Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 64 (1900)
- Issue
- Heft 8 (23.2.1900)
- Date
- 1900-02-23
- Page
- Seite 96 (sequence 14)
- Language
- German
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gehörige einer jüdischen Korporation in den Angen der christlichen Kommililouen immer mir der jüdische Student bleibt und als Vertreter von Sonderinteressen augesehen wird. Es ist mir allerdings räthselhast, »vie es sich mit dem jüdische»» Selbstbewußtsein verträgt, sich über eine stärkere Betonliug unserer Zugehörigkeit zum Iudenthmn seitens unserer Gegner 31t beschweren. Ist der Student, wie der Verfasser meint, in jüdisch-religiösem Sinne erzogen, so »nutz ihm seine Religion so hoch stehen, daß ein besonderer Hinweis auf dieselbe sür ihn nichts Verletzendes haben kann. Würde es ein religiös gesinnter Christ als Vorwurf empfinden, wenn ih»n gesagt würde, er sei in erster Linie Christ »md in zweiter Linie erst Deutscher? Zum mindesten wird ihn» beides gleich theuer sein. Der Jude, der da »veiß. »vas seine Väter 11m des Namens „Jude" lvillen gelitten haben, der an die herrlichen Beispiele heldemnüthigster Aufopferung für die Sache des Judeuthums denkt, »vird auf seine jüdische Abstammung stolz sein und sie nickt in übergroßer Aengstlichkeit in de»» Hintergrund z»l drängen suchen. Zu der Behauptung, daß die Angehörigen jüdischer Korporationen sich einer „offenkundige»» Separation" schuldig machen, ka»m mau nur durch rin starkes Minus von Logik gelange»». Scho»» in einer Zeit, »vo »»och die Mehrzahl der jüdische»» Studenten ihr »vahres Seelenheil nur im Verkehr mit ehr ist liehen Kreisen erblickte u»»d an guter deutschnationaler Gesinnung die arische»» Kommilitonen »vomöglich übertr»»»npfte, »vo »»och keine Sp»»r vo»» einem jüdischen Verein Vorhände»» »var, begaiu» man in ih»»en nur die jüdischen Studente»» zu sehe»» »md verschloß ih»»e»» atlmälig die allgemeinen st»»de»»tische»» Korporatione»». We»»n n»»u eine Anzahl von jüdische»» Studellten, d»»rch das gehässige Verhalte»» dieser autisernitischen Vereine emporgerüttelt, das Buhle»» »»»»» sre»»»de G»l»»st a»»fgab u»»d sich zu eigenenKorporativ»»en zusamme»»schloß. »vie kann der Herr Kommilitone daun den Vorrvlirs der Separation gegen diese jüdischen St»»de»»ten erheben, die sich »»icht selber separirte»». soirder»» die separirt wurde»», deren Handlungslveise schon durch das Ehrgefühl geböte»» und zur erfolgreichen Bekänlpfuug ai»tise»nitischer Uebergriffe uothlveudig »var! Das »väre ja ebenso, »nie tue»»»» mir Jemand eine»» Aorwnrf daraus machen »vollte. daß ich mich einer Person fern halte, die mir in unzweideutiger Weise zu verstehen gegeben hat. daß sie a»»s Neracht»n»g gegen »»»ich de»» Verkehr mit mir »»icht wünsche. Es liegt somit dieser Behauptu»»g eine Verwechselung von Ursache »md Wirk»»»»g zu Gr»»»»de. We»»»» der Herr Verfasser den Vorschlag »»»acht, »»»»seren antisemitische»» Kollegen d»»rch Belehru»»g die Ueberzeng»»»»g von »inserer g»»ten deutsche»» Gesi»»»»»»ng beiznbringe»», so »veiß ich nicht, ob ich mehr die Selbsta»ifopferu»»g belvuuder»» soll, mit der er sich dieser verlorene»» Liebes»nühe »»»»terziehe»» »vitl, oder die Vertraue»»sseligkeit. die da meint, auf diese»»» Wege einen eingefleischten Rassenhaß bei Le»»tei» beseitige»» zu können, die schoi» a»»f dem G»)lnnasill»n recht gut Gelegenheit hatte»» zi» sehe»», daß der jüdische Schüler »»» der Ken»»tl»iß der de»»tschen Litterat»»r »tut» Geschichte it)»»c»i »»icht »»achstehe. Gebe»» »vir es ganz r»»hig a»»f, von autlseniitischer Seite Beifall z»» erlangen, i»»»d thne»» »vir das. »vas »vir für Recht halte»». Wenn »vir ein frenndschastliches Verhält»»iß n»it den christlichen Stlidente»» a»»zubahi»e»l suchen, so »verdeu wir von ihl»en der Anfdringlichkeit bezichtigt, zeigen wir ih»»e»». daß »vir a»»ch oh»»e sie st»»de»»tische Geselligkeit pflegen können, so trifft n»»s der Vorwurf de» Separation. Der Weg. der uns von dem „Deutschen Studenten jüdischen Glo»»beus" ernpfohlen »vird. dürfte eher zu einer Verminderm»g des Selbstgefühls führe»» als zn einer Stärknug desselbc»». We»»n eine Minvrität vo»» einer Vtajorität als »ninderwerthig betrachtet »vird. m»d von ihr Gehässigkeit alter Art erfährt. ni»d sie trotzden» immer »nieder Annäherungsversuche an die Majorität »nacht, so »vird sie sich mit Recht gründliche Verachtung znziehen. 'Nur roer sieh selbst achtet, kam» auch Anspruch a»»f Ael»t»»»»g bei A»»dere»» erheben. Der Umstand, daß siel» nun durch die Fmkenschast Gelegenheit bietet, de»» ersehnten A»»schtnß an die christliche Stude»itenschaft z»» erreichen, entlockt meinem Herr»» Kommilitonen einen Jllbelrnf. Der Nilklmdige könnte nun allerdings gtanben. daß ein besserer Geist in die Studentenschaft einziehe. Stcl»t den» schoi» die Dhatsache e»»tgegen, daß ein großer Theit der Berliner Fmkeilschost aus Juden besteht. nitd daß die Stärke der Finkcufchaft überhaupt im Verhältniß zn der^großen .Zahl der Berliner Studenten ci»»e recht geri»»ge »st, so »vird man noch nachdenklicher gestimmt, mein» mm» hört, daß einer der Kandidaten der Finkenschast für die Lesehallenwahleil deslvegei» feine Krnldidatur anfgeben untfete, weil er sich offen zu autiseuritischen Idee»» bekan»»t hatte. »n»d daß vo»» der Leipziger Fillkeuschaft ei»» Zusammeugehen mit der Berliner Fi»»kenschaft abgeleh»»t wurde, »veil die letztere zu viel jüdische Elemente besitze. Man »vird also auch über diese Jnstitntioi» etwas pessin»istisch denken und die große Frende als etwas verfrüht betrachten müssen. Ich muß aber a»»ch den Fall annehme»», daß »»»»sere jndenfeindliche»» Kommilitonen das Kriegsbeil begrabe»» und »nieder die So»u»e ihrer G»»ade ans uns ar»»»en Juden herabscheinen lassen, u»»d behaupte, daß auch dau»» die jüdische»» Vereine ihre volle Existenzberechtigung haben. Weit gefährlicher als der äußere Feind finb für den Bestand des Judenthums die inneren Fei»»de. mögen sie Ta»»fgelüste habe»» oder nur einen gänzlichen Jndifferentismns zur Schau tragen. Jeder, den» nun die Erhalt»»»»g des Jndenthnms am Herzen liegt, wird daher eine zielbewußte Arbeit zum Zwecke der innerlichen Erstarkung und Ges»u»d»»ng des Jndenthuins für ebenso nothwendig halte»» wie die Abwehr »»ach außer». »n»d er »vird zllgebcu, daß ei»» »vahres Selbstbelvußtsei»» ohne eine