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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-02 · Heft 9 (2.3.1900) · p. Seite 101

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 9 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
Seite 101 (sequence 7)
Language
German
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101 welche den Reichsrath wieder einbernfen hat, ist eine gerechte, sie will mit dem Volke regieren. Sucher: wir auch unsere Volksrechte vor ihr zu vertheidigen. Dem Rechte und der Wahrheit gehört der Sieg. Iwri. Brief aus Italien. Florenz, im Febrrrar. ^?eber die wichtigsten jüngsten Vorgänge in der italienischen Judenheit hat Ihr Blatt bereits kurz berichtet; sie Haber: zurr: Theil allgerneirrere Bederrtrmg, rrnd ihre ausführlichere Besprechung wird auch weiteren Kreisen Interesse bieten. Da verdient zunächst der Kampf vor: Turin Erwähnur:g, ein erfreuliches Zeicher: blühenden Leberrs, das sich sonst iu den hiesigen Gemeinden leider rricht allzuhänfig regt, um so erfreulicher, als es mit einem glänzenden Sieg der gr:ter: Sache endete. Lassen Sie mich zunächst die Geschichte dieses Streites erzähle::. An: 2. Dezember v. I. beschloß der Vorstand der jüdischen Gerneirrde vor: Turin, den zweiter: Feiertag (mit Ausnahme des zweiter: Tages des Neujahrsfestes) rn:d der: ersten Tag Rosch ha-Ehadesch abzuschaffen. Er hatte weder die Ortsrabbiner noch sonst irgend einen Sachverständigen gutachtlich befragt, sondern sich auf eirrer: von dem verstorberren Rabbiner Olpes im Jahre 1865 gerrrachten, und darm als von der Gemeinde abgelehnten Reformvorschlag gestützt. Der Oberrabbir:er, Professor Giuseppe Fon, erfuhr ganz zufällig privatim ' von der vollendeten Thatsache, zögerte aber auch keiner: Auger:- blick, die rröthigen Konsequenzen zu ziehen und ersuchte schor: am 3. Dezember den Vorstand um Entlassung aus feinem Amte. Und nun begir:g der Vorstand eine noch größere Thorheit, indem er den Rabbiner bat, seine Demission zurückznziehen und sich einer Abstimmung der Sterrerzahler zu unterwerfe::, die darüber entscheiden sollten, ob die fragliche Reform artzunehmen oder zu verwerfe:: sei. Auf diesen albernen Vorschlag korurte und wollte der Rabbiner nicht eir:gehen, er lehnte es ab, seine religiöser: Ueberzeugungen rrach der Meinrrng der Mehrzahl der Turiner Steuerzahler eiuzurichten und beharrte auf sein Gesuch um Dienstentlassung. Der Vorstand seinerseits beharrte auf der Abstirnrrrung, und so blieb den: Rabbirrer nichts Arrderes übrig, als öffentlich in den Karupf einzutreten. Gleich den: Vorstand erließ auch er ein Rundschreiben an die Gerneindemitglieder, in den: er seirrer: Briefwechsel mit dem Vorstand veröffentlichte, seine Gründe gegen die geplante Reform darlegte und sich irr: Gegensatz zu dem Gutachten des Rabbir:er Olpes auf den damals vor: der: italienischen Rabbinern veröffentlichten Protest berief. Die Abstirnrnung hatte bekanntlich das Resultat, daß von 250 Stimmen 245 sich gegen den Vorstand erklärte, dieser nahm jedoch diesen gründlichen Mißerfolg ruhig hin und erklärte, nun vor:seir:em Beschluß absehen zu wollen. Unter den allgemeinen Gesichtsprrnkten, die sich bei dieser kläglichen Affäre aufdrängen, verdient zunächst die wunderliche Auffassung gekennzeichrret zr: werden, die so ein thateudurstiger Vorstand von dem „dringenden Verlangen" seiner Genreirrde hat. Wieviele Gemeinden mögen wohl durch ähnliches, ungestümes Vorgehen in schwere Kämpfe und Uneinigkeit gedrängt worden sein, nur daß es höchst selten gelang, die wirkliche Gesinnnng^der Bevölkerung^rnrmerisch so festzustellen,, rvie in: vorliegender: Falle. Von