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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-09 · Heft 10 (9.3.1900) · p. Seite 115

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 10 (9.3.1900)
Date
1900-03-09
Page
Seite 115 (sequence 9)
Language
German
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- i ir, der trefflichen Redner ein Wort verlieren. Es lvird in der Tha< höchste Zeit, daß sich die dentschen Judenlauf sich^selbst besinnen. denn ail allen Ovteu wird gekänipft. Was ist das z. B. jetzt^in Hannover wieder für ein Kamps? — Eill Rabbiner.-Kamps der Orthodoxie — liegen die Reformbestrebungen! Warum ist denn Alles dieses denkbar, wodurch die Gesammtheit in den,Augen der christlichen Mitbürger ilicht gefördert, vielmehr herabgesetzt lverden muß! Es fehlt lins nicht allein eine zeitgemäße Organisatioil. svlldern es fehlt lllis vor allen Dingen ein Kollsistorillln in Preußen. Glücklich ist das Großherzogthum Baden daran mib fLimite so leicht als Vorbild dienen. Wenn erst die Jllden preußischer Nationalität eill Konsistorinin erreicht haben — diese bilden doch die Mehrzahl^aller dentschell Israeliten — so lvird es sich gar bald mit Vieles bessern müssen. Wir treten dann als nicht zu unterschätzender Faktor auf. unr können llnsere Wünsche in erheblich deutlicherer Weise als jetzt zum Ausdruck bringen, es entsteht mehr Rückgrat. Müssen wir doch leider all die westphälische Zeit anknüpfen; da hatten die Israeliten des Königreichs Westphalen ganz andere^Rechte als die zur Zeit gesetzlich gültigen, denn die vielfachen Gesetze werden ostnlals durch Verordnungen vollends negirt. Jede Gemeinde erstreitet ihr Riecht, da bei den Magistraten oder Landrüthen. da bei den Oberbehörden, als Regierungspräsident oder Oberpräsident und so fort. Die Rabbiner sind leider keine Staatsbeamten, lvas sie gleich den Geistlichen anderer Konfessionen doch sein müsztell, und gar erst der | Religionsunterricht, das wichtigste Moment, kommt heute längst nicht! mehr zu feinem Rechte. i Gar oft entstehen aus dem Zwang der Vorgesetzten jüdischen Organe, die Kinder dem llnterrichte znsühren zn lassen. Austritte ans der Gemeillde oder gar Taufen. Auch hier könnte ich mit Beispielen dienen, aber das ist wvhl kaum geboten, geht es doch leider an vielen Plätzen genau wie ich geschrieben. Eni Konsistorinm ist eine Macht, lvogegen ein Rabbiner, eill Vorsteher, selbst kleine Gemeinden einfach unbeachtete Elemente bleiben. Es lvird nicht eher um uns besser bestellt sein, als lvenn ein Konsistorinm ins Leben gerufen lvird, mib da würden meiner be-! scheidenen Ansicht nach der lveitverzlveigte Dentsch-Jsraelitische Gemeindebnnd, die deiltscheu, preußischen Rabbiner und die Gemeindevorsteher zu einer Synode berufen werden^müssen, um das Weitere ill die Wege zu leiten. Zur Erreichung solcher Zwecke sind natürlich Vorbesprechungen geboten; nicht geringe Mittel sind ebenfalls aufzubringen, aber da j lverden viele warm fühlende Inden gerne die Hände öffnen; lvie ich! das bei mir Alles empfinde.1 ergeht es ohlle Zlveifel vielem unserer . Glaubensgenossen. - Es gilt nur geeignete Männer zn finden, welche die einleitenden! Schritte thun möchten, und da Sie sich einer Frage zngewendet haben,! lvelche ohne die meillerseits gemachteli Einlvällde nnrJin Torso bleiben! kann, so vertraue ich. selbst ohne persönlich mit Ihnen bekannt zn sein,! Ihrer Initiative. lieber mich selbst gestatte ich mir noch ergebenst zn bemerken, daß j ich seit nahe 18 Jahren Vorsteher lneiner Gemeinde, und vielfach Ge-! legenheit gefunden habe, diejenigen Beobachtnngell zu machen, lvelche? ich vorhin wiedergegeben, und lvelche den Thatsachell entsprechen.! Es ist leicht denkbar, daß Sie meinen Brief als ein ziemlich un-! geordnetes Bonguet bezeichnen, aber in gleicher Weise, lvie in Gottes j schöner Natur auf dem Felde eill Strauß gar schnell gepflückt und un-! geordnet gelvnllden lvird, so ist es mir dabei ergaligen.! Wenn jedoch auch