Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-03-02 · Heft 9 (2.3.1900) · p. Seite 98

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 9 (2.3.1900)
Date
1900-03-02
Page
Seite 98 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/3224737-3228365-3228375--56223-3292511
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

98 hält die hessische Regierung unsere Bevölkerung für so rückständig oder die Juden Hessens für so minderwerthig, daß hierorts dos. was allenthalben möglich, ausgeschlossen sein müsse. Wir prvtestiren gegen diese Herabsetzung, die unsere christlichere Mitbürger in gleicher Weise trifft wie uns. Für die Anerkennung unserer Gleichberechtigung seitens unserer Mitbürger können wir Zeugnisse aufweisen, die höher stehen, als die Meinungen der Vertreter der Regierung, die seit fünfzig Jahren sich allster Stalld erachteten, die versassungslnästige Gleichberechtigung zur Wahrheit zu machen. Ein Blick auf unser Land, ganz besonders auf Rheinhesseil. zeigt zur Gerlüge, dast seit mehr als süllszig Jahren die Bevölkerung Juden aller Aeinter und Würden für fähig erachtet, die sie 311 vergeben hat. Seit dem Jahre 1*48 hat ui alleil kommunalen und soilstigell Remtern, ill denen das eigene Vertrauen lind die eigeile Wahl zum Ausdruck konllnt, Hessens Bevölkerung nie einen Unterschied zwischen Inden lind Christell gemocht, und trotzdem hat Hessen nienlals einen jüdischell Richter gesehen mit Ausnahme von zahlreichen Handelsrichtern, die zu dieseur Ehrenamt durch die berufene Vertretung des Handelsstandes dein Grostherzog ill Vorschlag gebracht wurdell. Von de lll f e st e n V e r t r a ll e n geleitet, dast ü b er der seitherigell ln i ll i st e ri e l l en Praxis als Hüte rill 11 n b W ächterin d e r V e r f a s s u n g , a l s S ch ll tz der Minoritäten i ll d e il i h ll e ll g e w ä h r l e i st e t e ll R e ch t e n d i e S t ä n d e k a Nl m e r steht, lv e ll d e n lv i r H e s s e n j ü d i s ch e ll B e ke n ll tll i s s e s u ll s a ll ll ll s e r e V 0 l k s v e r t r e t n ll g. Wir siild ausgelvachsen in dem Glauben all Deutschlands Gröste lllld Gerechtigkeit, unsere Glaubensgenossen haben Blllt lllid Leben freildig eiligesetzt für des Reiches Einheit und Macht, überall steheil lvir ill der Vertretllllg vaterländischer Nlld sittlicher Interessen mit unseren christlichen Mitbürgeril ill Reih und Gleed. Wir fordern, d a st lv i r a ll f a ll d e r e il Gebiete il ll i ch t a l s ln i ll d e r e il R e ch t s b e h a ll de l t werde ll. Die seitherige Praris der Regierling, lvelche uns zllgleich gegerl die Juden austerhalb Hessens znrücksetzt, giebt der antisemitischen Agitation Nahrung llnd Rückhalt, sie bildet eine ständige Gefahr für das sittliche nnb vaterländische Empfinden des gesannnten hessischeil V olkes. W i r fordern n ll s e r Recht, das f n ll s z i g Ja h r e ll n g e r ech t er Z ll rü ckse tz ll n g n i ch t a ll fh e b e n f an 11 teil. Mögen unsere Lalldställde mit Entschiedenheit dafür eintreten, daß die Verfassllllg für. uns Iliden nicht tobtev Buchstabe bleibe, sondern zll lebendiger Anwendung gelange." Es ist leider kaum zu erwarten, dast bei der augenblicklichen Zusammensetzung der ziveiten Kammer in Hessen die obige Petitioll einen thatsäehlichen Erfolg haben wird. Gleichwohl haben unsere dortiger: Glaubensgenossen gut daran gethan, dast sie sie eingereicht haben. Es weht etwas von den: Geiste Gabriel Riesters in diesem Schriftstücke, der den deutschen Jrrderr zeitlebens den guten Rath gegeben hat, sich rricht zu verstecken, nicht zu schmollen und zu grollen, sondern offen mrd frei, märrnlich und entschiederr den Kampf für ihr gutes Recht als Deutsche ilnd als Staatsbürger selbst zu führeir Ein solches eonseguentes Vorgehen rrrust schließlich überall zun: ersehnter: Ziele führen. Nie Woche. Berlin, 28, Februar. c, Cfa m Re ichst.ag hat auch in dieser Woche wieder der Eentrurrrsabgeordnete Dr. Lingens sich der