Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1900)
- Date
- 1900-03-02
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 Peinlich fällt hierbei" die Zunahme der nnehelichen Geburten auf. — Die Zahl der Todesfälle ist wieder zurückgegangen, von 1138 im Jahre 1895 und 1087 im Jahre 1896 auf 1037 im Jahre 1897. Diese Verminderung ist im wesentlichen der Abnahme der Kindersterblichkeit zu danken. — Durch Uebertritt zum Christenthnm verloren die Berliner Inden im Jahre 1897 wieder 131 Personell 26 mehr als im Vorjahre, wogegen in das Judenthurn eintraten 10 Personen. Das Jahrbuch hat auch äußerst interessante Ziffern über den Antheil der Berliner Inden am Verbrechen. Es wurden bestraft 1897 überhaupt davon Inden — pCt. Verbrechen und Vergehen gegen Staat und öffentliche Ordnung 4 815 245 5 Verbrechen und Vergehen gegen die Person. 7 470 199 2,7 Verbrechen und Vergehen gegen das Vermögeil. 10147 275 2,7 Verbrechen und Vergehen im Amte 20 — — in Summa . . 22 452 719 3,2 Demgegenüber steht der Antheil der Inden an der Bevölkerung Berlins mit 5 pCt., so daß zu erwarten wären 1123 Bestrafungen von Juden. Es sind aber nur 719. noch nicht einmal zwei Drittel jener Zahl. Und in welchen Strafthaten sind die Inden am häufigsten? Ein Beispiel genügt. Wegeil Vergehens gegen die Sonntagsruhe fiitb allein 121 Juden bestraft, wohl sänimtlich nur zu geringen Geldstrafen. Dann kommen wegen Beleidigung 94 Inden, d. h. ebenfalls lvegen eilles leichten Vergehens. Interessant ist. daß lvegell Betruges 1007 Personen, darnliter 49 Inden bestraft sind, also genau 5 pCt.. lvegen Unterschlagung 1884 Personen, darlinter 7,9 Inden oder 3 pCt. Dabei behauptet man, daß gerade diese beiden Delikte besoilders oft voll Juden begangen werden! Ebellso günstig stehen die Jlideil bei Hehlerei, lvo linter 384 bestraftell Persollen llnr 9 Juden — 2l'-j pCt. sind, und bei Kuppelei, wo unter 599 bestraften Personen nur 12 Inden sich befinden. Diesem Verhältnis; eiltspricht es vollkonnnell. daß im Jahre 1895/6 und ebenso 1896/7 fein Zuchthansgefangener unseres Glaubens liach Moabit kanl. Jll das Arbeitshaus in Runnnelsburg wurden eingeliefert 1060 Persollen, davon nllr 4 Jndell. Dieses sehr günstige Resultat wird vollställdig bestätigt dllrch eine nelle bei der Volkszählung 1895 gemachten Ausnahme. Dailach befallden sich in der Berliner Bevölkerung im Ganzen 557.600Männer über 12 Jahre, davoll wareil vorbestraft 34,006 Persolleil oder 5,75 pCt. Jüdische Männer über 12 Jahre silld in Berlin 34,009, davoil vorbestraft 1221 oder 3.47 pCt.. also viel lveiliger als bei den Nicbtjudell. Noch viel schärfer tritt dies hervor bei dem weiblichen Geschlecht, denn voll diesen! sind in Berlin von 681.135 Personen über 12 Jahre 14,637 bestraft — 2,1 pCt.. von 33,864 Jüdinnen aber mu' 215 Personen — 0,6 pCt., also nur der dritte Theil. Von den 1436 jüdischen Personen, die schon bestraft sind, erlitten 1 Strafe 996. 2 Strafen 216, 3 Strafen 105, 4 Strasen 55, 5 Strafen 31. 6 Strafen 16. 7 Strafen 5, 8 Strafen 1, 9 Strafell 1. 10 und mehr Strafeli 10. Das Schlußresultat ist in kurzen Worten: Die Juden Berlins begehen viel weniger Vergehen und Verbrechen, und im Allgelneinell viel leichtere, als die ,lichtjüdische Bevölkerung. LL Berlin, 25. Februar. Von den M i t t h e i l tt n g e n des liberalen Vereins für die Angelegenheiten der jüdischell Genieillde zu Berlin ist soebell Nr. 9 erschienen. Nach einen! kurzen Vorlvort au die Leser werden die Verhandlungen der Repräsentantenversammlung voin 17. Dezember über die Dörstling'sche Schule nach unserem stenographischen Bericht in voller Ausführlichkeit beu Familienvätern mitgetheilt, damit diese wissen, wessell sie sich zu versehen haben. Es ist dies auch dringend nothlvendig. Sodalln folgt ein guter und durchaus objektiver Bericht über die Lndlvig Banlberger-Stiftung, der zur Orientirung in dieser Frage besonders geeignet erscheinen dürfte. CA> Berlin, 26. Februar. Den vierten Vortrag in der Reihe der Montagsvorlesungen zum Besten des Stipendienfonds der Lehranstalt für die Wissenschaft des Jndenthlnns hielt heute Herr Dozent Dr. Martin Schreiner über die Sittenlehre des Islam und ihre Beziehungen zrnn Jndenthlnn. Der Redner verglich in seinem eingehenden und auf langjährigem Studilnu beruhenden Vortrag die Ethik des Islam mit der des Judenthums und hob insbesondere die zahlreichen gelueinsanlen Berührungspunkte zwischen beiden, ualnentlich in der Lehre des Verhältnisses zwischen Menschen und Gott, von Lohn und Strafe, von den Pflichten gegen den Nebenmenschen hervor, indem er die entsprechenden Stellen aus dem Koran und den mnhamedanischen Quellenschriften ansührte. Von besonderem Interesse war der Hinweis aus dn Entwickelung der ethischen Anschauungen bei den verschiedenen islainitischen Sekten des Mittelalters und aus den Einfluß, Den diese wie jene aus die Ausbildung der karäischen Lehre geübt haben. Der interessante und reich belehrende Vortrag fand allgemeiner! Beifall. 