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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-02 · Heft 9 (2.3.1900) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 9 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
Seite 4 (sequence 18)
Language
German
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4 Oesterreich-Ungar«. O Wien, 26. Jebvuav. R e ichstag mib & n u b t a g sind wieder eröffnet und dem Skandal ist wieder ein weites Feld gegeben, namentlich im niederösterreichischen Landtag, wo es nach hergebrachter Sitte am toEfteu gegen die Inden geht. Ist erst die Wahlreform unter Dach und Fach gebracht, so must man sich barauf gefasst machen, dast die Lueger-Partei noch lange am Ruder sich erhalten wird, wenn nicht irgend ein Ereigniß, an denen es ja in Oesterreich nie fehlt, ihr ein jähes Ende bereitet. Eharakteristiseh für den Größenwahn ihres Führers ist die Mittheilnng, dast derselbe dieser Tage einem Mitarbeiter der „Libre Parole" erklärte, er werde entschieden nicht geruhen, die Pariser Weltausstellung mit seinem Besuche 311 beehren, weil er unmöglich, ohne sich zu vergeben, mit einer Nation, die einen Dreyfnß begnadigt habe, in persönlichen Verkehr treten könne, und weil ans beu Aensternngen, die er darüber in Paris machen würde, diplomatische Verwickelungen entstehen föiiiiten!! — Am II. Sept. 1899 wurde der verantwortliche Redakteur des „Deutschen Volksblattes" August Schreiber von einem Erkeuntuißsenat unter Vorsitz des Hosrathes R. v. Holzinger lvegen Veröffentlichung von unrichtigen Thatsaehen und von Zeugenanssagen aus der Untersuchung im Polnaer Atordprozest zu einem Monat Arrest vernrtheilt. Der Oberste Gerichtshof hat nunmehr die vom Vertheidiger angemeldete Nichtigkeitsbeschlverde und die Berufung znrnckgewiesen, womit das Urtheil der ersten Instanz in Rechtskraft erwachsen ist. — Die „Katolickö lisch" melden, Fürsterzbischof Dr. Kohn habe ein Majestätsgesuch überreicht, in welchen! für die anläßlich der mährischen Demonstrationen vernrtheilten Erzedenten um Amnestie gebeten wird. Das Gesuch ist im Wege des Justizministeriums überreicht nwrden. Jeder Jude kann sich mit dem Gesuch einverstanden erklären. — Minister Dr. Pientak hat die ihrn insinuirte Aeusterung im Polenktnb lviderrnfen, „dast die weltliche Macht au den Pforten des Klosters anshöre". Der hiesige Abgeordnete Hosrath Kar eis, in dessen Begleitung Araten die Audienz bei deln Minister Pientak hatte, veröffentlicht nun heute folgende Erklärung: „Minister Pientaks Behauptung, er habe jene Aeusterung nicht gemacht, widerspricht der Wahrheit. Der Minister hat jene Aeusterung, ob sie nun albern ist oder nicht, thatsächlich vorgebracht. Sein verspätetes Desaven ändert nichts an dein bedauerlichen Faktum, dast derlei Anschauungen in einem Rechtsstaat von einem Minister gehegt und ausgesprochen werden." Wie es heißt, soll Pientak nunmehr Kareis gefordert haben. — Die Spuren des verschwundeuen Mädchens führten bis znm 19. d. M. nach Stanislau, dann soll sie nach Rumänien oder Ungarn gebracht worden sein. —Der vor Kurzen! zinn Präsidenten der Lemberger Handels- und Gelverbekammer gewählte Reichsraths-Abgeorduete Jacob Piepes-P orathnsti hat arn 21. d. sein vierzigjähriges Jubiläum als Apotheker gefeiert. Herr Piepes-Porathnski, der auch Präsident des ostgalizischen Apotheker- Gremiums ist,!var aus diesen! Anlasse Gegenstaud zahlreicher herzlicher Ovationen und Ehrungen von Seite seiner Standesgenossen, seiner Freunde und der Korporationen, in deren Interesse er seit Jahren eine aufopfernde und verdienstreiche Thätigkeit entwickelt. Ein großes Bankett, das arn 21 d. in der Lenlberger Schießstätte stattfand, bildete den Abschluß der Feste. — Der Prager Geistliche P. Rudolf Vrba, der eine Broschüre über den Polnaer Mord geschrieben hat, beauftragte einen Advokaten gegen Professor Masaryk, der in der Gerichtsverhandlung die Broschüre 1\ Vrbas in der schärfsten Weise kritisirte, die Ehrenbeleidigungsklage zu überreichen. — Als Antwort auf die Broschüre des Professors Masarhk, der für eine Revision des Polnaer Prozesses eintrat, erschien eine Broschüre des Abgeordneten Dr. Earl Bara, die ebenfalls konfiszirt lvnrde. Da Dr. Baxa als Landtagsabgeordneter Immunität besaß, lvnrde der Redakteur Ladislaus Sokol. der die „Antwort" Baras in den „Radiealni listy" znm Abdruck gebracht hatte, gestern vor Gericht gestellt. Der Staatsanlvalt bezeichnet die „Antwort" Baras als ein Plaidoyer für den Nitualmord, das geeignet war, die Oeffentlichkeit zu beeinflussen. Dr. Baxa trat als Vertheidiger des Angeklagten auf. Der Senat verurtheilte Sokol im Hinblick aus seine mehrfachen Vorstrafen wegen Verbreitung einer konfiszirten Druckschrift zu zehn Tagen Arrest, sprach