Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1900)
- Date
- 1900-02-23
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Nr. 8. 'Ueil'crge Berlin. 23. Februar 1900. zur „Allgemeinen Zeitung des Judenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 1<>. Februar. Im Vereilt für jüdische Ges ch i cf) t e u n b Litte r a t u r hielt am 14. d. M. Herr Professor Dr. C. H. Cornill vor einem sehr zahlreichetl PliblikllNl einen Vortrag über das Bilch Hiob. In feinsinniger Weise setzte der gelehrte Redner den athemlos tauscheudell Zuhörern den Inhalt und die Bedeutung des Bltches Hiob auseinander, jene erhabelieu Theodicee, die er als eiiles der größten poetischen Kunstwerke der Weltlitteratur bezeichnete und in der die Gerechtigkeit der göttlichen Weltordnung für das religiöse Bewußtsein voll einem hohen ethischen Standpunkt ans vertheidigt wird. In ben Reden des Elihn erblickt der Vortragende nach der ethischetl Seite hin ein hohes Lied der Humanität, nach der poetischen Seite aber die glänzendste Partie des Werkes, das ihni als ein erhabenes Denkmal sittlich religiöser Weltallschanung erscheint, wie das Alterthnm kaum ein ähnliches aufzuweisen hat. Das Publikum bewies seine Dankbarkeit für den ihm gebotenen Hoheit geistigen Genuß anl Schllisse durch lebhafteil Beifall. S. Berlin, 19. Februar. In der Reihe der M o II tags v orte s ll n g e n glnl Bestell des Stipendiellsonds der Lehrallstalt für die Wissenschaft des Illdellthttllis sprach heute Herr Rabbiner Dr. Nie ger alls Potsdani über: „Das Judellthlllll an der Wende des Jahrhunderts." Ausgehend vorn Beginn desselbeil. an lvelchem allch ein Strahl der dllrch die sranzösische Revolution verkülidetell Hlnnauität ulld Toleranz aus das Iudeuthlllu gefallen' lvar unb ei ne übertriebene Alifklärmlg lind Schwärmerei zeitigte, schilderte der Redner, lvie bald nach ben Freiheitskriegen eine Reaktion eilltrat. Die Illdeil lunvben lvieder die Parias der Gesellschaft, lind die Killder der Ansgeklärteu fühlten llicht die Kraft, ihrer Religion lvegen zu dlllden oder zll kämpfen n 11b warfen die Bürde des Glaubens voll sich. Mail sah die Rothwendigteit eill, das Iudeuthlllu zll belebeil itnb zu kräftigen, aber alle Mittel erlvieseil sich als llnzlireichelld. Erst Abraham Geiger trat mit erquickendem Freimuth aus nnb lvies ben Weg, den das Iudenthum sortall zll lvandelll hätte. Mit glüheilder Begeisteruilg predigte er die Fortbildung des Judenthums itnb feine Reform. Er begrülldete die Hochschule sür die Wissellschast des Illdellthums, die Heittlstätte der freien Forschung, eine leuchteilde Hochburg der ZllklUlft des Illdellthllms. Der allregende Vortrag muspanllte noch die beiden feinbtieften Strölllullgen, den Jlldifferentisnlus mtb Alltisenlitislllns, lllld schloß lllit einem warmen lind eiildrlicksvollell Appell, das jüdische Selbstbewußtsein zu stärken lind dllrch lveitere unermüdliche Fvrschullgen die hohe ethische Bedeutung des Judenthums klar zu legen. Der Vortrag fand lebhafteil, lvohlverdieuten Beifall. 22 Berlin, 18. Februar. Das Berliner Gelb buch, das statistische Jahrbuch der Stadt Berlin für 1897 ist, lvie bereits kllrz gemeldet, foeften erschienen. Es ist dem Senior der Berliner Statistik, Dr. Sal om oll Nell manu, gewidmet luld lvir fontmeu noch ausführlich daraus zlirück. Die Uranfänge der mobevnen BerUlter Kommunalstatistik reichen in das Jahr 1859 zurück, als Dr. Neumaun Stadtverordneter lvlirde, und nun alsbald darall ging, neue Grundsätze für die Berliller Nolkszählllugetl zll schaffeil, die damals sehr im Argen lagen. Er ist der Schöpfer des eftvenamtticfteu Zählerstabes, der noch jetzt alle fünf Jahre am 1. Dezenlber in Thätigkeit steht, er schuf die Aemter der Revierdepntirten, Distriktskommissare und Zählungsrevisoren Mld Zähler. Damals lvlirde es 311m ersten Male möglich, aus den Zähllnlgslisten, die zlnlächst llur die Grundlage der staatlicheil statistischen Tabellen bildeterl, konllllullalstatistische Werthe zu gewinnen. Es ist daher nur eine Dankesschuld, welche der Chef unseres Statistischen Amts, Geheimrath Böckh, seinem langjährigen Mitarbeiter abträgt, wenn er ihm zum 80. Geburtstage das vorliegeude Getbbllch unter ausführlicher Würdigllng aller Verdienste des greisen Stadtverordlleteil lvidmet. *..LL'.11" UJL'! Berlin, im Febrtlar. Dac'Kollliteesür E ft a u it f a ft b e f ch eeru w g stattet den Spendern, lvelche bemfelben wiederum die Mittel gelvährtel,,! zll Ehanllkah arnlen Konlmulialschülern die nothlvelldigstell Kleidungsstücke illld Lehrmittel zll bescheerei», feinen Dank nnt) zugleich Beruht! über die Thätigkeit ab. Es gillgen ein in baar 15978,75 Mk.. gegeil 16217,80 M. im Vorjahre; außerdem lverthvolle Tertilstoffe, KleidlNlgs-! stücke, Spielzellg itnb all de re Gegenstände. Es wurdeil verausgabt! 