunst- und Gewerbeschule sein Wohlwollen im großen Maße zu und schenkte ihr das Grundstück auf der Halbmondgasse, das noch jetzt mit seinen geräumigen Gebäuden den Zöglingen als geinüthliches Heim dient. Durch diese hochherzige Schenkung begann die Verwaltung mit größeren! Mnthe au diesen! herrlichen Kulturwerke zu arbeiten, und öffnete die Pforten der Anstalt Allen, die zur Aufnahme sich meldeten. Auch die Regierung verfehlte nicht, diesen! Institute ihre Anerkennung zu zollen, indem sie am 18. April 1842 durch eine königliche Ordonnanz diese Anstalt als eine gemeinnützige anerkannte. Nach dieser dem jungen Werke zu Theil gewordenen Auszeichnung bewilligte dann der Bezirksrath des Unterelsaß sowie der Rath der Stadt Straßburg alljährlich namhafte Zuschüsse, und andere Städte folgten diesen! edlen Beispiel, so daß die Anstalt inuner inehr ausgebaut iverden konnte. Weit über 1000 Jünglinge haben den Segen dieser Schule genossen und von da aus, mit den erforderlichen Kenntnissen ausgerüstet, ihre Wanderung durchs Leben genommen. Mit verschwindend kleinen Ausnahmen, meibet uns der Bericht, sind alle aus dieser Anstalt hervorgegangene Zöglinge theils hier, theils andersnw fleißige, gntsituirte Handwerker, ehrenhafte und allseits geachtete Bürger geworden, ja eine ganz bedeutende Anzahl unter ihnen hat sich in der gelverblichen Welt zu Größen ersten Ranges emporgeschwnngen. 0 Durch diese herrlichen Erfolge, die die hiesige Kunst- und Gewerbeschule erzielte, lvurden auch andere Gelneinden, lvie die in Mülhausen und Paris angeregt, ähnliche Anstalten zu gründen, die in demselben Sinne segensreich wirken. Und so hat die gute That fortzeugend Gutes gestiftet! Auch über die Art der Erziehung gewährt uns der Jahresbericht einigen Aufschluß. Als Leitstern dient dem Verwaltungsrath und dern Direktor der Schule der pädagogisch richtige Grundsatz: die harmonische Ausbildung der physischen und geistigen Kräfte der ihnen anvertranten Kinder. Dieselben 9 So z. B. M o 1 se Stern, Hofgraveur des Kaisers Napoleon 111. Henri Wolf in Ncw-Dork, der für seine bis jetzt noch nnerreichten Holzschnitte in ben Weltausstellungen zu Paris und Chikago die höchsten Auszeichnungen erhielt, der berühmte Bildhauer Ha nna u in Paris, der sich den Prix de Rome erwarb, der Inspektor der französischen Nordbahn G r v ß in Lille, früher Blechner, dann Inspektor der Gas- und Wosserleitnugsanlageu der Nordbahn und jetzt Inspektor der Bahn selbst. Henri Storch. Schriftsetzer in Lyon, besitzt jetzt eine der größten Bnchdrnckereien Siidfrankreichs. Dreyfnß, Kupferschmied in Paris, der über 100 Arbeiter beschäftigt, ebenso Frankel in Elbens (Nordfrankreich). Allch hier leben einige ans dieser Schule hervorgegangenen und jetzt sehr wohlhabende Handwerker lvie z. B. der Schlosser Leon Feist, der Blechschmied Henri Löb, der Tapezirer Hagen au er, der jetzt eine große Möbelhandlnng besitzt, die Schneider Sinion Kahn u. Hirzel, die hier für die höchsten Kreise arbeiten.

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