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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-02 · Heft 9 (2.3.1900) · p. Seite 108

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 9 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
Seite 108 (sequence 14)
Language
German
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108 Das war ein gutes Stichwort für mich, eine Anknüpfung, um aus dem Metaphysischen in die Sphäre des Tages zu kommen. „Jawohl, Majestät," stimmte ich ein, „und wie die Kinder Ihres Stammes behandelt werden! Die Straßeil Jerusalems sprechen davon. Arme, kranke Juden aus Marokko, fieberhafte Kinder Israels ans Persien, halbverhungerte Söhne Davids aus Arabien, aus Rußland, aus Polen, eine rechte Musterkarte des Elends, die auf ein nettes Waarenlager von Jammer in den Ländern schließen läßt, aus derlen sie komulell." „Sie haben die reine Idee," unterbrach er. „Reine Kleider wären ihnen besser," witzelte ich. Der König blickte finster. Ich suchte beu üblen Eindruck zu verwischen. „Majestät verzeihen, aber wir leben im Jahrhundert der wirthschaftlichen Weltanschauung; nicht die Ideen regieren mehr, sondern das Geld." Er schüttelte das Haupt. „Majestät, verzeihen, in letzter Linie das Geld. Die bösen Antisemiten in Wien wollen den Juden aber gerade das Geld nehmen, auch denen, die es nicht haben. Die Idee hat gar keinen Werth bei uns, höchstens wenn man aus ihr ein Theater? stück macht. Das trügt noch etwas. Die Poesie weicht der Tantieme. Eine Staatsidee haben wir längst nicht mehr, weil die böhmischen Advokaten auch Minister werden wollen. Der liebe Gott ist ganz aus der Mode, und wer an ihn glaubt, dein schlägt man die Fenster ein". Ter Köllig hörte mich gar nicht mehr, er hob die Arme eulpor und ich fühlte, wie wir in die Höhe strebten. Der scharfe Luftzug nahm mir die Worte aus dem Munde, daß sie ungehört verhallten. Wir zogen imnler weiter in die Höhe. Wie wir so in die Lüfte wanderten, überlegte ich, was das bedeuten solle. Ich fürchtete so eine Art Wandelbilder, ein historisches Diorarna, ein Schauspiel, in dem eine Idee vom erstell Menschen bis zu Marx und Lassalle todtgehetzt lvird. „Ach Majestät", begann ich, „mir ist die „Tragödie des Menschen" von Madach bekannt und beu „Meister von Palmyra" verehre ich - selbst bei der Operette „Adaln und Eva" bin ich gewesen-" Es ging erbarmungslos immer höher und höher. Längst schon sahen wir die Berge von Judäa wie kleine Maulwurfshügel, die Gletscher des Libanon wie weiße Schafe unter uns. Im Osten leuchteten die eisstarrenden Spitzen des Himalaya, itn Süden glänzte der Nil wie ein zartes Band, es hobell sich schroffe Gipfel aus beu Urwäldern Afrikas und ebneten sich wieder Mlter unseren Blicken. Im Westell ein breites Meer, dann ein langer Landstreifen: Amerika. Im Nordwesten die kleine, vielgezackte Fläche: das war Europa. Und mitten drin ein kleiner, winziger Fleck, ein dllnkler Punkt: — das mußte meine Heimath sein. —- Die Bewegung hörte auf; lvir standen fest. Der König sprach: „Zeige mir Deine Heimath". „Herr, man sieht so wenig davon und sie ist so winzig von hier oben", entgegnete ich. „Und mm erzähle", forderte er mich auf. „Sprich von Deinem Leid, voll dem Dealer Nächsten in der Heimath". Als ich nun zu sprechen begann, drang die Morgensonne strahlend durch, die Luft klärte sich und man sah deutlich die Städte auf der galizen Erde, wld darinnen die einzelnen Bauten. Die Sonne wurde immer strahlender, der Blick tiefer. daß er in die Häuser drang. — Dort drüben im Vatikan zu Rom saß ein ehrwürdiger Greis mit einem Buche in der Hand; um ihn viele Herren in farbigen Talareil. Voll dort aus zogen sich Bänder in alle Städte Europas ulld über alle Meere. Sie einten viele Millionen Menschen und alle hatten sie eilt Buch zur Hand."—^ Und von Zion zog eine Linie lveit über die Lande in abelltenerlichem Gewirrs uild darillnen Männer mit Riemen um das Hallpt, einen hellen Mantel uni die Schultern, und sie hielten ein Buch in Händen. Und bann hoben sich viele kleine Gruppen von MälNlerll lind Frauen, und sie hielten alle ein Buch. Bon Europa bis Asien, bis nach Afrika Ulld über Amerika hinaus. — Bon Mekka schwebte eine Wolke hernieder auf Jerusalem, sie zertheilte sich im ganzen Morgeulande und bis gegen Süden irn schwarzen Weltiheil, und in den Nebelll saßen Mällller, deren Haupt voll einem Turban umwunden war, und sie hielten ein Buch. — Und das Sonnenlicht klärte die Luft lind ward immer heller. Die Nebel wichen. Und allf all den Büchern glänzte es in goldenen Lettern: „Die Psallnen Davids!" Das Licht strahlte und glühte, bis daß es in die Tiefe drang. Die Erde öffnete sich, aus dem Dllster stiegen die Todten, eine ganze Generatioll — das Licht drang weiter, die Erde gab die Todten heraus: eine zweite Geileration. Und in immer weiteren Tiefen hellte die Sonne das heimliche Düster, daß eine Geschlechtsfolge uul 'die andere zur Höhe stieg, bis daß sie mehr waren als ein halbes Hundert. Die Städte waren erfüllt voll Menschen in allerlei Kleidung, mannigfaltig ulld seltsam zu schauen; sie saßen in den Häusern und im offenen Felde, sie drängten sich in der Wüste ulld fuhren in zahllosen Schiffen auf den Meeren. Alle aber schauten sie empor gen Osten. Sie bewegten die Lippen und einten die Stimmen, daß ein lllächtiger Chor aufstieg und ein gewaltiges Tönen anhub. „Herr, was ist der Mensch, daß Du sein gedenkest, ilnd des Menschen Kind, daß Du ihn so achtest. Ist doch der Mensch gleich wie nichts, seine Zeit fährt dahin wie eill Schatten." Die Luft erdröhnte von den: gewaltigen Singen llnd die Erde erbebte. David hob die Arme hoch — der Chor verstummte. - Das Bild schwand meinen Blicken. Ich stand wieder im Saale mit Seraja, dem Schreiber, vor dem Köllig, den ich fragend anblickte. „Willst Du wissen, was das bedeutet?" so nahm er das Wort. Ich nickte. „Nichts für den, der die Idee llicht kennt." „Jedenfalls eine große Perspektive von diesem Berge Zion aus," wagte ich schüchterll zu belnerken. Der König nickte wie Einer, der da sagen will: „Ah, Du fängst an zu begreifen." — Dann nickte er abermals, wie zum Abschied — ich war entlassen. Ich verbeugte niich tief, und als ich den Kopf erhob, stand ich auf der Straße auf dem Berge Zion am Eillgang zum Abendmahlsaale, wo das Grab Davids ist, das den Moslim gehört. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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