rege Beschästigrmg mit der jüdische»» Geschichte m»d Litteratnr, ohne die Pflege des jüdischen Geistes undenkbar ist. Diese Bestreb»»nge»» in der jüdischen St»»dentenschast z»» fördern, die zum größten Theil eine erschrecke»»de Nnkenntniß in alle»» jüdischen Dingen besitzt, ist Aufgabe u»»d Pflicht der jüdischen Korporationen, und daher ist es tief z»» bedauern, daß die Verbindungen des diese»» wichtigen Punkt als »lebensächlich bei Seite schieben. Mir selbst sind Fälle bekannt, in denen junge Studenten, benen das Iudenthmn infolge ihrer Erziehung etlvas ganz Unbekanntes »var. durch die Zugehörigkeit z»» einem jüdischen Bereit» mit Begeister»»»»g »u»d Liebe z»»r jüdischen Sache erfüllt wurden. Wer den Geilt dieser Vereine ken»»t. der »veiß. daß tu diese Gefühle sich nicht eine Spur von chauvinistischer Feindseligkeit gegen Andersgläubige mischt. Unsere Zeit brancht Männer, die durch »md d»irch Inden »md stets bereit si»»d. ihre ganze Kraft für die Gemeinfchast einznsetzen; Männer, die es »»icht als Vorwurf empfinden, als Juden betrachtet z»r werde»», so»»der»» dar»»» eine Mahn»»ng erblicke»», sich mit Stolz »md Freude der ruhinreichen Geschichte »»»»seres Volkes z»» erinnern. Möge»» zun» Heile des J»lde»»thums solche Männer zahlreich aus unserer Stlldentenschast hervorgehen. »l»»d in diesen» Sinne wünsche ich im Gegensätze zu den „deutschen St»»de»»te»» jüdischen Glanbe»»s" eine kräftige Weiterent»vickl»mg »vahrhaft jüdischer Gesinnung unter der akademischen Jugend. Hochachtungsvoll Nt a r B e f s e r. cand. med. Geehrter Herr Redakteur! /^.estatten Sie mir z»» dem Artikel der Frau Philippson-Seesen in» Sprechsaal Nr. 0 e»»»ige Bemerkungen. Wen»» Frau Philippson behauptet, daß jüdische Dienstmädchen höchst selten sind, so kann das vielleicht in Rorddentschland seineRichtigkeit haben. Anders liegen dieVerhältnisse jedoch in Süddentschland. »vo die jüdische Bevölkerung dichter als im Norden ist. Mag Frau Philippson tu Frankfurt a. M.. Fürth, München. Würzlmrg »md dergt. Städten Nachfrage halten, sie winde staunen, »vie viele jüdische Mädche»» sich ihre»» Uttterhalt durch Diene»» errverben. 15 jüdische junge Mädchen aus hiesiger, alte ca. 20 Familie»» bettehellde»» Gemeinde befinde»» sich aus»värts als Dienstmädchen »md Köchinnen. Ich fanit Frau Philippso»» Adressen vo»» Mädche»», resp. voi» jetzt verheiratheter Frau angeben, welche für zehnjährige treue Tie»»ste bei ei »»er Herrschaft vo»»» Magistrat z»» Frankfurt a. Nt. Prä»uien erhalten haben. Ich stelle Fra»» Philippson auch gern ein Ehrendiplom z»»r Einsichtuahlne. zur Verfügung, »velches ein jüdisches Mädche»» sür jährige treue Die»»stzeit vom Centralkomitee des la»»d»virthschaftlichen Vereins in Baperi» erhalten hat. Mag Frau Philippson in Gege»»den 11tit »veniger bemittelter jüdischer Bevölkerung Umschau halten, sie »vird auch jüdische Lohillväscherinne»» antreffen. obgleich da nur wenige Familien sich dcn Luxus einer solchen gestalten fön neu, die meisten jüdische»» Franc»» dagegen ihre Wäsche höchst eigenhändig waschen müssen. Ergebenst W. K. in A. Druck und Verlag vor» Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.