jüdischer: Soldaten arrgerromnren, inderu er einen ihm von Oberlehrer Dr. H. Lervy iit Mühlhausen rrahegelegten Wunsch vorbrachte, arrch für die Religionsüburrg der jüdischer: Soldaten größere Freiheit zu schaffen. Der Kriegsminister arrtwortete hierauf: „Was die jüdischen Soldaten anlangt, so wird auch deren Religionsbednrsttist keinerlei Widerstand entgegengesetzt. Es ist ausdrücklich angeordnet, dast dieselben an ihren Feiertagen nach Möglichkeit dienstfrei sein sollen. Allerdings sind die jüdischen Feiertage sehr zahlreich, so dast es bisweilen nicht angängig ist-, die Leute zu beurlauben." Hier scheint ein Mißverständniß vorznliegen, dessen Beseitigung im Jrrteresse der Sache liegt, zrrmal an der Bereitwilligkeit der Militärbehörden nach der loyalen Erklärmrg des Kriegsrninisters nicht zu zweifeln ist. Es karr:: sich nämlich auch im strerrg orthodoxer: Sinne nur nicht mehr als zehn oder elf Tage im Jahre handeln, an denen die jüdischen Soldaten für den Feiertagsgottesdienst zu beurlauben wären. $ Im Bund der Landwirthe grassirt jetzt, nach einen: authentischen Bericht über die letzte große Heerschau, „der antisemitische Geist so urkräftig, daß auch der schärfste Gegner des Judenthunls seine Helle Freude daran haben konnte. Weil die antisemitische Partei sich in einem Gährungsprozesse befindet imb man den Antisemitismus schon total vernichtet glaubte, während man mächtige Fürsten in goldenen Ketten geschlagen und ganze Staatsmaschillerien an den bekannten, nur helläugiger: Leute:: sichtbaren Fäden dirigiert, da erhebt diese „Schmach des Jahrhunderts", de: Antisemitismus, in diesen nwhlgefügten Bauernorganisationen frech ein Haupt." Daß der Bund der Landwirthe seine Agitationsmittel fast arrsschließlich der antisemitischen Rüstkammer entlehnt, wurde in einer späteren antisemitischen Versan:n:lu::g von dem jetzt i:n Dienste des Bundes der Landwirthe stehender: Agitator Kreutz mit einem gewissen Stolz hervorgehoben: „Ter Antisemitisnnls, rühmte er, breite sich dank feiner Agitation auch aus dem Lande ans; die letzte Bundesversammlung in: Fürsten- Hofe sei stark antisemitisch gewesen, und wenn die antisemitische Rede Dr. Oertels dort soviel Verständnist gefunden habe, so sei das nur der arrsklärenden Vorarbeit zu verdanken. Er habe drei Redner draußen die mit antisemitischer Milch gesäugt seien rn:d das ihrige thnn würden. Die antisemitische Berhetzung wird also vorn Bnrrde plan mäßig organisirt. £ Im hessisch e rr Landtage, der nach feierlicher Bersichernng infolge der Bittschrift der hessischer: Juden in nächster Zen zum Brennpunkt des antisemitischer: Jrrteresses in Deutschland werden dürfte, fand schon in dieser Woche ein kleines Vor vosteugefecht statt. Der Centrinnsabgeordnete v. Breutaru fühlte das Bedürsrriß, die scharfe Rede seines Kollegen Schmidt Mainz abzuschwächerr und sprach dabei den Wirnsch auf Erhaltung des religiösen Friedens „ans Grund Gleichberechtigung alle christlichen Konfessionen" aus. Darauf ergriff der Abgeordnet Ulrich das Wort, rrm auch für die Juden nr:d ihr Recht z: plaidiren. Er trat für die Gleichberechtigung aller Konfessionen ein und hoffte, der Minister werde „Toleranz" in der Praktischen Durchführung der Gleichberechtigung im Interesse jüdische Richter üben. Der arrtisemitische Abgeordnete Köhler dagegen sprach den: Ministeriunr die Sympathien der antisemitischer Bereirrigrrrrg für fein Verhalten in der Frage der Anstellung jüdischer Richter aus; eberrso dafür, daß es gegen das Juderr blatt („Frankfurter Zeitung") so energisch vorgegangen sei Marr darf rrrrnmehr ans die Harrptdebatte gespannt sein. * Die österreichische Mortarageschichte nimmt eine selt same Wendung. Nachdem am 22. v. Mts. mehrere Wiens- Geheimpolizisten in Krakau eintrafen, um r:ach der verschwundenen Michalina Araterr zu forschen und die Eltern eine Be lohnung von tausend Kronen als Preis für die Auffindung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.