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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-02 · Heft 9 (2.3.1900) · p. Seite 107

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 9 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
Seite 107 (sequence 13)
Language
German
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107 „Das war auch ein wunderbar Lied, aber kurz. Sie! lernten es Alle auswendig, die Landleute — es war leicht zu behalten und trug mir nichts ein." Die zusammengesunkene Gestalt des Königs begann sich zu regen, das Gesicht belebte sich. Die Erinnerung an seinen Dichterruhm schien ihn zu bewegen. Da dachte ich benit auch meinerseits ein Uebriges zu thnn nun Lobe des königlichen Dichters. Denn schließlich, etwas Eitelkeit haftet allen Poeten an. „Gewiß," ftimmte ich ein, „die Erfolge Eurer Majestät nüssen ungewöhnliche genannt werden, denn noch heute werden Höchstihre Werke mannigfaltig gedruckt und viel gelesen, leißig rezitirt und vielfach in Musik gesetzt mib gesungen." Die Gestalt stand nun hochaufgerichtet vor mir, im Geichte ein tiefer Ernst, fast an Trauer grenzend. — Es ist bekannt, daß jene Rezensenten, die zu sehr loben, ui Werth verlieren; ich war daher mit meinem Urtheil sehr;nrückhaltend und das, meinte ich, verdrieße den königlichen Autor. Ich begann nun, die einzelnen Vorzüge seiner Dichtungen hervorzuheben: den Glanz der Sprache, die Plastik des Ausdrucks, die poetische Wirkung der Bilder. Je mehr ich sprach, desto ernster, desto trauriger wurde das Antlitz des königlichen Sängers. Die Augen bohrten sich kragend in mein Gesicht, sie drangen in mein Innerstes und j nchten und forschten. Mit einem Male donnerte mir ein kräftiges „Nein!" entgegen. „Nein, nicht das ist es, was meinen Werken ein langes Leben schuf, was sie unsterblich macht! Der Gedanke, die Empfindung, denen sie entsprungen sind, das giebt ihnen jene geheime Ueberlebenskraft." Nun hätte ich Sr. Majestät gerne ein Privatissimum gehalten, über unsere Meinung von der Idee im Kunstioerk. Wir wollen bekanntlich Kunst um der Kunst willen - ja beileibe keine Idee! Aber ich kam überhaupt nicht mehr zu Worte. Der König fuhr fort: „Jene große Idee, die hier zuhause ist, ans diesem Boden gewachsen, in dieser Luft schwebend, die ist es, die meine Psalmen geschaffen hat." Und wieder schloß er die Augen und sprach wie unbewußt: „Als Samuel kam gen Bethlehem und mich salbte im Namen des Herrn, der war, ist und sein wird, da kani es über mich wie ein großer Stolz. Mir durfte kein Leid geschehen, ich konnte nicht fehlgeheu. So schlug ich den Philister. Als ich aber sähe, wie sündhaft Saul sei, der gesalbte König, da erbebte mein Herz. Und Samuel lehrte mich und wies mir den Weg. Er las mir die Lehre Mosis und ich verstand bald ihre innerste Meinung. „Gott ist in Allem, was da lebet, und alles Seiende ist Gottes und darum ist alles Lebende gleich vor ihm, ausgewählt aber Jene, die ihn verstehen." In Ziklag auf dem Berge war^s, wohin ich ich vor Saul geflohen, dort ivard meine Seele erleuchtet. Ich war geflohen, mein Leben zu retten und fürchtete den Tod. Da sah ich hinunter in die blühende Welt unter mir. Die Bäume beugten sich im Wehen des Windes, die Wasser glänzten im Sonnenlichte, die Aehren schwankten unter der Last der Körner. Alles voll Leben und Kraft, und ein feierlicher Odem zog über die Erde. Mein trübes Herz ward fröhlich, meine zerknirschte Seele jauchzte. Sie erhob sich, sie schwebte frei im Raume, Gott zu suchen — und voll seiner Herrlichkeit kam sie zu mir zurück. So ward ich Gottes und sang von ihm, der unsterblich ist." Die Unterredung begann mich zu interessiren. Ich dachte: nicht jeder Schreibersmann wird so ohne weiteres vorn König David empfangen. Das muß man zu einem regelrechten Interview ausnützen. „Gestatten Majestät", begann ich meine Fragen, „was Sie da sagen, das ist ja der reine Pantheismus, verwässerter Spinoza! Nach unserer Ueberzeugung haben Sie doch einen eigenen, genau umschriebenen Nationalgott besessen." Da bekam ich eine Antwort, die mir keine zu sein schien. „Saul war ein König, der erste in Israel. Das Volk wollte seine ganze Macht in einem Manne sehen. Und Saul siel weil er den Gedanken nicht faßte. Das Volk wollte seinen Gott sehen, doch er blieb unsichtbar — vor ihm her zog der Gedanke. Und ich diente dem Gedanken, der Gottes ist. Sie aber kamen und baten: Baue ihm einen Tempel, Deinem Herrn! — Aber ich baute Gott kein Haus. Doch als sie die Bundeslade brachten, darin das Wort des Herrn lag, da tanzte ich vor ihr. Und ich saug ihm Lieder, dein großen Gedanken, der uns überliefert war und den nur wir verstanden und kein anderes Volk zu jener Zeit." Ich suchte das Gespräch zu wenden. „Majestät mögen verzeihen, aber Höchstdero Sohn haben doch schließlich einen Tempel errichtet." Darauf der König: „Immer drängen die Menschen zum Verkörpern der Idee, und dann zerstören sie, was sie geschaffen." „Wir meinen," warf ich ein, „daß der Tempel als Mittelpunkt des Reiches auch politischen Zwecken diente." Der König seufzte. „Es ist ein ewiges Mißverstehen! Die den Gedanken haben, suchen die Gewalt, die Herren der Gewalt wollen die Gedanken beherrschen. — Mein Sohn nahm Frauen aus aller Herren Länder, denn er dachte, die Völker zu vereinen und seinem Gotte zuzuführen. Aber Gott ist unübertragbar, den muß Jeder finden im Tiefsten seines Herzens, aus daß er ihn besitze." „Ach, Majestät," wandte ich ein, „das widerspricht den Dogmen. Das könnte Ihnen bei uns sehr schaden." Der König achtete meines Einwurfs nicht und fuhr fort: „Und wieder leuchtete ein Stern auf iu Betlehem über einem Sohne meines Stammes. Das Wort von der Liebe zog durch die Lande und übers Meer und weit hinaus bis an die Grenze des Lebens. Der Ruf ertönte aus Jerusalem und widerhallte von den vier Enden der Welt: „Friede den Menschen, die eines Gottes sind, Kinder eines Vaters!" Eine große Pause trat ein. Der König seufzte tief auf, dann sprach er mit gepreßter Stimme: „Von hier strahlte das Licht und zurück kam die Finsterniß. Von hier zog der Friede ans und heim kam der Krieg. Sie bauen hier Gotteshäuser. Jeder in seiner Weise, und streiten, wessen die bessere sei; sie bekriegen und bekämpfen sich im Namen der Liebe. Sie wollen zu viel und erreichen zu wenig. Mein Gott ist ewig und mein Volk ist nahe. Der Tempel Salomonis rufet voll Sehnsucht nach allen Menschen, sie zu einen, aber sie kommen nicht. Später zog aus Betlehem die Sehnsucht, Himmel und Erde zu vermählen Uebermenschliches wurde ersehnt und Unmenschliches kam oft ans Licht."

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