ihn jedoch von der Anklage rvegen Beeinflussung des Gerichtsverfahrens frei. —Hier ist in: 70. Lebensjahre der k. k. Militär-Oberintendant 1. Klasse des Ruhestandes F r a n z .Wiuev Grenzinger gestorben. Die Beerdigung fand unter zahlreicher Theilnahrne auf dem jüdischen Friedhofe statt. Von Nah und Fern. - Dem Hiesigel!, zumeist aus israelitischen Mitgliedern bestehenden Militär-Verein „Deutsches Vaterland" ist als Antwort auf ein an den Prinzen Hei n r i ch, anläßlich seiner glücklichen Rückkehr übersandtes Telegramm folgende Antwort zugegangen: Hosmarschallamt Seiner königlichen Hoheit des Prinzen Heinrich von Preußen. Kiel, den 16. Februar 1900. Seine königliche Hoheit Prinz Heinrich von Preußen lassen für die telegraphische Begrüßung vielmals danken. Auf höchsten Beseht Freiherr von Seckendorf, Hofmarschall. —- Der Kaiser hat dern Generaldirektor der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt- Gesellschaft, Albert Ball in, den Kronenorden II. Klasse verliehen. — Die Erlaubuist zum Tragen frernder Orden haben erhalten: Der Direktor der Breslauer Diskontobank. Ernst Fri ed lä n d er , den türkischen Medschidjeorden III. Klasse; der japanische Konsul Karl W 0 l f s 0 h n das Commenturkrenz des japanischen Ordens des heiligen Schatzes; der Direktor der Berliner Bank, Karl Chrambach, das Offizierkreuz des griechischen Erlöserordens; der Konsul Otto Boas, den Venezolanische!! Orden der Büste Bolivars III. Klasse. - Diesel- Tage beging in Bentschen (Prov. Posen) das P h il ipps b 0 rn'sche Ehepaar die diamantene Hochzeit. Die noch rüstigen Eheleute sind 90 und 86 Jahre alt; sie führten bei deni Hochzeitstanz selbst die Polonnaise an. In der Synagoge hielt Dr. I. Hollands aus Berlin die Festpredigt. — In H a n a u ist an! 19. d. Mts. der Provinzial- Rabbiner Dr. Koref gestorben. Er lvar früher Dirigent einer Schule in Harnburg, dann Rabbiner in Rawitsch. In Hanau wirkte er seit 20 Jahren in streng orthodoxen! Sinne. An seinen! Grabe sprachen die Rabbiner Dr. Horowitz - Frankfurt a. M.. Prager-Cassel, Cahn- Fnlda, Munk-Marburg. Marx-Damstadt, Hirschfeld-Gießen, Wachenheirner - Aschaffenburg und Lehrer Strauß - Gelnhausen. — Der Rentner M. Bauer in Harnburg. der am 25. nach kurzem Leiden an Lungenentzündung gestorben ist, hat in drei Jahrhunderten gelebt. Der Entschlafene loar am 2. Septeniber 1799 in Peine, Provinz Hannover, geboren. Seit 1988 wohnte er mit seiner Gattin in Hamburg. Bei seiner goldenen Hochzeit wurde ihiu die goldene Ehejnbiläums- Medaille verliehen. Als er am 2. September v. I. seinen hundertsten Geburtstag in voller Frische beging, ließ ihm der Kaiser durch den Gesandten Grasen Wolff-Metternich die kleine goldene Königsmedaille überreichen. — Die Brüsseler Gesellschaft für koloniale Studien hatte testamentarisch von der Baronin Hirsch 50.000 Francs erhalten, hui am Kongo ein physiologisches und pathologisches Laboratorium zu errichten. Das Laboratorium ist in Leopoldville am Stanleypool, dein Endpunkte der Kongo-Eisenbahn, errichtet worden. — Für die Oberrabinerstelle in Metz ist. wie wir aus authentischer Quelle erfahren, Rabbiner M. Levy aus Hagenau (Unter-Elsaß) in Aussicht genommen.— Dr. Alexander Marluorek aus Wien, der Chef des Past'eur'schen Laboratoriums in Paris, ist zum Ritter der Ehrenlegion ernannt worden. Dr. Marmorek ist ein Wiener. — Eine Spiougeschichte, welche die nationalistischen Blätter ausgegraben haben, und die „Libre Parole" bereits unter dem Titel „Ein neuer Dreysus im Mariuemillisterium" wiederum den Judeu auhängt, läuft allem Anschein nach auf die Geschichte eines Schwindlers hinaus, an der weder die Nationalisten noch ihre Gegner sich zu freuen Ursache haben, da sie alle gleicherweise daran betheiligt sind. Daß der angebliche neue Dreysus — seiu Nenne ist Philipp — ein Jude sei, wird von Eingeweihten entschieden in Abrede gestellt. — Die französische Regierung hat rvieder einen jüdischen Unterpräfekten ernannt. M. Be au ca i re, der diesen Posten in Arles erhielt. — Bei Eröffnung der hinterlassenen Papiere des verstorbenen Präfekten Hendle fand sich nur ein kurzer Brief vor, mit einer Summe von 200 Francs. Der äußerst charakteristische Brief lalltet: „Ich bitte meine Kinder um Verzeihung, wenn ich ihnen kein Verruögen hinterlassen kann. Ich habe irumer geglaubt verpflichtet zu sein, das Geld, welches mir der Staat für meine Dienste zahlt, im Interesse der Republik rvieder zu verausgaben." — Der Sultan hat seine Zustimmung zur Bildung eines Konsistoriums für die Juden in der Türkei gegeben. Den Vorsitz lvird der Inspektor der Marine, Jsak Molcho Pascha führen. W Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Lauchwitz in Berlin.

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