Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1900)
- Date
- 1900-03-02
- Page
- Seite 104 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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104 später Professor in Athen; Benno Reinhardt, der früh verstorbene Mitbegründer von Virchow's „Archiv für pathologische Anatomie"; Wilhelm Koner, nachmalig Oberbibliothekar zu Berlin. In welchen Hellen Farben sich Sanders die Erinnerung an jene Tage bewahrt hatte, zeigte sich tut vorletzten Jahr seines Lebens bei der zufälligen Erwähnung einer noch lebenden Tarne, deren jugendlich liebreizendes Bild, plötzlich vor seinem Geiste auftauchend, ihr: zrrr Mittheilung eirres von ihm s. Zt. improvisirterr neckischer! Gedichtchens anregte. Es ist ein witziges Billet in Berserr, an den allzu fleißig über den Büchern hockerrden Freund Reinhardt gerichtet, bei aller Harmlosigkeit aber zu persönlich gehalten, tun eine Veröffentlichung zu gestatten. Von Berlin ging Sanders nach Halle, um daselbst seinen Studiengang abzuschließen. Bekanntlich wurde er, rrachdern er das preußische Oberlehrereramen bestanden hatte, mit 23 Jahren an die Spitze der Schule gestellt, die er als Knabe besucht hatte, lim diese ehrenvolle Berufung voll zu rvürdigerr, ist es nöthig, sich den Ruf und die Bedeutung der Anstalt zu vergegenwärtigen; ihre Eigerrart unter eigenartigen Verhältnissen. In einer der kleinsten Städte eines deutschen Kleinstaates war diese vortreffliche Schule ans den Mitteln der jüdischen Gemeinde — und für die ärinerert Mitglieder unentgeltlich — gegründet worden, weil es daselbst an einer höheren öffentlichen Schule überhaupt fehlte, weßhalb denn auch nicht selten christlichen Bürgern der Stadt für ihre Kinder der Unterricht, natürlich nlit Ansnahnle der Religionsstunden, an dieser jüdischen Schule auf ihr Ersuchen gewährt wurde. Durch den Umstand, daß Alt-Strelitz von jeher Sitz des Landesrabbinats lvar, begünstigt und gestützt auf tüchtige Lehrkräfte, gelangte diese, sowohl eine Knabenwie eine Mädchenschule ninfassende Anstalt bald zu hohen! Ansehen im Ländchen und darüber hinaus. Als auf Sanders Bildungsgang von Einfluß sind schon seine Lehrer Lehfeldt und Zedner genannt, doch sei auch noch aus der nnlnittelbar daraus folgenden Zeit des ausgezeichneten Direktors Dr. Ginsberg gedacht, eines auch wegen seiner geselligen Talente allgemein beliebt gelvesenen Mannes. Wohl inochte ein Gefühl des Stolzes die Brust des jungen Dr. Sanders heben, als ihm die Leitung dieses Instituts übertragen wurde. Und darauf zurückblickend schrieb noch der Siebziger: „In diesen! Amt, dem ich mich mit Lust und Liebe, mit dem größten Eifer und mit der vollsten Hingebung widmete, habe ich daun nahe zehn der schönsten Jahre meines Lebens, bis zuin Eingehen der trefflich gedeihenden Schule zugebracht. In dieser Zeit bildete nleine Schule und die Sorge für die mir anvertraute Jugend den Mittelpunkt rneines Denkens, Lebens, Wirkens und Schaffens." Außer diesen! ihn beglückenden Wirkungskreis fand Daniel Sanders nach einigen Jahren auch die Freuden der eigenen Häuslichkeit in seiner Heiinath. Bisher hatte er im Hause seines Vaters, und dort auch nach dessen int Jahre 1846 erfolgten Tode am häuslichen Herde seines Bruders die Annehmlichkeiten eines behaglichen Heimwesens genossen. Doch als er sich 1847 mit der schon vorerwähnten früh verwittweten Schwester seiner Schlvägerin vermählt hatte, führte dieses verwandtschaftliche