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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-02 · Heft 9 (2.3.1900) · p. Seite 103

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 9 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
Seite 103 (sequence 9)
Language
German
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103 Ich erfuhr den intimen Hergang der Sache erst viel später. Von der Vorgeschichte, die mit Preußeu spielte, wußten nur die nächsten Eiugeweihteu, als der neue Vertrag mit der französischen Ost. bahn bekannt wurde. Der Ga,lg der Weltgeschichte niachte dann den Witz, daß durch die Einverleibuug von Elsaß-Lothringen die mit Luxemburg zusammenhängende Strecke ans Deutsche Reich fiel l,nd dieses infolgedessen arich die voll Frallkreich stipulirte Garailtie mit dem Betrieb der Bahn überllahm. Uebrigeris hatte sich bei dieser Gelegellheit lvieder einmal gezeigt, wie die mittelbaren Eillwirkuilgell, auf welche die diplomatische Schlauheit großes Gewicht zu legen pflegt, wenig bedeuten. Bei Ausbruch des großeil Krieges lvar Frallkreich noch im Vollbesitz seiner damals erkauften Vortheile. Es hat aber auch llicht eine Stunde lang irgend einen Nntzen davon gehabt. Dem Baron von Hirsch vergaß Bismarck freilich das Stücklein llicht. Als Hirsch im Sommer 1878 während der Tagung des europäischen Koilgresses in Berlin erschien, lin, im Interesse seiner türkischen Bahnen auf die ihn inteveffivenbeu Einzelheiten der großeil Abmachungen einzuwirkell, weigerte sich Bismarck, von ihrn Notiz zu nehmen, und er mußte unverrichteter Sache abzieheu. Hirsch lvar einer von der seltenen Art der Finauzgellies, die dllrch einen mehr diplomatischen als merfantilen Scharfblick ihr Glück luachell. Seille kolossale»! Erfolge in der Türkei beruhten in erster Reihe auf der Schlauheit und Kühllheit. mit welchen er die dort herrschenden Regiernngszustände allszullutzei» verstand. Als er dank diesem Allfailg zu feltenein Reichthum gelangt war, verstalld er es allch wieder, sich mittelst desselben hochstehenden und »llächtigen Persollen zu verbillden, die sotvohl seinen Unternehmungen als feinem gesellschaftlichen Ehrgeiz die bestell Diellste leiften konnten. Unter veränderten Ulnständen, lvenn Gebllrt itnb Vorbilduilg it)ii dazu näher gebracht hätten, würde er vielleicht eine staatslnännijche Rolle in der Geschichte eilles Landes haben spielen können." Auch eine große Anzahl von Journalisteil führt ilns Bamberger in feinem Buch vor, vor allem M. Brasch, Max Schlesitlger in London, Jacob Kauflnanll, den» Gustav Freytag einen so schönen Nachruf gewidnret hat. Ignatz Kuranda u. A. Bon Kuranda, der im Jahre 1 «41 zu Brüssel die Grenzbotell gründete, schrieb Bamberger: „Er lvar einer der häßlichsten Menschen, die je gelebt haben, mit einem wahrhaft grotesken Munde. Sein Typus lvar entschieden semitisch. Woher er den wohlklingenden Name», hatte, weiß ich nicht. Er erzählte aber, uni sich interessant zu machen, daß er eigentlich von Hussiteu abstannne, die. nn» den Bersolgunge», unter der katholischel» Herrschaft zu entgehen, zum Judenthnul übergegailgeu seien. Mar» erzählte ihm allerhand schllurrige Geschichten nach, so z. B. habe er eines Tages einen Besuch bei Heine in Paris gemacht. Dieser, in seiner kaustischen Weise, habe sich ziemlich abfällig über Gutzkows dranratische Arbeiten ausgesprochen, worauf Kuranda: „Welln Sie Gutzkow ärgern lvollen, lvill ich Ihnen einen gutell Rath geben: Loben Sie in der Presse meine „Letzte lveiße Rose". Ebenso lvie die Journalisten spielen die Maler und Musiker iit Bambergers Leben eine ansehnliche Rolle. Besonders viel verkehrte er mit dem Klaviervirtuoseu mld Konlponisten Jacques Rosenhai»», einen» geborenen Mannheimer, der in Paris euren großen Salon hatte, ferner mit dem Maler Ferdinand Heilbuth und dem Berliner Maler Güterbock. Man darf Bamberger dankbar sein, daß er eine Geschichte, die Güterbock eines Tages als lvahrhaftes Erleblliß zürn Besten gab, der Vergangenheit entrissen hat. Es ist die folgende: „Ich war, so lautete ungefähr seine Darstellullg, aus meinen Wanderungen in einem Dorfe Umbriens hängen geblieben, »veil ich in der Kirche ein Altarbild entdeckte, das mich interessirte und das ich zu kopiren übernahm. Kein Mensch