16 809,07 Mk., gegen 18015,04 Mk. im Vorjahr: es ergab sich deulliach * ein Minus von 880,8*2 Mk., der dem Reservefonds entnommen werden i mußte. Diese Mehrallsgabe cntftanb durch die Ausbesserung des! Schllhzeugs im Lause des Jahres. 549 Familien mit 1150 Kindern : erbaten die Unterstützung. Davon dursten lvir trotz strellgster Nachforschung unr l0 Killder abweisen. Für die übrigeil 1140 Killder lunvben dlirchschilittlich je 14,75 Mk. verlvelldet. Für biefen Betrag erhielt säst jedes Killd Kleidiilig, Stiefel unb Wäsche nach Maas; gefertigt. QD Kolmnr i. P., 18. Februar. Am Dienstag fand hier unter zahlreicher Betheilignug von jüdischer Seite unter Theiluahme der Rachbargemeindcn, mld voll llichtjüdischer Seite llllter Theilliahlne des Landraths, der Behörden der Stadt und des : Kreises Kalmar it. f. lv., die feierliche Beisetzung des ehemaligen Gemeilldevorstehers, derzeitigeil Stadtverordneten Vorstehers. Kreisansschußlnitgliedes, Vorstehers des Ehewra Kadiscba. I a c o b Rot h m a n ll, statt, der 11oeft am 12. Dezember seine goldene Hochzeit gefeiert nnb ein Greisenalter von 79 Jahren erreicht hatte. Der Verstorbene war, : lvie die Betheilignug all seinem Leichellbegällglliß belveist, ebenso lvie die ihm im Leben gelvordeuen Auszeichnungen, nach beuen er keiltes- Wegs gestrebt hatte, eill Mann voll edelsteln Eharatter, voll lauterster; GesiilllUllg. Settelle Milde, rvahre Religiosität, ernste Arbeit unb | Unernlüdlichkeit bis zllln Tode im Dienst der Stadt, der Gemeillde,! der Armen und Bedrällgten. der Verlvittlveten und Verwaisten — das! lvareli die Keiulzeichell seilles Seins. Solche Art sichert ihm dankbares j Gedenkeil über ben Tod hinaus in den lueitefteu Kreisen. Mit wohl-! thätigen Stiftnngell hatte er schon 311 Lebzeiten die Gemeinde lllld die! Stadt allfs Reichste lllld Edelsillnigste bedacht.! M. Schneidemühl, 15. Februar. Eille jüdische ge ist es-! kranke Fr all, wurde, lvie lvir s. Zt. berichteten, ans dem hiesigeil! Bahnhose angehalten, nachdem sie den Versuch gemacht hatte, sich das Lebeil 31t nehmen. Diese Frau, lvelche zuerst in das hiesige Krankenhaus, später aber uaeft der Irrenanstalt Dzielanka überführt wurde, führte allch l,och zlvei Mädchen im Alter von sechs bis acht Jahren bei sich, die im Wege der öffen11 ieften Armenpflege bet einer hiesigen jüdischen Frau nntergebracht lvurden, mld sich noch jetzt dort befindeil. Alle drei Personell, welche lllit Fahrkartell vierter Klasse von Berlin! nach Prostkeu versehen lvaren, Verlveigerteil über ihre Herkllllst. lvie! über ihre Namen jede Auskunft, ein stereotypes „Ich lveiß llichtlvar das eillzige, lvas die inquiviveuben Beanttell ans dell Persotlen herausbekonuuen fonnteu. Jetzt etldtich, nachdem die drei Personell über drei Monate als namenlos voll ben Behörden geführt sind, scheint dllrch die in den Zeitungen veröffentlichten Artikel Licht in das Dunkel gekonlmeil zu seilt. Alls eitlem alls Amerika unb einem aus Prostkeu hier eiuqeUiitfeneu Briefe, geht hervor, daß die drei Persollen mit einer gewissen Sclunke Wischnak unb deren Töchtern Reiset unb Dlvorze (Dwora) aus Prostkeu, einem Torse im Kreise Lhck. identisch silld. Früher hatten die beibeu Mädchetl sogar behauptet, daß die geisteskranke Frau gar llicht ihre Mutter sei. Vielleicht lvird nun über diesen eigettartigell Fall bald völlige Klarheit geschaffen mevben können. — Bei den hier stattgesulldeneu Vorstandswahleu für den Vaterlündischetl Frauen-Verein lvurde Frau Bankier Berliner mit 62 von 90 Stilnmell wiedergewählt. Frati Berliller gehört bereits achtzehn Jahre dent Borstailde au, und hat sich ivährend dieser Zeit unt die Hebllug des Bereills sehr verdieilt gelnacht. rr. Chemnitz, 7. Februar. Heute Abend 8» 2 Uhr, hielt der > S y n a g 0 ge u- E h 0 r-Ver e i il seine zweite ordentliche 93evfanimtiiuq