ganz eigenthürrrlicher Anschauung zeugt auch die Absicht, der: Rabbiner nr:ter ein Plebiszit zwingen zu wollen. Gewiß kennt das Jndenthum den Gegensatz zwischen Priestern und Laien rächt, sicherlich würder: die Rabbirrer die erster: fein, die sich gegen die etroaige Ausbildung dieses Gegensatzes energisch erklären rvürderr, aber irr religiösen Dingen mitzusprechen ur:d gar rrritznentscheiden, dafür karn: doch rvohl nur religiöse Bildung und religiöse Denkurrgsark die Berechtigung verleihen, nicht aber eine auch rroch so hohe Steuerleisturrg arr eine jüdische Gerneirrde. Was würden die Herren Vorsteher vor: Turir: rvohl dazu sagen, wer::: eine Rabbinerversamrulnug mit Majoritütsbeschlrrß Vorschläge zur Börsenordrrung oder zur Verbesserrrng der Seidenmarrufaktur nrachte nrrd die betheiligten Kreise zrvärrge, sich diesem Beschluß zr: unterwerfen? Die höchste Anerkeururrrg verdierrt hingegen die würdevolle Haltung des Rabbiners. Seinem energischer: Auftreter: uub seinem charakterfesten Eintreter: für seine religiöser: Anschauungen ist zum größten Theil der Sieg zu danken. Hier zeigt sich eben wieder, daß der Eirrfluß des Rabbiners ein ganz außerordentlicher sei:: kann, rvenn feilte Wirksamkeit und sein garrzes Verhalten ihn dieses Eirrflusses würdig macht. Hub wenn es der: jüdischen Zeitschriften Italiens ernstlich darum zu thrrn ist, die Würde des Rabbinerstandes zu heben, wenn sie die Erörterung dieser Frage nicht mir dazu benutzen, um bei dieser Gelegenheit ihren persönlichen Gehässigkeiten Ausdruck zu geben, danr: sollten sie ans dein Falle vor: Turin lernen, daß zu den nothwendigen Eigenschaften eir:es Rabbiners gehören Pflicht bewußtsein, Neberzengnngst reue rrnd Charakterfestigkeit. - Bei dem Tode Jsaac Arto rus zeigte es sich wieder einmal in schönster Weise, daß die Gleichberechtigung der Inden in Jtalier: eine wirklich vollzogene. Thatsache ist, daß hier der Maru: rächt nach seinen: Bekenntnis; beurtheilt, sondern rrach seinem Verdienst geschätzt wird. Und die Verdienste Jsaac Artorns als Staatsmann und als Politiker sirrd ganz hervorragende, darum widmet ihm auch die Presse aller politischer: Parteier: Nachrufe, die voll sind der höchsten Anerkeurrung für die Leistungen des Verstorbenen, freilich ohrre auch mir zu erwähnen, daß derselbe Jnde war, eir: für Deutschland ganz unerhörter Fall. Ueber die diplomatische Laufbahn Artoms Haber: Sie bereits berichtet'; er hatte die schwierigsten Missionen zr: erfüllen, so rveilte er als Botschaftsrath ir: Paris, gerade als es sich darum handelte, Napoleor:s moralische rrnd rrraterietle Unterstützung für den Einigungskampf Italiens zr: gewinner:, so vertrat er Italien zweimal bei den wichtigen Friedensverhandlunger: ir: Wien mit der:: besten Erfolg. Arton: war frühzeitig von: Grafen Eavonr irrs Vertrauen gezogen und in seiner diplomatischen Schule herangebildet worden, darurr: war er wie Fein Anderer fähig, die bewährte Staatsknr:st des Kanzlers von Tr:rin zr: vertreten. Eines der größten historischen Verdierrste Artoms besteht auch in der Veröfferrtlichung der Reden des Grafen Eavonr, derer eine Strrdie über das Leben Cavours vorausschickt, die eir: Fachmann als das Beste arrerkanrrte, was über dieser: hervorragendsten Vorkämpfer der Einigung Italiens geschrieben wurde, und der neben seiner Uebersetzung und Besprechung vor: „Gneists Rechtsstaat" den Heimgegangenen Serrator unter die verdienstvollsten politischen Schriftsteller würdig einreiht. Arton: ist arrch Gesandter an den Hofer: vor: Karlsruhe rrnd Kopenhagen, später Generaldirektor in: Ministerium des Ans--

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