Doppelband zu einen! wechselseitigen häuslichen Verkehr der beiden Paare, wie er selbst bei Geschwistern etwas Seltenes ist. Ihre Geistesfrische, ihr Hrunor und ihre Gastlichkeit rnachten Daniel und Jda, Sophie und Alexander Sanders auch bald zum Mittelpunkt einer anregenden Geselligkeit, in welcher Daniel gern die Abendstunden nach Goethes Spruch verlebte, während er sich bei des Tages Arbeit ungern durch Besuche stören ließ. Von entscheidendem Einfluß auf seine Laufbahn sollte das Jahr 1848 werden. Zu den intimsten Freunden der Familie Sanders zählten Adolf Glaßbrenner und seine Gattin, die glänzend begabte Schauspielerin Adele Peroni-Glaßbrenner. welche aut Strelitzer Hoftheater engagirt war. Jur Mittelpunkt der demokratischen Partei, und mit an der Spitze der von Glaßbrenner geleiteten Bewegung stand auch Daniel Sanders. Eine litterarische Frucht ihrer Freundschaft und vereinten politischen Aktion war das von ihnen im Jahre 1850 gemeinschaftlich herausgegebene, in den Tagen der Enttäuschung nach den hochgemuthen Freiheitsbestrebungen entstandene Heft: „Genien der Gegenwart". „Drin ward die Dununheit des Bölkergeschlechts, Die Thorheit der Großen gegeißelt, Die Schläge fielen nach links und rechts - Das saß, wie in Marmor gemeißelt? Es sausten hernieder hageldicht. So prickelnde Prügeltrachten. Daß die Getroffenen — ob gern, ob nicht — In: Schmerz sich windend .... lachten!" So besingt Richard Schmidt-Cabanis die beiden politischen Satiriker in einen! längeren Festgedicht zu Daniel Sanders 70. Geburtstag, das die Vielseitigkeit des „nicht nur als Ge lehrter" Schaffenden preist. Die Folgen waren indessen ernst genug. Schwer mochten die Freunde ihre räumliche Trennungr) empfinden, - Glaßbrenner wurde ans den! Ländchen ausgewiesen — indessen die schärfere Maßregelung, lvelche über den demokratischen Schulmanu verhängt wurde, traf denselben nicht allein persönlich. Jhrn wurde die Stätte seiner segensreichen pädagogischen Thütigkeit verschlossen und so die unter seiner Leitung blühende Schule vernichtet, mithin auch der Gerneinde ein unersetzlicher Schaden zugefügt; am meisten den ärmeren Mitgliedern, denn für sie hatte — wie schon erwähnt — die Anstalt den Charakter einer Freischute. Vielleicht sollte auch die Strafe dem Ort in einem nicht unbedeutenden Theil seiner Einwohnerschaft mit gelten, da in dem Städtchen Altstrelitz die 48er Bestrebungen einen günstigeren Boden und eine lebhaftere Betheiligung gefunden hatten, als in der vom Hofe abhängigen kleinen Residenz. Sanders Stiunnnng zu jener Zeit geht aus einigen Sätzen seiner Abschiedsrede als Direktor hervor, die bei Gelegenheit eines Rückblicks^) auf seine Laufbahn zur Feier seines 70. Geburtstags in der Oeffentlichkeit bekannt geworden sind: „Sie sind hier zu einer ernsten Leichenfeier zusammen. Erweisen Sie doch die letzte Ehre einer Anstalt, die Ihnen Allen lieb und Werth sein muß, die Sie selbst, die Ihre Kinder zu tüchtigen, brauchbaren, guten Menschen herangebildet. Und wenn Sie Trost von mir verlangen: ich kann Ihnen keinen geben für den Verlust, den Sie erleiden; ja, was mir selbst vielleicht ein Trost sein kann, wie es immer mein Stolz gewesen, — die Blüthe dieser Anstatt — Ihnen kann es nur den 0 „Sie wissen. was die „Glaßbrennerei" meiner Frau und mir gewesen ist", schrieb Sanders noch anläßlich des Hinscheidens der Mittwe Glaßbrenners an Schmidt-Cabanis. -) In der von Friedr. Düsel herausgegebenen Festschrift.