Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 10 (9.3.1900)
- Date
- 1900-03-09
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Nr. 10. Berlin, 9. März 1900. Allgemeine Zeitung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Intkresse. Begründet von Rabbiner 2)*- Ludwig Philippson-Konri. Verlags-Crpe-ition: Berlin, Jernfalemerftr. 48/49. Alle Zusendungen fnr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von derExpedition in Berlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!. 3 M. Nedactenr: Gustav Karpeles. Inßlttk. Leitartikel: Purim. — Die Woche. — Aus der Berliner ememde. — Zur Frage der Sabbothruhe. — Straßburger Briefe. Bon 'r. E. Finkel. — Daniel Sander?. III. Von Bertha Treumann- >>'oner. — Feuilleton: Königin Esther. I. Von Bertha Ginsberg.— rem Andenken Steinthal's zum ersten Jahrestage seines Todes. Von enrielte Hirschberg. Der Gemeindedote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, ^rtelsburg. Ans der Provinz Posen, Schneidemühl, Stettin, Stolp, Wohlan Schl., Landsberg O.-S., Aus Oberschlesien, Barbh, Stadtoldendorf, München, v>ieu, Budapest, Odessa. — Bon Nay und Fern. — Briefkasten. - - 'Geschäftliche Notizen. Purim. Berlin, *. März. ffiXrt alter Zeit lvar's, in einem fernen Lande. Da sprach ein Güllstting zum Könige: „Es lebt ein Volt in Deinen Landen, das übt fremde Gebräuche, des Königs Glaube!t nicht der ihre, und ihr Weiten im Staate frommt nicht dem Könige". Es war in Susa. Hcunan sprach so von den Juden. Dort beteten die Menschen zum Lichte, und Wahrhastigkeit r.ebot ihnen die Gottheit, daß „die Seele sich eine der elvigen ichtquelle." Aber die Perser berathell im Rausche, und launisch ie ihre Natur silld die Menschen Irans. Der König gab "arnan seinen Ring zum Zeichen der Gnade, den Ring „und ein vtotf, zu thun nach Belieben". lUib die Jllden ahntell nicht i'refahr, sie gingen träumend ihren Weg. Sie träumtell die lten sehnenden Träume, die ihnen soviel Weichheit itm die - ie Augen gebreitet. Ihr Blick neigte sich zurück dahin, wo 'L Heünath besesserr und wo die Andacht geweilt. Bon dort ollte es aufdämmern zum Morgen der Zeiten und Volker, old Liebe sollte kommell und Frieden. Der Arme lauscht '.ern dem Propheten; sie hatten die Freiheit verloren, und die Uten Verheißungen lebten ans in ihren Herzen. Ans der Vergangenheit tönten Laute noch nach, sie wurden zum Sehnen "er Zukunft. Aber um sie war Haß, mit) der Haß lechzte nach Rache, ilttb Boten eilten hinaus in die Lande, die Schriftstücke entüelten den Tod, und „gesiegelt waren sie mit dem Siegel des Königs". Wie düster ist dieser Befehl llnd wie grauenvoll Uese Eile! „Das kann nicht geschehen!" bäumt es sich auf in der Seele, lvenn lvir die Estherrolle lesen. Und es geschieht nicht. Denn unter den Juden war einer, der „bückte sich nicht nnd neigte sich nicht", und „er sagte ihnen, daß er Jude sei". Unb 'bte Juden blieben am Leben, denn Freiheitsgesühl und Aerthbewußtsein sind Bedingungen dem Leben eines Volkes. Äe feierten ein Fest der Erinnerung der Freiheit, und sie feierten es so, dass sie gewinnen an Werth, - mit dem stillen Jubel gemeinsamer Liebe: „sie machten es zu Tagen des Mahles nnd der Freude, Geschenke zu schicken einer dem anderen mib Gaben den Armen." Darin ist lveder Glanz noch Rausch, aber Schönheit fluthet durch die Herzen. Purim ist znm Freudenfeste geworden; seine Feier ist Liebe, ans gemeinsamer Erinnerung lebt sie auf und schließet Seele an Seele. Töne des Dankes erklingen, und Klang reiht sich an Klang, nnd Sehnen paart sich mit Sehnen; die Töne werden voller nnd wärmer und werden zum gemeinsamen Gesang: Bruder singen die Lieder der Ettern, eilt unaussprechlicher Zauber gleichen Erzitlerns der Seelen. Dann gelvinnt Leben was lange geschlummert und wundersam lockt es ans geheimen Tiefen der Brust. Dort lag verblaßt die Erinnerung cur die Borzeit, der geräuschvolle Tag erdrückte das leise, trauliche Klingen. Aber der Sohn nulß doch fragen: lvie loars im Herzen des Paters? nnd die Tochter muß fragen: warum war das Auge der Mutter so sinnend und warum klang's lvie Wehmnth iu ihren Worten? Und das Fest weist die Richtung unseren Herzen nnd feinem Verlangen, sich zu laben an Erinnerung und an der Schall nach idealen Höhen des Lebens. Es ist jener Durst, der weder brennt noch quält, und den zu ftiCleit doch mit so viel Wonnen verknüpft, daß voller Frühling um llils weht, nnd alles itmiäumt ist voll erwärmendem Lichte. Wellll das Herz belvegt ist von gemeinsamer Wallung, ist gesteigerte Wärme im eigenen Gefühl, nnd Wärme ist ja Balsam sür die Wnndell des Lebens. Reich all Harmonie ist das Berührell der Seeleli, nitb von Lebensweihe ist viel im gegenseitigen Austausch inneren Besitzthulns. Das verwandte Anklingen der Töne, die gesondert geschlummert in einsamem Herzen; daß ein Herz Werth senkt in ein Herz, daß es sein eigenes bereichert, lvenn es andere bereichert, das ist lvie eine Wunderblume auf svnnennrnspielter Au. Die Blume athnlet sich Leben alls der Svllne und sailgt sich Kraft ans dem Bodell; dafür haucht sie Düfte zmll Dallk in die Welt, und labt sie das Auge mit Farbell. Was sie nimmt, ist schön, es ist Lebell und Licht; itnb was sie giebt, ist schön, es ist Duften und Prallgen; ihr Wachsthnm ist voll unendlicher Reize. So liegt Höhung des Lebens im Austausch seelischen Reifens und Wachsens, nnb sei man gebend oder nehmend, der Gewinn wird reicher von Sehnen und Fillden, von Lebeil und Träumen. Daruln ist die Freude so leuchtend, die das Geben umschinlmert, und bantm flüstert's so weich int Innern von eigener Labsal, lvenn wir Labsal geträufelt in ein thränelldes Herz.