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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-02 · Heft 9 (2.3.1900) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 9 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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<i4. Lahrgang. *tr. 9. Serlin. 2. Mär; 1900. Weikage zur „Akkgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland.!8. Berlin, 20. Februar. Die Generalversammlung des „ E e u t r a l v e r e i n s deutscher Staatsbürger j ü d i s ch e u Glaubens" fcuib heute Abend im Saal des Vereins junger Kaufleute statt. Der Vorsitzende, Rechtsanwalt Dr. Horwitz, erstattete zunächst dell Recheilschastsbericht. Die Zahl der Einzelmitglieder des Vereilis hat sich im letzten Jahre um 1100 vermehrt, insbesondere ist auch die Zahl der hiesigen Mitglieder gestiegell. sehr beträchtlich ferner in Frankfurt a. M. um 250 Mitglieder. Breslau, Liegnitz, Görlitz lind Slogan und zwar meist illsolge der in diesen Städten abgehaltenen Versannullingen. Besonders erfreulich ist das Vordringen des Vereins in Snddeutschland. auch in München lverden Erfolge für denselben erhofft. Entsprechend der Vermehrung der Mitglieder ist die Auflage des Vereinsorgans natürlich auch eine größere geworden, das nunmehr im Selbstverläge des Vereins erscheint und in verstärkter Zahl auch in den Kreisen Andersgläubiger verbreitet wird. Der Vorstand hat sich durch die Herren Professor Dr. Landau und Dr. Otto Wieseuthal cooptirt. Die Bureauthätigkeit des Vereins hat sich erheblich gesteigert, die Zahl der Eingänge ist um 33*,a pCt. gestiegen. Die finanzielle Lage ist eine gute geblieben, das Vereinsvernrögen hat sich gegen das Vorjahr um 2300 Mk. erhöht. Nachdem der Vorsitzende den in: verflossenen Jahre verstorbenen Mitgliedern Worte ehrenden Gedenkens gewidmet, giebt er einen ausführlichen Bericht über die Thütigkeit des Vereins iut Einzelnen, insbesondere über die Fälle, mit denen sich der Rechtsschutz des Vereins zu befassen hatte. In höherem Maaße hatte der Verein mit Verwaltungsbehörden zu thun, welche jetzt in den weitaus meisten Fällen ein großes Entgegenkommen zeigeil. Während früher die Eingaben des Vereins gar nicht beachtet wurden, lverden sie jetzt berücksichtigt, objektiv geprüft und es wird, lvo es begründet ist, ihnen entsprochell. Um Erfolge zu erzielen, ist vor allen Dingen eine rechtzeitige Information des Vereins nothlvendig. Eitle besondere Thütigkeit erforderte die Schächtfrage. In allen Fällen, wo neue Schlachthansordnungen in Frage standen, ist es gelungen, die Verbote sernzuhalten. Für Rheydt ist noch keilt Abschluß erzielt, doch wird auch hier noch beim Oberverwaltungsgericht eilt erfreuliches Restlltat erhofft. Jll letzter Zeit hat sich der Verein mit größerell statistischell Arbeitet! befaßt. Die vont Comitee zur Abwehr des Antiseluitismus heransgebene Schrift „Die Jttden als Soldaten" soll in kleinerer Ausgabe durch ben Verein in noch zu bestimmender Weise verbreitet werden; in Vorbereitung ist eine Statistik der bealnteten jüdischen Juristen. Der Verein hofft durch derartige Arbeiten, die ihn noch aus Jahre hinaus in Anspruch nehlnett werden, reichen Segen zu stiften. Voll Vereittswegen wurden diejenigen Veranstaltungen nllterstützt, tvelche geeignet sind, die Juden delljenigen Berufen zuzusühren. denen sie bisher in geringerem Grade angehören (Erziehungsanstalt itt Ahlem, Lehrlingsheint in Pankow, Verein zur Förderung der Bodenkultur). Auch in den jüdischen Litteratnrvereinen wird mit Recht ein Mittel zur Abwehr ailtisemitischer Angriffe erblickt, und deshalb der Verband der Litteraturvereine subventionirt. Der Vorsitzende bedauert zunt Schlüsse seines sehr beifällig aufgeuommenen Berichtes, daß die schmachvollen antisemitischell Altgriffe eilten Theil der Juden zur Taufe geführt haben. Der Verein will die Glaubensgenossen mit Selbstbewußtsein und dem Glauben erfüllen, daß es nicht schimpflich ist, Jude zu seilt. Alsdantt sprach Rechtsanwalt Dr. Fuchs über: „Höhere