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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-02 · Heft 9 (2.3.1900) · p. Seite 99

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 9 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
Seite 99 (sequence 5)
Language
German
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99 ihrer Tochter ausgesetzt haben, nachdem das Landgericht in Krakau folgende Bekanntmachung erlassen: „Am 27. Januar verschwand die 14 jährige Michalina Araten, hohen Wuchses, gut gebaut. entwickelt, rundes Gesicht, volles, dunkelblondes Haar, blaue Augen, sieht 16 jährig aus und weilte zuletzt im Kloster der Felieianerinuen in Krakau. Wem der Aufenthaltsort des verschwundenen Mädchens bekannt ist, möge denselben mittheilen"; nachdem endlich der Untersuchungsrichter im Felicianerinnen-Kloster das Verhör mit den Nonnen über den Verbleib des plötzlich verschwundenen Jndenmädchens Michalina Araten begonnen und auch in Tarnow und Lemberg Schritte eingeleitet^wurden, um den gegenwärtigen Aufenthaltsort des Mädchens auszuforschen, erhielt in dieser Woche die „Nene Freie Presse" von dem Kaufmann Israel Araten die Nachricht, daß sich das Mädchen im Kloster Lagiewniki bei Podgorze befindet. Die Gendarmerie habe aber erklärt, sie könne keine Mithilfe szum Zwecke der Auslieferung des Mädchens bieten, weil sie nur Befehl hat, dessen Aufenthaltsort auszuforschen. Der Vater befürchtet, daß sein Kind wieder in ein anderes Kloster gebracht wird. Da nun der Aufenthaltsort der Michalina Araten festgestellt ist, wird angenommen, daß von der Regierung au die Krakauer Behörden die Weisung ergehen wird, die Auslieferung des Mädchens all beu Vater unverzüglich durchzuführen. — Ans den: Verhalteil der österreichischen Behörden in diesein Falle formte man fast den Eindruck gewinnen, daß sie die Felicianerinnen in ihren: unerhörten und tiefe Betrübniß über eine Familie bringenden Beginnen nicht stören nlöchten, um Theil zu haben an bem wohlgefälligen Werk, ein Judenmädchen in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche geführt zu haben. Inn Uebrigen hat mm auch in der letzten Sitzung Abg. Dr. Byk eine Anfrage an den Minister Pientack gerichtet. Hierbei führte er aus, daß diese Klosterangelegenheit dem in jeder Religion und jedem bürgerlichen Gesetze tief wurzelnden Vaterrechte geradezu Hohn spreche. Jeder Schutz dllrch die nlaßgebendell Behörden erweise sich unzulänglich. Die Sache stehe nicht vereinzelt da, da viele unreife Mädchen in Klöstern zurückgehaltei: würden; so beherberge das Krakauer Felicianerillilenkloster jetzt 60 Mädchen. Den nachforschenden Vätern werde die Thüre gewiesen. Der Minister Pientak erwiderte, da die Michalina Araten noch nicht 14 Jahre alt sei, könne von einer Taufe keine Rede sein. Das Wiedersehen mit den Eltern sei an der Tochter gescheitert. Wegen der gewaltthätigen Zurückhaltung im Kloster werde die strafgerichtliche Untersuchung „mit Energie" geführt werden. Inzwischen wird aber aus Krakau eine neue Klostergeschichte gemeldet. Die 18jährige Jüdin Lea Jakob, Tochter eines Kaufmallnes in Wieliczka, ließ sich in dem jüngst so oft genannten Felicianerinnenkloster taufen, um einen christlichell Magistratsbeamten heirathen zu könnell. Als das Mädchen anl Donnerstag in einem Krakauer Möbelgeschäfte Einkäufe machte, wurde sie von ihren Familienmitgliedern überfallen, die sie mit Gelvalt in das elterliche Haus zurückbringen wollten. Es entstand ein arger Skandal; die Polizisten lnnringten den Laden, befreiten das Mädchen und verhafteten die Thäter. Rette Zllstände! * Am 17. d. M. sollte in Jassy der Prozeß gegen die ehrsamen rumänischenBürger lind Studenten stattfinden, welche an den vorjährigen aiitifemitifctjen Krawallen als Arrangeure und Führer betheiligt waren. Ans der umfangreichen Anklageschrift, welche dein Untersuchungsrichter Theodoriaun