nur eine Knospe diesem Strauße entnommen, sich zur dusteuden Blüthe entfalten sollte, so habe ich nicht vergeblich diesen Brief Ihren iverthen Händen auvertrant. A. I). Die uns bem besten jüdischen Herzen kommenden Klagen! und Wünsche dieses Brieses lverden sicher ihren Eindruck glicht j verfehlen. Cb aber gerade ein Konsistorium alle diese Fragen lösen könnte, scheint uns mehr als nnloahrscheinlich. Stratzlnirger Briefe. Voll D r. E. F i n k e l. trnßbnrg, die „lvunderschöne Stadt", lvie es im Bolksliede heißt, das in Politischer uub retigiöserCBeziehnng im Laitfe der Jahrhunderte eilte bedentsame Rotte gespielt hat, ist auch für uns Inden reich an geschichtlichen Erinnerullgen. Bereits in der fränkischen itub germanischen Zeit haben nach den Berichten, des Historikers Schöpftin, lvie in dem anderen niederrheinischen Städten, Worms, Mainz^nnd Speyer, ji> auch hier nnsere Glaubensgenossen gelvohut. Die Jltdengasse, jetzt mit eilte der vornehmsten Straßen der inneren Stadt, bildete dalnats das Cnartier der Inden. Im Keller des Hanfes Nr. Io sind noch heute die Räume des „Judenbades" zu sehen. Im Hanse Nr. .80 befand sich zn jener Zeit die Synagoge, die im 14. Jahrhundert zur Zeit der Verfolgung der Jllden lliedergerissell wurde; an deren Stelle untrbe dann die „Balentiuskavelle" erbaut. Auch die Bezeichnungen „Jndenthor", „Jndenthnrm" und „Judenlvall" loeckerr in uns wehmütlsige Erinnerntlgen. Und erst die Brandgase'» die am Sabbath, den io. Februar 1841), am St. Batentinstage durch ungeheure Scheiterhaufen erhellt wurde, in deren lodernde Flammen die Anhänger der „Religion der Liebe" unschuldige Mellschen lvarfen ml inajorem bei gloriam. Zlvei Bilder ill der städtischen Gemäldesannnlnng Nr. 408 von Eugene Beyer und Nr. 488 von F. Lir verauschanlichen die bestialische Rohheit, mit der Ebenbilder Gottes im Beisein der „Diener Gottes" gegell ihre Mitmenschen vorgegallgen ftitb, loeit sie beit alleinseligmachenden Glauben nickst auneymen wollten. Diese Bilder zeigen uns, lvie blutrothe Flammen und dunkle Weihrauchwolken znm Himmel emporsteigen, uitb ans diesen Wolken spricht zn uns eine Stimme: „Diese Priester dienten nicht dem Gotte der Liebe, sie opfertet! dem Götzen des Fanatismus." Die Brandgasse wurde bis in die neueste Zeit von den Juden gemieden, lvie die Place <le.^ Ilnweent^ in Paris und der Titusvogen in Rom. Aber nicht in geschichtliche Erinnerungen möchte ich mich verlieren; ich will vielmehr in diesen Briefen die Eindrücke schildern, die die jetzige Judengemeinde Straßburgs ans mich gemacht, und zivar thue ich es chronologisch lvie ich die Eindrücke empfangen habe. Als ich nämlich am ersten Sabbath ineines hiesigen Aufenthaltes die so schön gelegene und in architektonischer Beziehung so überaus prächtige Synagoge besuchte, lvurde mein Blick von einer Anzahl Jünglinge gefesselt, die in den Hinteren Reihen andächtig betend dastanden und durch ihre Uniform nach Art der französischen „Lyceen" aussieten. „Was bedeutet diese Schaar und wem gehört sie?" fragte ich unwillkürlich meinen Nachbar. „Des sin ccoli< i\s" gab er mir in elsässischer r) Der jüdische Friedhof befand l4ch daniats am Ende der Brandgasse, nach demselben ivurden die Juden von der habgierigen und rohen Menge an jenem Tage geschleppt, lvo für sie Scheiterhaufen errichtet lvaren. 900, nach einigen Chronisten sogar 2000. fanden durch das charaktervolle Festhalten am väterlichen Glauben den Märtyrertod. An Stelle dieser „Judenbegrübniß"-Stätte. lvie dieser Friedhof in den alten Chroniken genannt wird, stand seit dem Jahre 1800 das Hotel ile la Pr e lee tu re, das im Jahre 1870 zerstört wurde; jetzt befindet sich dort das Palais des Statthalters, das die Nr. 19 trägt. Der Name Brandgasse rührt aber nicht, wie es im Volksmnnde heißt, von der Verbrennung der Juden her. sondern von einem Manne, 1 namens Braut. Schon im Jahre 1812 kommt die Bezeichnung! Brantgasse vor.

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