Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1900)
- Date
- 1900-03-02
- Page
- Seite 102 (sequence 8)
- Language
- German
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102 wärtigen gewesen, seit 1876 gehörte er dem Senate an. Hier widmete er sich besonders den Fragen der Finanz- und der auswärtigen Politik, wie auch in diesen Tagen noch der letzte Bericht zur Verhandlung kommt, den der Heimgegangene auf seineul Krankenlager über das Budget des Ministerin!!! des Äußeren bearbeitet hatte. Als Politiker hatte er etwa die gleiche Rolle wie Ludwig Bamberger, :v galt außer als vorzüglicher Kenner des Auswärtigen, als Autorität auf dein Gebiete des Bank- und Finanzwesens, nur daß er unter einem freieren, heitereren Hinnnel lebte als Bamberger, unter einen! Volke, das seine Anerkennung wahrer Verdienste nicht abhängig macht von einen! bestinnnten Religionsbekeuntniß. So wurde denn Artom im Leben und im Tode höherer Ehren gewürdigt als sein deutscher Genosse. An seinen! Leichenbegängniß nahmen der Adjutant des Königs, General Torina-Valia, die Minister, der Bürgermeister von Roin, sowie Vertreter des Senats, der Kammer und der hohen Aristokratie Theil. Die Leiche wird in Asti, der Heimath des Verstorbenen, beigesetzt. Betrübend ist es freilich, daß die jüdische Gemeinde in Rorn bei einer solchen Gelegenheit keinen Rabbiner hat, der sie würdig vertreten kann. Doch darüber ein ander Mal. Während ich schreibe, trifft die betrübende Nachricht ein, daß der berühmte Rabbiner von Livorno, Elia Benamozegh, feinen Leiden erlegen ist. Der verdienstvolle Gelehrte darf es beanspruchen, in einem besonderen Artikel gewürdigt zu werden. en. Ludwig Bamkergers Erinnerungen. in. >^-bei>sv interessant wie die Familiennachrichten sind die Schilderungen der Freunde in den Memoiren von Bamberger, der, wie man sich denken kann, einen großen Kreis von Freunden während seines Lebens gehabt hat. Die hervorragendsten Politiker und Schriftsteller aus unseren Kreisen waren mit ihn! befreundet oder zürn mindesten gut bekannt. Es ist mir natürlich nicht möglich, die einzelnen Schilderungen hier wiederzugeben. Ich kann nur darauf Hinweisen, was er z. B. über Johann Jacoby erzählt, den Bamberger außerordentlich hochstellt, ja verehrt und von dem er u. a. sagt: „Man sah ihn! die jüdische Abstammung an, aber im Ausdruck über das Rassengepräge durch Objektivität hinausgehoben. Das ganze Wesen athmete eine eigenthümliche Mischung von Charakterfestigkeit und Milde." Geradezu begeistert ist die Schilderung M o ritz Hartrnan ns, der bekanntlich Bambergers ' intimster Freund war und von dem er in seiner charakteristischen Weise ein sehr fein ansgeführtes Porträt entworfen hat : „Der wunderschöne Kopf mit einem Paar entzückender Angen, einen! Organ, dessen lieblicher Silberton allein schon die Herzen bezwang, das alles mit den! Ernst seines Geistes und Charakters verbunden, machte und ihn mit Recht, zu einem der beliebtesten Menschen seiner jeweiligen Umgebung." Weniger durch äußere Gaben als durch seine politischen Anschauungen imponirte H e i n r i ch B e r n h a r d O P P e n h e i in, mit dem Bamberger zeitlebens in persönlichen und Politischen Beziehungen gestanden hat. Berthold Auerbach bezeichnete ihn als ein Genie der Freundschaft Bamberger nannte ihn den „Concierge von Europa". Das Interesse am inenschlich Charakteristischen war bei ihm bis zum Exzeß ausgebildet. Daraus entwickelte sich eine Kenntniß von Personen und persönlichen Verhältnissen, die ans Komische streifte. Oppenheirn war übrigens der erste, der Lasters Talent entdeckt und ihn ins öffentliche Leben hineingezogen hat. Das geschah in den 60er Jahren, in der Konfliktszeit, als beide eines