22 Berlin, 27. Februar. Zu Ehren des aur 8. Februar d. I. verstorbenen Fräuleins Franziska Lüpscbütz fand am Sonntag Mittag im Jüd. Mädchenstist. Müuzstr. 23, eine Gedächtnißfeier statt In warm empfundenen Worten schilderte Direktor Dr. Streich die vorbildliche Pflichttreue und hingebungsvolle, arbeitsfrendige Wirksamkeit der Heimgegangenen, welche neben andern wohlthätigen Vereinen und Veranstaltungen vor allem dem genannteil Stift, an dessen Begründung und gedeihlicher Entwickelung sie einen wesentlichen Antheil hatte, zu gute kam. Gesänge der Zöglinge eröffneten und beschlossen die würdige Feier. 22 Berlin, 18. Februar. Gestern Abend fand im Hotel zuui Altstädter Hof, am neuen Markt, eine sehr zahlreich besuchte Versammllmg des Vereins ehemaliger Schüler der Knabenklasse der jüdischen G e m e i n d es ch n l e statt, welche wiederum der Vorsitzende des interimistischen Vorstandes Herr Dr. Lachmann eröffnete und leitete. Die vom Vorstand und der hierzu gelvählten Kommission anerkennenswerth nach jeder Richtung hin klar mit großen! Fleiß entworfenen Statuten werdell nach Vorlesung ohne jedes Monitum en l>]o<* angenommen. Bei der nunnlehr vorgenommenen Wahl des Vorstandes wurden fast einstinnnig folgende Herren gemäht: Dr. Lachmann zum 1. Vorsitzenden. Dr. Engelmann zum 2. Vorsitzenden, Tasch znm dritten Vorsitzenden. Julius Levinthal 1. Schriftführer. M. Kahn 2. Schriftführer, Hugo Bernstein 1. Kassirer, H. Bnkofzer 2. Kassirer, Arnold Fischer 1. Beisitzer, James Jacob 2. Beisitzer, Katzki und Benda zu Kassenrevisoren. Dem jungen sehr rührigeil Verein, soviel uns bekannt, der jüngste in hiesiger Gemeinde, lvelcher bereits weit über 100 Mitglieder zählt, wünschen wir ganzbesonders aufrichtig ein kräftiges, ersprießliches Wachsen, Blüheil und Gedeihen. §2 Berlin, 25. Februar. Der Humanitäts-Verein f ü r Server betreiben de vom Jahre 1868 beabsichtigt 12—15 Kinder in Bäder resp. in Sommerfrischen zu senden. Kinder von Vereinsrnitgliedern werden bevorzugt und sind schriftliche Gesuche bis Ende Marz beim Vorsitzenden, Herrn Alex Büchel, Alt-Moabit, zu senden. Ferner sollen aus der Alex und Ottilie Büchel-Stiftung einige Knaben Berrnitzrva-Kleidung erhalte!', und sind Gesuche bis Mitte März schriftlich einzusenden an Herrn Alex Büchel, Al! Moabit 131: auch da werden Kinder von Mitgliedern des obigen Vereins bevorzugt.!. Schttbin, 20. Februar. Am 15. d. M. fand die Beerdigullg des Kaufruanns Earl Rhuarzervski statt. Das großartige Gefolge aller drei Konfessionen konnte man nach hunderten zählen. Da der jüdische Leichenwagen zur Zeit unbrauchbar war, so gab der evangelische Kirchenvorstand bereitwillig den seinigen zu dem Zwecke her. Rabbiner Dr. Walter aus Bromberg hielt die Grabrede, die kein Allge thränenleer ließ. Der Verstorbene hat sich seit eitler langen Reihe von Jahren um unsere Stadt uub jüdische Gemeinde sehr verdient gemacht. Er war Stadtrath und besorgte die Armenpflege zur größten Znfriedeilheit. Ebenso nützlich machte er sich als Repräsentant und Schulvorsteher in der jüdischen Korporatioll. Sein Verlust wird allgernein betrauert; denn er besaß einen friedlichen Charakter, unterstützte freigebig die Ortsarmen, und linderte nach Vermögen deren Noth. Er war im wahren Sinne des Wortes ein Ehrenmann, gerecht und schlicht in allen seinen Handlungen, dazu ein strenggläubiger Israelit. Er erreichte das Alter von noch nicht 60 Jahren. Sanft rnhe seine irdische Hülle! S. Witkowo (Provinz Posen), 19. Februar. Am vergangenen Donllerstag fand unter überaus zahlreicher Betheiligung von Leidtragenden aller Konfessionen die feierliche Bestattung zur ewigen Rnhe eines der Besten und bravesten unseres Ortes, des Herrn Rafael Berne statt. Unter Anderen bernerkten wir das Oberhaupt unserer Stadt, sälumtliche Mitglieder des Magistrats und deS Stadtverordneten-