zur Ehre gereicht, weil in ihr ein in Rumänien ungewöhnlich frei» müthiger und unabhängiger Ton angeschlagen wird, sei Folgendes hervorgehobeu: „In Verlad hatte ein ans Studenten und Jonrnalisteli bestehendes Komitee eine antisemitische VersamnUnng einbernsen. Es betheiligten sich an derselben viele Einwohner der Vorstadt, der sogenannten Mahala, und einige Schüler des dortigen Ghinnasinnis unter der Führung gewisser Lehrer. Nach der Versammlulig wollten sich die Besucher derselbe»! unter Leitung des Komitees an den Fenstern und Läden der Indenhänser das Mnthcheu kühlen. Dieser Versuch prallte aber an der Böswilligkeit der Inden ab. Diese setzten sich nämlich zur Wehr. m»d die antiseinitische»» Radaubrüder reterirten in einem Zustande, »velcher z»var geeignet war. ihren Judenhaß zu steigern, sie aber nichtsdestoweniger belehrte, daß es derweile in Verlad mit den» „praktischen" Antisemitismus noch Zeit habe. Um sich an den Verlader- Inden zu rächen, organisirte dasselbe Kornitee etue Versammlung in Jassh. Ein Aufruf erschien, welcher die Jassyer Bürger anfforderte. sich in großer Zahl an» Versa»mnlnngsort einzusirlden. damit man »vürdig protestiren fönue gegen die frechen Inden, welche in der alten Rumä»»enstadt Verlad es gewagt haben, sich an friedlich »nanisestirenden christlichen Bürgern zu vergreifen. In» Ausruf wurden die Nnmäneu ersucht, ihre Häuser an» Versannnlungstage zu beflaggen, gewissermaßen als Zeichen, daß sie sich dein Proteste anschließen. Wie »na,» sofort in Jassy wußte, hatte dieses Ersuche»» de»» Zweck. die »»»»beflaggten jüdische»» Häuser ke»»ntlich zu »nacheu. Dennoch sa»»d sich kein Jude, der durch Ansziehnilg der Flagge es vers»»cht hätte, sich den» Schicksal seiner Connativnalen zu e»»tziehen. Die Versammlung war g»»t besucht. »n»d die „Bürger" hatten sich u»it K»»üppel»» »»nd Stei»»e»» versehe»». Mittlerweile hatte man aber den» Kvinitee die Nachricht hi»»terbracht. daß die jüdische»» Arbeiter in den Judenvierteln sich zrun Widerstande vorbereitete»». Eingede»»k der Verlader Prügel eilte»» die Kou»itee»llitglieder z»»r Polizei »»»»d erklärten, daß sie keine Verantwortung überneh»nei» für die Folge»» der VersanlUllung, sondern »in» Verstärkung der Wache ersuchen. Die Polizei beeilte sich damit »licht. u»»d »»»»»» erzählt die Anklageschrift, »vie die Manifestanten das unbewohnte Geschäftsviertel durchzogen, die Läden erbräche»» und ansraubten. allerdings auch da »»icht oh»»e Widersta»»d. Die jüdische»» Arbeiter hatte»» sich z»un Schlitze ihrer Familie»» kampfbereit gemacht die heldenhaften Antisemiten hüteten sich aber, den betreffenben Straßen (Rothe Brücke, Lange Brücke re.) a»»ch nur »iahe z»» kom»»»en." Da einige der Zeugen nact) Amerika ausgewandert sind, andererseits aber die Bertheidigung die Berufung des Polizeipräfekten, welcher mit Geld zi»r Organisation der Versammlung beigetragen hat, als Zellgen bealltragte, dazu noch für alle Fälle das in Rumänien bewährte Verschleppungsmittel der unvollständigen Prozedur bereit gehalten lvurde, ulußte das Gericht die Verhalldlullg leider vertagen. Brief aus Oesterreich. Februar 1900. Erster Reichsrath ist wieder zusammengetreten. Erfindet das Reich in keinem gesunden Zustande. Deutsche lind Tschecheu stud noch immer nicht „verständigt", und eilt unseliger Arbeiterausstand zehrt am Marke des Landes, indem die ohnehin sehr darniederliegende Industrie durch ihn zu einem förullichell VerzlveifllNlgskaulpfe gezlvungen wird. Natürlich schieben unsere Herren Autisenliteu die Schuld an dem wahrhaft schrecklich zu ueuriendell Kohlenarbeiterstreik, bei: „jüdischen Kohlenbarone!:" in die Schuhe und »um tjat lvieder ein Mittelchell, um das arme Volk zu Hetzen. Wir sind wahrlich die Allerletzten, welche die reichet: jüdische:: Kohlenbergwerksbesitzer in Schutz nehn:en möchten,

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