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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-02 · Heft 9 (2.3.1900) · p. Seite 106

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 9 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
Seite 106 (sequence 12)
Language
German
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106 Das war ein Mann in kurzem Kleide, ringsum von Schildwerk gehalten, das Gesicht geröthet, die Nase gestülpt, der Bart struppig und fliegend. Der grimmige Herr verbeugte sich kurz und wandte sich rasch ab, daß sein Wehrgehänge rasselte/ „Ihre Eminenzen Zadok und Achimelech, Priester des Herrn. Herr Oberst Benaja, Kommandant des Leibgarderegiments; Krethi und Plethi." Während ich die Verbeugungen erwiderte und darüber nachdachte, wie die Herren wohl in ein Gespräch zu ziehen seien, erklang ein sanfter Chor. Die Teppiche vücfteu auseinander, der Raum, in dem uür standen, entschwand den Blicken, es hob uns in einer sanften Luftwelle leicht zur Höhe, während ein zartes Dämmern die Augen erquickte. Der Chor tönte näher: „Wer wird auf seinenr Berge wohne:: und wird stehen ans seiner heiligen Stätte. . .. Der reine Hände hat und unschuldigen Herzens ist — der nicht Lust hat 51t loser Lehre und schwöret nicht fälschlich. — Machet die Thore weit und die Thüren tu der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe." Und wie auf ein gegebenes Wort flogen alle Thüren auf, ein Rauschen zog durch die Hallern ein harmonisches Wehen und sanftes Klitigen umschmeichelte die Sinne. Eine ernste Stimme ertönte durch die zarten Akkorde mit markiger Kraft: „Ihr Heiligen, lobsinget dein Herrn, danket liub preiset seine Herrlichkeit! Denrr sein Zorn wahret einen Augenblick, und er hat Lust zum Leben; den Abend lang währet das Weinen, aber des Tages die Freude. Ich null Gott rufen; zu Dir, dein Herrn, null ich flehen. Was ist nütze au meinetn Blut, wenn ich todt bin, lvird Dir auch der Staub danken und Deine Treue verkünden. Herr, Du hast meine Seele gerettet, Du hast mich lebendig behalten, da Andere zur Hölle fuhren." Die Harmonien umschlangen das Wort, sie umkosten den herben Ton, daß er gedämpft und wohltönend durch die Luft drang. Die Musik wurde immer stärker, die Harmonieen markiger aus den: Dunkel des unermeßlichen Raumes drang ein weiches Licht. Rosenfarbene Tinten verschmolzen mit Purpur, ein leises Glühen und Gleißen — und immer mächtigere Tonwellen, ein hell anfsteigendes Lied: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes - und die Feste verkünden seiner Hände Werk. Ein Tag sagt es dem andern und eine Nacht thut es kund der andern. Es ist keine Sprache noch Rede, da inan nicht ihre Stinune hört. Ihr Faden geht aus in alle Lande und ihre Rede an der Welt Ende er hat der Sonne eine Hütte darin gemacht. Sie geht aus einen: Ende des Himmels unb laufet wieder an das Ende und bleibet nichts von ihrer Warnte verborgen." Ein warmer Sonnenstrahl drang durch die Krystallkuppel, die hoch oben schwebte. nahe dem Himmel, und erhellte den weltenweiten Raum mit herrlichen: Glanz. Da :ch emporblicken wollte. die geheinnüßvollen Chorsänger zu sehen, schoß nur ein scharfer Lichtstrahl ins Gesicht, daß ich geblendet die Augen schloß. - Als ich sie :oieder öffueu konnte, stand ich vor einer hohen Manuesgestalt. Ein mächtiger, brauner Bart floß über das lange Gewa::d, die wallenden Haare hielt ein schmaler Goldreif; in der linken Hand ruhte ein Sattenspiel. Das tiefdurchfurchte Antlitz war in die Farbe satter Seligkeit getaucht. Die Augen blickten himmelwärts. Die Lippen bewegten sich leise. Dann legte er den Psalter beiseite. Das Gesicht ordnete sich zu tiefem Ernst. Die Augen richteten sich abwärts; sie blickten auf mich. - Dann Hub er cm zu reden: „Du bist tapfer mit Deinen Augen, darum siehst Du, was Bielen verborgen ist, und erlangst Gnade. Viele komme:: her gen Zion und finden den Staub auf den Straßen, die Hitze iut Gemäuer, die Ruinen auf den Bergen und leere Gräber in: Gefets. Dann ziehen sie heimwärts ihre Straße und künden auf dem Wege: Zion ist gestorben und Jeruscholajin: geschleift. David ruht starr in: Sarge, er liegt leblos in: Tiefen allein. — Der aber Augen hat, der soll sehen, wer Ohren hat, der soll hören." Er setzte sich auf einen breiten Stuhl von Olivenholz ::ud stützte seine Anne auf die wuchtigen, geschnitzten Armlehnen. Das Gesicht verfiel, die Augen schlossen sich. — Der Schreiber stand noch iuttner regungslos in tiefer Verbeugung. —- Lautlose Stille herrschte. ... Da wurde mir's unheimlich. „Gestatten, Majestät:vagte ich einzuwenden, „in der That, es ist furchtbar staubig hier auch die Hitze quält sehr — besonders weil es doch nur Cisterneuwasser giebt, das voll Bakterien seit: kann, und Bier nur in einer einzigen deutschen Kneipe. Kein Wunder, wenn die Leute etwas enttäuscht davongehen. — Und schließlich, Majestät mögen entschuldigen, thatsächlich beliebten Sie doch vor einigen Tausenden von Jahren zu sterben und Höchstihr Grab wird von den Muhammedanern so eifersüchtig bewacht, daß man es garnicht zu sehen bekommt". Der König sprach, hielt aber die Augen geschlossen; die Rede kan: tute unbewußt aus seinen: Mllnde. „Der Du die Menschen lüssest sterben und sprichst: kommet wieder Menschenkinder, denn tausend Jahre sind vor Dir wie der Tag, der gestern vergangen ist." — - — „Seraja, Seraja!" rief er. Der Schreiber erhob sich aus seiner gebeugten Stellung. „Seraja, wie heißt es weiter?" Seraja rezitirte: wie der Tag, der gestern vergangen ist, :vie eine Nacht' wache." „Gestatten, inein königlicher Herr, Psaln: neunzig, Vers vier war es. . . . Erinnern sich Majestät an Vers zehn desselber: Stückes: der dann durchs ganze Land schwebte wie eine Möve und wieder zurückkam wie eine Taube, die in ihr Nest fliegt?" „Unser Leben lvähret siebzig Jahre und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig - und wenn es köstlich gewesen ist, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen." „Als ich das zum ersten Male unten in: Thale Josaphat vorgelesen hatte, da kamen die Leute und küßten das Pergautent — besonders die alten Männer waren außer sich, sie wollten alle den Psalm geschrieben haben. Zwei Schekel Gold bekam ich fürs Stück, und jedes vollet:dete Blatt wurde von anderen Schreibern abgeschrieben und jenes wieder von weiteren - das ganze Land war voll des Liedes. Ach, welche Zeit! Damals, uw die Hirten zu Berge zogen mit Deinen Hynrnen, o Herr und Kö::ig! „Das Meer sähe und floh, der Jordan wandte sich zurück, die Berge hüpftet: :vie die Lämmer, die Hügel wie die jungen Schafe."

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