störte mich daran, da die katholischen Kirchen, und besonders in Italien, stets offen sind, und jeder beliebig da a»ls und eingeht und verlveilt. Doch lvar ich meistells allein. Eines Tages, während ich an der Arbeit sitze, kommt der Pfarrer herein' ein milder ältlicher Herr. Er tritt näher und sieht mir eine Zeit lang zu. Dann fängt er ein Gespräch an. lobt meinen Vorsatz und, nachdem eil» Wort das andere gebracht hatte, fragt er uiich nach meiner Landsmannschaft. Als ich ihm sagte, daß ich ein Berliner sei. war er sehr überrascht und drückte sein Erstaunell darüber aus, daß ich als Protestant, »nich so ernstlich eilles katholischen Bildes anuähme. Darauf antlvortete ich ihul. ich sei nicht Protestallt, sondern Jude, Ebreo. Da riß er aber die Allgeu auf »lud schlug die Hällde zusaunnell, mit einem Ausdruck glücklicher Ueberraschullg. der nun »nich lvieder in Erstaunen setzte. „Wie", rief er aus, „Sie sind ein Sohn dieses ehrwürdigen Volkes?" lind schließlich sagte er: „Wollen Sie mir einen »nächtigen Gefallen thun, so konllnen Sie doch nächste!» Sonlltag zum Gottesdienst hierher." Natürlich lvilligte ich ein; ich erschie»! z»lr richtige»» Stullde und sllchte mir einen bescheidenen Platz auf einer der Hinteren Bänke in den» bescheidenen Raun». Danll kan» der Monlent, lvo der Pfarrer die Kanzel bestieg. Mit der Lebhaftigkeit, lvelche ben italienischen Prediger rharakterisirt, beganl» er seille Gläubigen zu apostrophiren und nach einigen Wörter» streifte «»ich sein Blick; dann streckte er beide Aru»e weit über die Brüstllug der Kanzel hinaus, »varf das Hallpt stolz zurück »uld rief mit vibrirender Stinnue: „Was meint Ihr, liebe Brüder, lvelche Ehre uns hellte widerfährt? Seht Erich dort den Mann an. Ihr meint wohl, er ist eil» gewöhnlicher Fremder, ein Forestiere lvie die Anderen, ein Engländer oder ein Deutscher. 'Aber nicht doch, lvißt Ihr. lven »vir »luter uns habend „En cu.siuo della Madonna!u Ta ich nicht dabei lvar, kann ich die Echtheit der Geschichte nicht verbürgen, nur so viel kam» ich bezeugen, daß lvir Alle dan»als nach den» Eindruck, den wir hatte»», uild nach de»n Charakter des Erzählers die Echtheit nicht bezweifelten. Auch ist der Bericht zu originell, um erfunden zu seil», und Tendenz hat ihl» gewiß llicht erzeugt, ideuu damals lvar der linguistisch-ethnologische Begriff des Senlitismus m»d AutiselllitislNlls noch nicht in Umlauf gesetzt, zu den» die A»»ekdote einen so vielsagenden Konnnentar liefert." Bambergers Eriunerullgen schließen mit beut Jahr 1864 und seiner Rückkehr nach Deutschland. Es ist recht schade, daß er nicht mehr dazu gekommen ist, das Bild der zweiten Hälfte seines Lebens außzuführen. Seille Arbeit bricht mitten ab in jenen» Theil, der a»»s de»» Pariser Schilderungel» den Uebergang zur endgiltigen Rückkehr in das öffentliche Lebe»» des Vaterlandes bilben sollte. Der Abschluß ist jäh und zufällig wie bei Jemandem, bem das Geschick plötzlich und ohne Vorbereitung die Feder aus der Hand reißt. Wenn der pietätvolle Herausgeber dieser Erinnerungen erklärt, daß das Bild der zlveiten Lebenshälfte Bambergers sich eher nachschaffen ließe, so wolle»» »vir das als ein Versprechen ansehen, zu deffet» Erfüllung Niematrd mehr berufen ist als er selbst. 0. K. Urrniel Sanders. Von Bertha Treu m anu - K o »»e r. II. fie in Sanders steckende Willenskraft, die sei»» gatrzes Leber» hindurch in eifernem Fleiß sich bekundet hat, zeigte sich zuerst während seiner Gymnasialzeit. Wir »viffen, lvie er dann auf der Universität mit Energie und Eifer seine Kenntnisse erweiterte nt»d z»»m Theil schon verwerthete in den „zun» Besten der urlglückliche»» Kandioten" in» Verei»» »nit Heitrrich Beruh. Oppenheim u»»d Moritz Earriöre herausgegebenen „Neugriechischer» Volksu»»d Freiheitsliedern." Obgleich in der» Schilderunge»» seiner Studienjahre die studentische Burschenherrlichkeit feine Rolle spielt, war's eine schöne, glückliche Zeit, die der junge Sanders in Berlirr »nit gleichgesinnter», gleichstrebenden Freutlden verlebte, von dener» außer der» beiden obenertvührrten Mitarbeiter»» »roch verschiedene andere mehrfach namhaft gemacht si»»d, unter Angabe ihrer später erlangten Bedeutung; so der Grieche Jraklis Mitsvpulos,

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