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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-09 · Heft 10 (9.3.1900) · p. Seite 110

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 10 (9.3.1900)
Date
1900-03-09
Page
Seite 110 (sequence 4)
Language
German
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HO Wer nicht zu dringen vernnig in das dnminernde Dunkel der Jahre und den Markstein nicht sieht, der dort grau und verwittert sich hebt in den Tiefen der Geschichte, der sehe die blühenden Ranken, die warme Sonne anfgelvckt im Frühnwnd der Natur und der Herzen, und auch er spricht das freudige Ja, Neuer Inhalt hat sich gepaart zu der alten Bedeutung des Festes, und dieser Inhalt ist werth der Feier und der Liebe, denn er deutet ans Vertiefung eigenen Werthes und belebende Einwirkung ans Leben und Sinnen des Anderen, Doch nicht innen allein sucht Tröstendes ein einsam verlangender Mensch, auch draußen giebt's Schauer des Frostes und Mangel und Wehe, und am Purim gedenkt man der Armen. Nur ivie man schenket dem Freund, so gebe man dem Armen. Wer ihm die'Gabe reicht, der reiche sie zart; in der Zartheit des Gebens liegt dessen Werth. Wer milde Gabelt giebt, er gebe sie mild, und er gebe etivas von Seele dabei, dann hat er höheres und doppelt gegeben. Freie Neigung sei's, was die Gabe veranlaßt; frei thue er es selbst, und frei bleibe der Andere, der sie nimmt. Dankbarkeit ist ein Gefühl, das veredelnd wirken kann, doch nur Dankbarkeit, die nicht drückt, die fern ist dem Zwange. Denn alles Lächeln des Lebens ist der Freiheit verwandt, ,ver Glück spenden will, muß heben und befreien. Spenden kann der Reiche, wvhlthun nur der Edle. Wer spendet, sucht sich selbst zu genügen, nur wer wohlthut, hat dem Anderen gegeben. Pflicht und Recht übe», lernt Jeder im Leben, wenn erlebt mit sittlichem Ernst; doch zart fühlen und das Rechte auch edel zu thuu, das lernt mau nicht in Stunden, das ist Erbe vom Adel der Geschlechter. Das ist die moralgeschichtliche Bedeutung des Festes: die Väter haben den Armen gegeben und gelabt, wo weh ivar einem Herzen; die Söhne sollen thun, >vie Jene gethan, und das Gefühl iverde verfeinert und edler. Die Woche. B e rlin, 7. März. Q&u der gestrigen Sitzung des Abgeordnetenhauses tÄ brachte der' freisinnige Abgeordnete Sänger die abweichende Behandlung jüdischer Bolksschnllehrer beim Militärdienst zur Sprache. Marl könne doch nicht annehmei:, meinte er, das; im Ministerium des Kultus „antisemitische Tendenzen" maßgebend seien. Der Kultusminister Studt verwies auf die Antwort seines Kommissars mtb dieser, Ministerialdirektor Kngler, gab ans die Anfrage folgenden Bescheid: „Den jüdischen Lehrerseminaren ist das Recht, bei der Abschluß Prüfung die Berechtigung zum Einjährig-Freiwittigen-Militärdienst zu verleihen, bavmit nicht gegeben worden, weil sie Anstalten privaten Charakters sind. Nur den staatlichen Bildnngsanstalten ist aus Vorschlag der Reichsschulkou,Mission vom Reichskanzler das Recht ertheilt worden, die Reife zum Einjährig-Freiwitligen-Militärdienst ausznsprechen, und zwar wurde dieser Vorzug beu staatlichen Seminaren darum gegeben, weil nur die Schiller dieser Anstalten sich dazll verpflichten, für eine Reihe voll Jahren jede Stelle zu übernehmen, die ihnen von der Regierling überwiesen wird." Wir haben über diese Angelegenheit schon wiederholt berichtet und hoffen zuversichtlich, das; schließlich den jüdischer: Lehrerseminare:: doch auch die erwünschte Berechtigung verliehen werderr wird. ir Herr G r a f Pückler auf Kleill- Tschirne ist ein wackerer Mann. Der hält sich ein die realen Dinge dieser