Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-09 · Heft 10 (9.3.1900) · p. Seite 111

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 10 (9.3.1900)
Date
1900-03-09
Page
Seite 111 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228376--56245-3292534
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

111 Ausjagen des Munsters — vermittelte sie. Seit wann ist es etwa Aufgabe der Polizei, zwischen dem Bestohlenen und dem Dieb zu vermitteln? Mit welchem Rechte darf die Polizei dem Dieb das gestohlene Gut lassen? Aber auch die Angabe, daß Michalina Araten aus dem Krakauer Kloster entflohen sei, hat sich als Lüge herausgestellt. Sie ist nicht entflohen, sondern sie wurde im Kloster Lagiewniki bei Podgorze verborgen und die Organe der Staatsbehörde, die von diesem Aufenthalte Kenutnisi erhielten, begnügten sich, den Aufenthalt festzustellen, ohne sich die Mühe zu nehmet!, das geraubte Kind in sicheren Gewahrsam zu bringen. Von hier wurde sie, wieder ohne von Regieruugsorganen behindert zu sein, nach Stanislau transportirt. Ueber all' diese unglaublichen Thatsachen hat nun der wackere Abgeordnete Dr. S. Strancher, unterstützt von mehrerer: freisinniger: Deputirteu, eine Interpellation irr: Reichstag eingebracht, auf derer: Beantwortung ruan übrigens gar nicht neugierig zu fein braucht. Es werden wieder dieselben Phrasen sein, die wir schon so oft gehört haben — und geschehen wird doch nichts. Denn in Oesterreich hört thatsächlrch die Macht des Staates an den Pforten der Klöster auf! * Eure interessante Nachricht bringen die französischen Blätter, eine Nachricht, die unseren alldeutscher: Arüiserrriten freilich nicht besonders arrgei:ehm sein rvird, näurlich diese: An der Spitze der Artillerie- und Jngenieurkonrmandos der Trarrsvaalburen standen zwei in der: letzten Schlachten besonders thätige srarrzösische Juden, .Namens Leor: Grunberg und Samuel Lö o n, die als Agenten der Ereuzot-Geschützfabrik nach Südafrika gekourmen waren. Sanruel Leon stanrmte aus Smyrna, während Grunberg ein geborener Pariser ist und schon als Leutnant die Artillerleschule verlassen hat. Ueber die Leistrrngen dieser Beiden berichtet der nichts weniger als jr:der:freur:dliche Oberst Villebois-Mare::il in einen: Brief an die „Libertö" sehr ausführlich und voller Bewunderung. Auch sonst erfährt man jetzt noch manche interessante Einzelheiten über die letzten Burenkämpfe. So schreibt ein junger Deutscher aus Ladysmith an: 14. v. M. an seine Angehörigen in Baden in einem von diese:: veröffentlichten Briefe u. A.: „Von uns Deutschen fiel Einer (iofovt todt) und fünf sind verwundet. Einen: kleinen deutschen Inden von uns, Pa u l B l u men tha l( einem Hamburger, wurde die große Zehe am linken Fuß abgeschossen ■— aber der kleine Kerl steckte sich darauf ruhig seine Pfeife an und schoß in Gemüthsrnhe und souveräner Gleichgiltigkeit weiter." Wir sind neugierig, ob die alldeutschen Burenfreunde diese Mittheilungen weiter verbreiten werden. $ Ein recht trauriges Bild von der Lage der Juden in Rußland entwirft ein Bericht der Schnlkonunission der „Gesellschaft zur Verbreitung des Unterrichts unter den Juden" über den Unterricht bei den Juden des Territoriums. Die Statistik, die die Kommission aufgestellt, liefert wenig erfreuliche Resultate über den Unterricht der jüdischen Bevölkerung. Die öffentlichen Schulen des Territoriums enthalten nur 3VspSt. der israelitischen Kinder; es ist wahr, daß 8,6 pCt. ausschließlich jüdische Schulen besuchen; 87,9 pCt. Kinder bleiben also in absoluter Unwissenheit. Für vier Millionen Inden, die das Territorium besuchen, existierten kaum 590 Schulen mit 40000 Schülern; 380000 Kinder erhalten gar keinen Unterricht. Mehr als 700 Städte, die fast ausschließlich von Israeliten bewohnt werden, haben keine Schule, wo die Kinder den elementarsten Unterricht erhalten könnten. Wer da weiß, welchen Werth die Juden