Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1900)
- Date
- 1900-03-09
- Page
- Seite 114 (sequence 8)
- Language
- German
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114 folgende Bemerkungen, wenn auch allgemeiner Natur knüpfe»» zu dürfen. Kaum daß das arbeitsame Kind unserer Zukunft aus den Kinderschuhen treten will, fällt es. welchen Beruf es auch ergreife, über die Sabbathruhe. d. h. über den jetzt festgelegtell Ruhetag für uns Judett. resp. deren Feiertage. Wie ist nun dieser Zwiespalt zu lösen? Das Mittel liegt ganz nahe; nur scheut sich fast jeder Israelit. Farbe zu bekennen, aber Alle gebe»! sich der ärgsten Selbsttäuschung hin, lassen eben Alles beim Alten. Ohne Reformen, und zwar keine unerheblichen, wird die Ausrechthaltnug der wirthschastlichen Stellung der Inden ein ungelöstes Problem bleiben, »mb alle künstlichen Mittel führen schrverlich zur stattlichen Entwickelung. Erlauben Sie nur über die Ihrerseits berührte Anstalt in Ahlen» bei Hannover einige Worte hinzuzusetzen, die sich mit den oben erwähnte»» Daten vollends decke»» u»»d die ga»»ze Sache illustriren. Darf ich hier »»och voranschicken, daß ich »»»ich für die Anstalt schoi» verschiedentlich interessirt habe, a»»ch einem Knaben der hiesige»» Gemeinde z»»r Erziehung »». s. lv. daselbst verholfen habe? Zu Ahle»»» erhielt der junge Mai»»» eine gute Erziehung, wurde tüchtig befunden u»»d versteht auch seine K»»nst — hielt sich ai» alle Gebräuche der Ko»»fessio»», selbstverstä»»dlich auch an die Sabbath- und Festtage. Kau»»» a»»s der A»»stalt heraus, galt es nun, für seinen Unterhalt selbst zu sorge»». Der Jüngling bemüht sich, und glaubt sich scho»» mit Erfolg eine erste Stellu»»g verschafft z»» haben, aber schon bei der Vorstellung bricht der e»»tsetzliche Konflikt hereil». Noch naiv gen»»g. fragt er de»» zukünftigen Prinzipal, ob er de»»»» a»»ch an» jüdischen Sabbath u»»d de»» Festen frei erhalte»» fömie; dieser giebt aber a»»s allerlei Grü»»der» a»»hei»i», sich anderlveitig zu bemühen, denn darauf fömie sich wohl Niemand so leicht einlassen. Der Jüngling geht fort u»»d hat die große»» Reisekosten nach Che»»»»»itz verlöre»»; das wäre »»»»»» noch gar nicht schli»»»»»» — aber es tobt in feiner Br»»st-und er fragt sich, soll ich z»»n» Sabbathschünder »verden oder mit den» Tage breche»»? Ka»»i» ich nicht a»»ch sonst z»» meinen» Gotte bete»»? habe ich doch für »»»eine»» täglicher» Unterhalt, ja auch ff»r meine bedürftige Mutter eridllch mit z»» schaffe»»! Er ist »»och »licht ganz reif für den Abfall, »»och sind die gute»» Lehren ans der Neligiollsst»l»»de und Ahlerns Satz»»»»ge»» nicht vergessen. Der junge Mann bleibt dies Mal noch stark i»n Glaube»», den Sabbath »»icht zu lassen, sucht und sucht »»och i»n»i»er vergeblich, der Mutter gar zur Last fallend. Wie lange ka»»n ei»» solcher Zustand noch dauern, frage ich mich nunmehr? U»»d »vie es diesen» j»mger» Manne ergeht, so könnte ich Ihnen mit viele»» anderen Beispiele»» auflvarten, die wir ii» unserer Gerneinde im „Verein zur Förderung von Ha»»d»verken n»»d sonstigen bürgerliche»» Bernfsarte»» unter de»» J»»den der S»)l»agogengei»»einde und des Landrabbinats" erlebt haben. Au