Abends, ohne einander auch nur dem Namen nach zu kennen, in Frankfurt a. M. in der Eisenbahn zusammenznsitzen kainen, um nach Berlin zu fahren. Zufällig kam ein Gespräch in Gang und dem um zehn Jahre älteren, in Politik und Schriftstellerei erfahrenen Mann fiel der jüngere durch den Inhalt der Gedanken so auf, daß sich daraus eine die ganze Nacht dauernde Unterhaltung entwickelte. In Berlin angekommen, fragte Oppenheim den Gefährten nach seinem Namen und forderte ihn ans, für die von ihm redigirten „Deutschen Jahrbücher" zu schreiben. Im weiteren Verlauf entwickelte sich daraus Lasters parlamentarische Laufbahn. lieber Laster selbst finden sich nur einzelne Bemerkungen. Wahrscheinlich hatte Bamberger vor, im weiteren Verlauf seiner Memoiren ihn ausführlicher zu schildern. Neu und für viele interessant ist aber sicher die folgende Mittheilung Bambergers: „Ich war der erste, welcher gewahr wurde, daß in Laskers Kopf etwas in Unordnung war. Laskers Gehirnkrankheit war nach aller Vermuthung die späte Folge des furchtbaren Typhus, den er im Jahre 74 durchgemacht, und hinzukam, daß er seinen! Kopf nicht die hinreichend lange Ruhe gelassen hatte, als er dann in die Kommission zur Berathung der Civilprozeßordnnng eintrat, der er sich mit seiner ganzen Arbeitsenergie hingab." Von anderen Persönlichkeiten, die unser Interesse am meisten fesseln dürften, steht in erster Linie Adolf Cremieux: Er hatte eine merkwürdige Physiognomie; auf einen! untersetzten, etwas schwammigen Körper mit kurzen Armen und kleinen Händen saß ein ungeheurer Kopf mit kurzem, dichtem, krausen! Negerhaar und einer Negerphysiognomie, eingedrückter Nase, deren Löcher nach oben standen, und breiten! Munde. Der Totaleindruck der Erscheinung hatte etwas mit der von Anton Rubinstein gemein, nur war der letztere größer. Cremieux eutstamnite einer der jüdischen Ansiedelungen des südlichen Frankreich, von denen auch die Pereire. Salvador, Mires, Millaud n. s. w. herkamen. Ein heißblüthiges. phantasiereiches Geschlecht, das sich den demonstrativen Formen und der beweglichen Unternehmungslust der gascognischen und proven^alischen Landstriche aus natürliche Weise assimilirte. Cremieux!var das Urbild des französchen Advokaten in seinem schwungvollen Vortrag und seinen breiten Gestikulationen. Ich hatte Gelegenheit, ihn in einer Angelegenheit meines Hauses vor dem Appellhofe plaidiren zu hören". Auch von Meyerbeer!veiß Bamberger Interessantes zu erzählen: „Sah Cremieux aus wie ein senntischer Neger, so konnte man Meyerbeer mit seinem semitischen Mohikaner vergleichen, mit seinem langen Kopf, den scharfgeschnittenen Zügen, der kühn hervorragenden Adlernase und dem langen, glänzenden Haar." Natürlich war auch der Bankier Moritz von Hirsch, der Schwiegersohn des Brüsseler Bischoffshein!, mit Bamberger in Verbindung. Er erzählt auch von dein Scharfblick und der erfinderischen Kombinationsgabe Hirschs eine Meisterprobe: „Er ging nach Berlin und erosfnete dem Ministerium Bismarck, ans welche Art durch einen neuen Betriebsvertrag mit der Luxemburger Bahn diese wichtige Handhabe für Einfluß ans das Land und für nlilitärische Bewegungen zn erwerben sei, und mau zeigte sich willig, auf seine Vorschläge einzugehen. So weit gekounnen, wandte er sich nun nach Paris an die kaiserliche Regierung und demonstrirte ihr,!vas ibr bevorstehe, wenn sein Plan gelänge, bot ihr aber an, ihn zu ihren Gunsten uurzugestalten, wenn sie der Lnxeinburger Bahn ihrerseits die gewünschten Vortheile sichern wollte. Man ließ sich das nicht zweimal sagen, und die französische Ostbahn wurde nun bewogen, der Luxemburger Bahn Einnahmen zu garantieren, für welche wieder die französische Regierung die Deckung zu liefern übernahm: