Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 9 (2.3.1900)
- Date
- 1900-03-02
- Page
- Seite 100 (sequence 6)
- Language
- German
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100 denn was kümmern die Guttmanns, Rothschilds, Petschegs 6 lntti (juanti das jüdische Volk, llnd was kümmern sich jene Millionäre um den tiefgeschlagenen anneu Mann in Israel. Vergessen aber unsere Allerweltsverbesserer, daß die Kohlenkönige auch unter dem hohen und allerhöchsten Adel zu suchen fiub? Sind die Wilczeks uub Larisch und Salm u. f. w. und höher auch gilben? Wieder zeigt sich hier, daß unsere Reichen uns nichts nützen, sondern nur schaden. Man gehe nach Mähren. Reiche, wohlhabende Gemeinden findet man hier vernichtet; wer etwas besitzt, wandert in die Hauptstädte, und zurückgeblieben sind die Armen uub Elenden, welche unter der Last eines schier unerträglichen Boykotts seufzen. Es fuxb wahrhaft traurige Zustände, welche man in den alten, ehrwürdigen Gemeinden findet. Was die jüngsten Verfolgungen in Mähren an Schaden angerichtet haben, ist nicht zu ermessen. Es ist ein Kampf ums Leben, im wahren Sinne des Wortes gesprochen, deu unsere armen Brüder führen, und die düsterste Schilderung wäre nicht im Stande, in genügender Weise dnrzustellen, welches Elend unter diesen herrscht. Es ist nur naturgemäß, daß der radikale Flügel unserer Allerjüngsten, welcher auf eine strenge, nationale Sonderling hinarbeitet, unter solchell Umstünden immer mehr an Terrain gelvinnt. Deirn die alte Führerschaft unserer Gemeinden, Rabbiner und Vorsteher, habell sich als schwach und untauglich erlvieseu. Desto mehr muß es befremden, daß gerade von dieser Seite oft Eillrichtilngen und Einführungell behindert lverdell, lvelche darauf gerichtet sind, die gesunden Ideen des Jlldenthullls unter beiu Volke zu verbreiten, die Jugelld zu unterrichten, Wissenschaft und Bildung des Judenthums, insbesondere unter dieser, zu verbreiten, kurz eine kräftige, zielbelvußte, ihren Werth erkennende Jndenschaft zu erziehen, um sie für den Kampf des Lebells zu stählen und fähig zu machen. Dies war die Absicht billiger ideal gesinrlter Männer, welche ill Mährens Hauptstadt eine „jüdische Lesehalle" begrülidell wollten, in Verbindung mit einer jüdischen Volksbibliothek. Was in rueleu Städten Deutschlallds schon besteht uild blühelld sich entwickelt, ein Verein zur Hebung jüdischen Wissens, das sollte auch hier erstehell, zu Nutz llnd Frommen der Jugend ililseres Volkes, zrrr Ehre rrnd zum Rnhine des Judellthums. Was thüte denll heute mehr Roth, als Hebung des jüdischen Selbstgefühls, lvas fehlte ulls lllehr als eine Einrichtullg, lvelche bezweckt, uilserell juilgell ßeiiten zu sagen, weßhalb die Judell, d. i. Kämpfer, sind? Und was geschah? Man hat den Idealismus wackerer Männer verdächtigt, lllan hat ihnell Streberthllln zuul Vorwurf gemacht, man hat ulit dem Gespellst des „Zionismus" jene geschreckt, die wahrlich dieser^Bewegung rlicht allgehörell, uub so wurde die schöne Einrichtlmg, lvelche das jüdische Leben, das bei ulls leider im lethargischen Schlafe liegt, hätte erwecken sollell, kaunl geboren, auch wieder ertödtet. -- Und doch lväre ein gewisser Zusammenschluß für ullser Judenthum voll ganz hervorragender Wichtigkeit. Belehrung Derer, denell es ihre Mittel nicht erlauben, sich Bildung für thellres Geld zu erkaufen, Schutz der schwer bedrüllgten, ill ihrem Bestallde bedrohten kleinen Geschäftsleute, gründliche Umgestaltung unserer Wohlfahrts- und Wohlthätigkeitseinrichtungen, sowie uilseres Gottesdienstes, dies lvären Anforderllllgell, lvelche eine gewisse Centralleitung