der Spitze dieses Berei»»s steht der Herr Landrabbiner, der Herr Sch»»lvorsteher »md fo»»stige angesehene Leute. Der Verein hat sogar das Recht juristischer Persönlichkeit. Da steht »»»in im § 14 wörtlich: „Der Verein »vird dafür Sorge tragen, daß die vo»» ihm Unterstützten de»» religiösen auf die Beobacht»»»»g der Speisegesetze und der jüdischen Ruhu»»d Feiertage sich beziehende»» Vorschriften a»»fs strengste nachkonime»» können." Da ninssen oft nicht eil», sondern beide Augen zrrgedrückt »verden, n»n den Lehrlingen eine Stelle zu verschaffen, und es fällt imlner schwieriger, eine Lehre bei einen» Schlosser, Tischler, Mechaniker, Schneider u. s. »v. ausfi»»dig z»» machen. — Schlachter »verden diese Jünglinge, imb noch dazu bei jüdische»» Schlachtern, das »var gar »»icht die Absicht der Stiftung! Aber »vir hatten scho»» Fälle, .00 sich die liberal de»»kende»» christlichen Lehrherrn dahi»» a»»ssprachen, überhaupt keine»» jüdischen Lehrling »vieder zi» »»ehmei», »vofern Sonderseiertage verlangt »vürden. Es sei oftmals zu Neibereiei» und Hänseleien rc. geko»n»ne»», so daß ihne»» solch' junger Mensch z»» leid gethan hätte, »md ich versichere Ihnen, es si»»d nette christliche Mitbürger, als Schlosser. Fabrikante»» »». s. »v. ge»vesei», »velche sich dahi»» ansgesprochei». Wenn aber »»»»»» selbst die Lehrzeit vorüber, lvas folgt bann? Ge»»a»l kornmt es so. »vie ich die Di»»ge bei Ahle»»» geschildert habe, der ju»»ge Ma»»»» »n»»ß, der»» Z»vange gehorchend, mit den seither befolgte»» Neberzeligungen und Ueblnige»» dem Sabbathe die Treue brechen. Je älter dann ein solcher Mann wird, je mehr aber thürrnen sich die Schwierigkeiterr auf. de»»n »vie soll gerade er in 5 Tagen (abgesehen von den vielen Feiertage»») das Brod für feinen Unterhalt gewinnen, wozu Andere»» doch 6 Tage benöthigt sind. Und falls der gereifte Man»» erst den Meister zu spielen hat, dann »vird all sei»» Streben ans obige»» Gründen doppelt benachtheiligt. de»»»» es gilt doch »vahrscheinlich einer Familie vorzustehe»». Mag mar» die Sache noch so viel hii» n»»d her überlege»», immer bleibt die hochwichtigste der Frage»» oste»»: vertrage»» sich Bode»»k»»lt»»r, Hairdel itub Handwerk mit der jetzigen Sabbathruhe? — Und bannt körn »ne ich ganz naturgemäß auf den jetzt üblichen Gottesdieirst zu sprechen. Ebenso »venig »vie Diejenigen, welche Bodenkultur und Handwerk »». s. »v. betreiben, die uöthige Zeit finde»», von Freitag Nachinittag bis Montag z»» feiern (ich rechne de»» Sonntag, welcher den Israeliten diese Art vo»» Arbeiten schon gesetzlich verbiete»», gleich mit), so »venig kann sich der Ha»»delsstand diese lange Feierzeit erla»»ben, oder er geht immer »»»ehr tu feinen Verhältnissen zurück. (Ansnahmen »nag es »vohl geben, aber in» Ganzen trifft das Obige zn.) Daher fonmit es auch, daß die Gottesdie»»ste öde »»nd leer geworden, seitdem die sogenamtte Sonntagsruhe gesetzlich geboten, u»»d »ve»»»r ich Ih»»en sage, daß unsere Gemeinde, »velche ca. 600 Mitglieder zählt, an» Freitag Abend nur d»»rch et»va 15 Personen, am Sabbath Morge»» durch die doppelte Zahl vertrete»» »vird (dar»u»ter ältere Le»»te über 70 Jahre zähle»»d), sv frage ich mich, »vie lange