Töchterschulen uttd Judeillnission." Unter Zugrundelegung der uttseren Lesern aus mehrsachen Besprechutlgen bekallutell Dörstlingschen Schulangelegenheit ging der Redner davon aus, daß das letzte Viertel des geschiedetien Jahrhunderts das sonderbare Ergebniß der behördlichen Sallktion gezeitigt hätte, daß die Schulen sich in beu Dienst der Judenmission stellen dürfen. In sehr scharfer und treffender Weise argumentirte er alsdattu. daß in dem Bescheide des Provinzialschulkollegiums weder formelles noch mehr lnaterielles, weder zeitliches uoch ewiges Recht zun» Ausdruck komtne. Von einer Lehrerin dürftet, nur Bedingungetl gestellt werden, die gegen den Inhalt der bestehenden Gesetze lticht verstoßet!, ferner mit der Sittlichkeit und den höchsten pädagogischen Prinzipien im Einvernehmen stehen. Wer Kinder verführe, ihren Eltern untreu zu werden, handle unsittlich, und es sei geradezu unverständlich, daß das Provinzialschulkollegintn die Sanktion dieses Ultpüdagogischen Prinzips gefunden habe. Begreiflich sei es nur von dem Standpunkte aus, daß die Juden den Behörden bisher zu wenig Versiändniß für berechtigtes jüdisches Empfinden beigebracht hätten, daß man mit Stolz und Würde Jude sein und bleiben »volle. Seltsatn sei ferner, tvie in den, Bescheide die Freiheit „nialträtirt" tverde. Hier erhalte plötzlich das schrankenlose Freiheitsrecht Geltung, doch auch die Freiheit habe ihre Grenzen an der Sittlichkeit, wo große Prinzipien der Pädagogik in Frage stehen. Jetzt sei also das fieie Bestimmungsrecht der Eltern anerkannt und schriftlich festaelegt, das zur Zeit des Verbotes des Dissidentennuterrichtes noch nicht bestanden hätte. Ob der Behörde nicht doch bange lverden tvürde, »venu sich die Dissidenten auf diesen Bescheid stützen? Jetzt sei die Rothlvendigkeit der Errichtung öffentlicher Schulen gegeben. Das Facit des Dörstling'schen Falles sei, daß einem Theile der Juden erst das nothwendige Rückgrat gegeben werden ntüsse. Wiederholter lebhafter Applaus lohnte den Redner für seine vorzüglichen Ausführungen. Bei der hierauf folgenden Vorstandstvahl tvurden die bisherigen Vorstandsmitglieder wiedergetvählt, ebenso tvurden die Statuten mit einigen Aenderuugen genehmigt. 6. Berlin, 27. Februar. Der soeben erschienene Band des „Statistischen Jahrbuches der Stadt Berlin" enthält tvieder viele interessante Angaben über die jüdische Bevölkerung Berlins. Merktvürdig ist im Berichtsjahre 1897 die erhebliche Steigerung der Eheschließungen. Es tvurden geschlossen 1897 1896 1895 rein jüdische Ehen. 644 589 555 Mischehen Mann jüdisch, Frau evangelisch.108 101 97 „ „ „ katholisch. 10 15 in „ „ „ dissidentisch. 4 2 5 „ evangelisch „ jüdisch. 65 74 41 „ katholisch ., „ . 7 7 10 „ dissidentisch „ „ . 6_ 2 5 200 201 172 Es läßt sich nicht ersehen, wodurch die Steigerung der Eheziffer bei Stillstand der Mischehenziffer bewirkt worden ist. Die Gesalnmtzahl der Ehen ist in Berlin um 3 pCt., die der jüdischen um 20 pCt. gestiegen. Schade, daß man nicht seststellen kann, ob diese Erscheinung eine zufällige ist oder einen bestimlnten Grund hat. Den Eheschließungen stehen an Scheidungelt gegenüber 47, bei denen beide Theile jüdisch sind und 20 von Mischehen. Benterkenslverth ist die große Zahl der tvieder gelösten Mischehen. Interessant ist aber noch eine andere Betrachtung. Wegen Ehebruchs wttrden geschieden bei den Christen 41 pCt. der zur Trennung gelaugten Ehen, nämlich 601 Fälle, bei den Juden dagegen nur 16 pCt.. nämlich 8 Fälle; verhältnißmäßig häufig ist dagegen dieserScheidungsgrund lviederbei den Mischehen, uätnlich30pEt. Unwesentliche Aendernng der Ziffern weist die Geburtenstatistik ans. Es tvurden geboren lebende Kinder: 1897 1896 1895 Vater und Mutter jüdisch 1463 1438 1519 Vater jüdisch, Mutter evangelisch 110 108 96 „ „ „ katholisch 18 3 10 „ „ „ dissidentisch 1 1 „ evangelisch. Mutter jüdisch 79 74 73 „ katholisch. 10 10 .8 „ dissidentisch „ „ 6 219 8 '204 192 uneheliche Kinder jüdischer Mütter 101 90 79

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