zu jeder Zeit auf den Unterricht ihrer Kinder gelegt haben, der wird diesen Bericht nicht ohne schn:erzliche Bewegung lesen. * In Persien hat sich allmälig ein Mißbrauch verbreitet, der den zun: Jslan: bekehrten Juden die ganze Erbschaft ihrer Eltern zuweist, zun: Schaden ihrer Miterben, die dem jüdischen Glauben treu geblieben sind. Bei verschiedenen Anlässen haben die Interessenten gegen diese praktische Ungesetzmäßigkeit reklannrt. Opfer dieser Mißbräuche richteten häufig diesbezügliche Bitten an den Justizminister. Es ist nun interessant zu erfahren, daß die Regierung diese Reklamationen beachtet und im Namen des Schah die folgende Verordnung erlassen hat: „Eine Petition ist an Seine Majestät von der israelitische:: Gemeinde eingereicht worden betreffs der zun: Islam Bekehrten, die widerrechtlich das ganze Vermögen des Erblassers an sich reißen; durch ähnliche Vorfälle kämen zeitweilig jiidische Familien ganz in Verwirrung. Da es nun der Wunsch Seiner Majestät ist. daß alle Nationen in: Reiche friedlich mit einander lebe::, deshalb wird hiermit befohlen, daß in Zukunft, wenn ein Israelit stirbt, es nicht dem zum Islam Bekehrten gestattet ist, die verwandten Israeliten zu benachtheiligen, indem sie sich für die einzigen Erben der Guter des Verstorbenen erklären und diese zu ihren: Vortheil an sich ziehen. Sie müssen alles daran setzen, diese Ausschreitungen gegen die israelitische Nation zu verhüten." r-ckZM Aus der Berliner Gemeinde. 8. Berlin, 4. März. t^mn geschäftlichen Theil. in der heutigen N ep rä s en t a n t e nvers a m m lnng theilte der Vorsitzende. Herr Louis Sachs mit, daß an Stelle des beurlaubten Professor Geiger Herr Benas Levy einbernfen sei. Als erster Gegenstand der Tagesordnung lag die Petition d er „I üd rsch e u L eseh al le" um Gewährung einer Subvention vor. Der vorberathende Ausschuß hat in Ansehung, daß die Lesehalle einem dringenden Bedürsniß ablplfe, so lange eine Gemeindebrblivthek nicht vorhanden sei, beschlösse::, die Vorlage dem Vorstände zur Berücksichtigung zu überweisen und zugleich die Bitte auszusprechen, der Lesehalle 100 Mk. zu bewilligen. Justizrath Meyer bemängelt zunächst die Geschäftsordnung der Repräsentanten, in der keine Bestimmung über das Petitionsrecht vorgesehen sei. Das sei jedoch kein Zufall, da in früheren Jahren alle eingegangenen Petitionen den: Vorstande zum Bescheide übergeben worden seien. Das allein sei auch nur richtig, da die Repräsentanten ja nicht nässen können, :vas bereits in der einen oder anderen Frage geschehen sei. In gewissen: Sinne sei das Vorgehen der Repräsentantenversamuckung ein Eingriff in die Rechte des Vorstandes. Letzteren: liege nichts ferner, als mit der Versammlung in einen Zwiespalt zu kommen, aber es sehe so ans, als ob es unvermeidlich sei. Das Prinzip der Repräsentantenversannnlnng sei, nur diejenigen Angelegenheiten in einer eigenen Kommission zu berathen, die alle Instanzen durchgemacht halten. Er könne nur bitten, die Geschäftsordnung bezüglich des Petitionsrechtes zu vervollständigen. Die Gesuche um Gewähr:u:g einer Subvention und betreffs der Uebernahme der Lesehalle seien der Bibliotyekkonnnission jetzt überwiesen worden, im: die Angelegenheit im Ganzen zu prüfen. Er stelle anheim, die Vorlage vorläufig abznsetzen. Wenn die Versammlung zun: Beschluß konunme. so werde sie ja nässen, näe die Antwort lauten werde. Herr Benas Levy tritt sür die Verlage ein. Er theilt tyatsächlich nät, daß die Lesehalle seit 1894 alljährlich beim Gemeindevorstande um eine Subvention eingekonunen, aber stets abschlägig beschieden worden sei. Nur ans diesem Grunde hätte sich die Lesehalle diesmal an die Repräsentantenversammlnng gewandt. Die Bibliothek werde sehr eifrig besucht :u:d verdiene eine Förderung. Er bitte jedoch mindestens 300 Mk. gewähren zu wollen, da die Summe zur Ver- L

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.