kann das überhaupt »»och so »veiter gehe»»? Vor 10 Jahre»» hatte»» wenige Geschäfte an de»» Sabbathe»» geöffnet, he»»te dürfte auch nicht ei»» eiltziges geschlossen habe»». Bedenken Sie ferner, daß diese Geschäfte z»»»neist jüdisches Personal beschäftigen, die Kinder, unsere natürliche Zuktmft. aber auf den Schnlbänken am Sabbath sitzen, so »vird es Ihnen klar, »vie ein solcher Gottesdienst aussieht, obschou man von -'V,9 bis b-.11 Uhr darin weilt. U»»d was bietet ein solcher Gottesdienst? Herzlich »venig für de»» e»r»pfi»»de»»de»» Menschen. Das Hebräische nimmt de»» ganzen Na um ein, die Thora- und Haftara-Vorlesn»,gen dauern so lange, daß inan sich der Unterhaltung hingiebt, denn lver vermag d e»n Te»npo folgend gar die Uebersetzung in sich a»lfz»»nehn»c»»? Ob außer den» Herrn Rabbiner ui»d de»» Lehrern »vohl »roch etliche Personell daz»» im Stande siild, bezweifle ich ganz entschieden. Solch' ein Gottesdie»»st soll uns veredeln? Schon in de»» 1860er Jahren traten hier erle»»ehtete Männer z»lsa»nmen (»nein seliger Vater als Vorsitzender des Vorstandes an ihrer Spitze), um die von ihnen seit 1849 hier eingeführte moderne gottesdienstliche Ord»»»»ng zu revibive»*»; vo»» Zeit zu Zeit th»»t eilte Revision immer noth. Alles scheiterte aber an dem Widerstande des Rabbiners »u»d heilte ist es »ivch ganz genau derartig bestellt, es bleibt eben Alles schön bci»n Althergebrachten, aber dafür »vird die Kl»»ft immer großer, d. h. der Jndiffere»»tisn»us macht Riesenfortschritte! Das Unzweckmäßige »»»»terjocht das durchaus Zeitgemäße, aber dafür steht es ja i»n Gesetze des ehemaligen Königreichs Hannover von» Jahre 1860. § 5 lautet: „Abändernugen der bestehe»»den Forn» des Gottesdietistes (Liturgie und Ritus) bedürfen der Genehnligung des Landrabbiners, luefentliehe Abändernllgen durch den letzteren der Zustinunullg der Gemeinde." U»»d »vie in der hiesige»» Gemeinde, sieht es in viele»», vielen Ge»neindei» des detltschen Reiches a»»s. — Gewiß verdient das Strebe»» edler Müllner vollste A»ierken»»»u»g, so des Herr»» Levinstei»» in Schloß Lichterfelde bei Berlin, mif dem Gebiete der Sch aff»,ng eines zeitgenläßen Ruhetages, des Herr»» Dr. Vogelstei»» in Stettin behufs Einführung eitles Gottesdienstes, »velcher »»nserer »vnnderbaren Mllttersprache »nehr Platz gönnt — aber Alles vergeblich; mehr oder minder verschließt man sich lediglich aus Gleichgültigkeit, diese»» »vackeren Vorkämpfer»» Folge zu leisten itnb zeitgemäße Nefornien z»» erkämpse»». Mit beide»» Herren hatte ich das große Vergnügen. Briefe z»» wechseln, ich hatte auch dem Deutsch-Israelitischen Gemeinde-Bund in Berlin diese Dinge ei»»gehe»»d vorgetragen, aber es bleibt Nacht lim uns her. — Welch bebentfanie Ausgabe könnten dabei die jüdischen Litteratur- Vereine durch eine gediegene Propaga»»da erfülle»»! Schöi» und lehrreich ist es für uns Inden, die alte»» biblischen Bilder vor die Auge»» geführt zu erhalten — aber »vas der Gegenwart bitter noth th»»t nnb »vie es menschlicher Berechnung »»ach u»n unsere Zukunft, i»»sbeso»»dere mn die Fortpflanzung unserer ehrwürdigen Traditionen durch unsere Kinder bestellt sei»» »»»ag, über diese Themata hört man leider keinen