des Judenthnms im Auge zu behalten und zu erfüllen hätte. Schutz vor allenl den Bedrängten und Verfolgten! Denn Ulan täusche sich nicht. Noch glimmt das Feuer des Hasses unter der Asche, ein schwacher Wind kann es zum verzehrendell Brailde anfachen. Man hat feine Idee davon, welcher schlecht verborgelle Haß auch ill ullserer bäuerlichen Bevölkerung gegen die Juden herrscht, und wie sehr diese unter dem Boykott zu leiben haben. So konnten blühende Genleillden gänzlich zu Grunde gehen; in der That auf den Friedhöfen findet lllan jetzt die Gemeinden, lvelche einstens so sehr zllr Ehre des Judenthums gereichten. Wir stehen hier vor eillem der schlvierigstell sozialell Probleme, welches in der Zukunft uns noch wird beschäftigen müssell. Was soll mit den Armeil unseres Volkes geschehen? Es lvird des wahren Mannesernstes und der energischen Thatkraft bedürfen, um diese schwierige Frage zur Lösllng zll bringen. Wir lvollell es rlicht leugnen, dllrch nellgegründete Zeitungell, und wenll sie sich auch noch so radikal gebärden, wird dies llicht geschehen. Es wird ill unserer Mitte viel gesprochell, viel geschrieberr, aber wenig getharl. Die Aufhebung des Zeitungsstempels, welche uns am Begillne des Säkulums zu Theil rvurde, bewirkte, daß lvir arrch mit neuen Zeitullgen beglückt wurden, lvelche meist der radikal-nationalen Richtung huldigell. Ullsere Allerjüllgsterl leistell hier in Disputationell urld Diskussiollen ganz erkleckliches; hier llnd da fällt auch ein Hieb ab gegen irgend eine millder gefällige Persönlichkeit; lvir fragen aber, wem wird mit all' dem Geschimpfe rmd Geschmähe gellützt? Glaubt vlarr wirklich, denl JudenthilNl zu helferr, welm man beu Leuten draußell zeigt, wie. sehr es innerlich zerklüftet ist, wenn mall dies offellbart, zum großell Gaildium ullserer Widersacher? Lassell wir endlich den inneren Zwist fahren, reiben wir uns llicht auf in kleinlichell Kämpfen, arbeiten wir denl immer mehr sich verbreitendeil Abfall entgegen, kräftigen wir ulls durch eilgell Zusammenschluß, und wir werden nufere Pflicht lllehr erfüllen, als durch leeres Gefasel über utopistische, doch ganz und gar llicht zu lösende Problenle. Der Reichsrath tritt wieder zusammen; eine neue Regierung hat sich ihm vorgestellt. Man erlvartet sich voll dieser ill Oesterreich Versöhnung der Nationalitäten. Möge der Friede, der null einkehren soll ill unser so schwer heimgesnchtes Reich, auch seine Strahlen senden über unser armes Judellthlllll. Die Großen werden ulls nicht helfen, durch sie haben wir Höchsterls zu leiden. Aber wenll wir unseren Gegllern ein Bild illneren Zwistes geben, dann werden wir lins mehr schadell, als diese es thull können. Lassen wir das uns Scheidende, lllld vereilligell wir uns im Angesichte der schweren Gefahren, die uns Ullldrohen. Eill Professor, welcher beu Muth besessen, die ganze llnselige Polnaer Affäre als das darzustellell, lvas sie ist, als ein Lügengewebe niedrigster Art, muß sich vor das Gericht stellell, um seine ullbeugsame Meinung zu vertheidigen. Sei uns dieser erfreuliche Lichtblick ixt dieser finsteren Zeit ein Fingerzeig für ullser Verhalten! Weg mit den gegellseitigen Verdächtigullgen ulld Beschimpfungen, da es gilt, Höheres zu vertheidigen. Kleinliches Gezänke schweige in dieser Zeit der Roth. Wie schön isbs, wenrl Brüder auch brüderlich llebeneillander wohnell und weilell. Der Andersgläubige vertritt die Wahrheit; lvas ist ihm Hekuba - Judenthunl und wir zanken untereinander, und verlieren beu Blick auf das Ganze! Raffen wir ulls doch endlich auf zur starken Hilfe und nicht minder starken Abwehr. Die Regierung,