Welt —'freilich wie das Gericht entschieden hat, in bildlichem Sinne! Aber es ist interessant, was nun: alles bildlich heut zu Tage sagen darf. Folgende kleine Blüthenlese aus dem letzten Vortrag des neuester: Antiseiniteilführers in Magdeburg soll uns darüber belehren. Graf Pückler sagte u. a. wörtlich: „Er fordere auf, nun endlich den Spieß umzudrehen und die I »den so zu belagern, d a s; i h n e u a n g st n u d bau g e )v erde n n d sie in Hellen S ch amen d i e Grenze v e r l a s s e n. Wenn jetzt nichts Energisches gegen die Juden geschehe, so liege die Gefahr vor, daß die Christen noch die Schuhputzer der Juden würden. Er hoffe aber, das; Ulan rechtzeitig die Inden raus sch weißen und zeigen lverde, daß derjenige die schönsten Keile besehen könne, der es loage, dern Deutschen seinen Besitz streitig zu machen. Redner legt da,ul dar. daß unter dem Einflüsse des jüdischen Geistes das Volk seine Ideale verloren habe, ,nld das; Gesundung der Volksseele mir zu erhoffen sei. lvelln es heiße: Hinalls mit der Jude n b a ude! Zn beit verloren gegangenen schöllen deutschen Charaktereigenschaften gehöre auch die Treue gegen den Herrscher. Er sei sehr dafür, daß man den treulos Gewordenen, also vor allem den Sozialisten, die Trelie wieder einbläne n möge, i, ö t h i g e n s a l l s m i t d e m Knüppel in der Hand. Wen,l diese Gesellschaft nicht hören lvotle, möge sie die Grenzen verlassen. Verloren gegangen sei der 'Ration auch der Glaube. Sie müsse loieder beten lernen, wieder znrückkehren znin fitiblicben Gtallben der Väter, sonst lverde das Volk fürchterlich von göttlichen Strafen und Heilnsnchnngen erreicht loerden. Sollen die schlvarzei, Reiter der Apokalypse nicht in die deutschen Lande einsal'len. so thne man schleunigst Bltße in Sack und Asche. Aber auch hart, rauh und gewaltsant müsse unser Volk werden, lvie ein Löwe müsse es mit gelvaltiger Pranke alles kurz und klein dreschen, was lvage, ihm Widerstand zu leisten. Man schlage das ganze S e n, i t e n p a ck 3 u Baden und ans allem sozialen unb nationalen Nöthen lverde man siegreich hervorgehen. Nediler empfiehlt, Spaniens Beispiel hinsichtlich der Jndenvertreibnng schleunigst nachzuahmen, damit Deutschland sich die Weltherrschast sichere lind schließt mit den Worten: „Haut auf die I u d e l,, d a s; d i e F e tz e n fliegen, d a s; sie all' d i e K r ä li k e kriege n." Selbstverständlich ist das alles nur bildlich gemeint! * Aus Lesterreich wird nunmehr die Entscheidung zweier gerichtlicher Instanzen gemeldet, die geeignet ist, der: Ausspruch des galizischen Ministers Pientak zu bestätigen, das; im Lande der llnrvahrscheinlichkeiter: an den Klosterpfvrten wirklich die Staatsgewalt, aufhöre. Auf die Weisung des Justizministers verlangte die Krakauer Staatsanwaltschaft von den: dortigen Strafgericht die Vornahme einer gerichtlichen Revision des Felicianerinnen-Klosters behufs Nachforschung nach der verschwundenen Michalina Araten. Die Rathskannner des Strafgerichts verlvarf den Antrag der Staatsanrvaltschast, und auf deren Rek::rs bestätigte das Krakauer Oberlandesgericht der: abschlägigen Bescheid der Rathskannner. Es ist nunmehr auch festgestellt, daß die Ausreden, mit denen man die Festhaltung der Michalina Araten in: Kloster zi: Krakau entschuldigen roollte, erlogen waren. Der Beweis, das; das Mädchen nicht 14 Jahre all war, ist erbracht. Ihre Entführung und Verbergung sind ganz zlveifellos gewaltthütige Handlungen, die das Recht der Eltern gröblich verletzen. Hub was that die zun: Rechtsschutz berufene Behörde — die Polizei? Nach beu

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