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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1900-02-23 · Heft 8 (23.2.1900) · p. Seite 94

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
64 (1900)
Issue
Heft 8 (23.2.1900)
Date
1900-02-23
Page
Seite 94 (sequence 12)
Language
German
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94 Gabel verzichtend. Dies Brod wurde verschlnngelt, die Heringe mit sammt der Hallt und den Eingeweide«, ben Köpfen und Schwänzen vertilgt, dann wurden nach die Skelette benagt, so das; kein Rest von dem Gelage zeugte. Alsdaltn kam der Thee an die Reihe llnd die unterbrochene Diskllssion wurde lvieder ausgenommen. Dezember Ls« . Auch ich befand lnich unter der kleinen Schaar, lvelche unserem verstorbenen Kollegen Raphtali zur letzten Ruhe das Geleite gab. Ich ftanb beim Grabe, bis der Hügel anfgeschichtet war. Fast ein jeder der anwesenden Kollegell hielt dein Verstorbenen einen NRchrnf. Glühend heis; sprühteil die Reden voll den Lippen — trotz der eisigen Kalte, die draußen herrschte und vielleicht allch die Herzen erfüllte. Es lvar wohl das erste Mal, daß mall in Gegenwart meines verstorbenen Freundes eine Menge tönender Phrasen aii^Cvanieii durfte, ohne das; er seine Allsichten Zllm Ausdruck brachte. Er schwieg. Die junge j Wittlve, die beim Grabe stalld, war so stlnum wie ihr todter Gatte, aber allch ihr Allssehen war nicht viel besser als das seinige. Die Geschichte dieser Ehe ist ebenso einfach lvie ergreifelld. Mein verstorbener Frenild kannte seine nachmalige Frau, seit er das Elend famite, mit dem Elend aber war er seit seiner frühesten Killdheit vertrant. Er war hierher gekommen, um sich eine gründlichere lvissenschaftliche Ausbildung zu holen, die er dalln 311111 bestell Nlitzerl seiner arlllen Brüder in der Hennath verlvellden zll können hoffte. Seilie Gattin folgte ihm in die Fremde, um ihln > daselbst eine Stütze 31t bieten und auch den Kreis ihrer Kenntnisse 311 erweitern. Er ergab sich denl Stndillln mit grvszenl Eifer, und war auch hier nub da litterarisch thätig, lvährelld sie voll dem Ertrag ihrer Naharbeit die Bedürfllisse! der Haushaltung — allch drei Killder waren da - bestritt. Doch reichten ihre Einküllfte nicht aus, um sie vor harteil Entbehrungen 31t sehützell, obgleich sie Virtuosen iin Entbehrell lvaren. Oftmals faszte er beu Elltschluß die Stildien anfzllgebeil, um iii der Heimath eine Killderschule 311 eröffnen, nub die sehlvere Last von den schlvacheu Schultern seiner Frau zll nehmen. Er sah, das; die mühselige lmd schlecht belohnte Arbeit die Lebenskraft seilles Weibes, das er mit aller Glnth eiller ersten Liebe liebte, arlfzehrte, nub konnte keine rechte Freude aur StndilUll fillden. Doch sie lvidersetzte sich mit unbeugsamer Hartnäckigkeit diesen [einen Plänen. Es war ihr Ehrgeiz, das; der geliebte Gatte nicht auf halbem Wege stehen bleibe. Sie verbarg sorgfältig vor ihlll die Krankheit, die all ihr llagte, nub allch er lies; niemals ihr gegenüber eine Klage lallt lverdell über das Hillschlvinden feiner Kräfte, lvelche lvie eine niederbrerlnende Lampe vergingen. Sie spielten Bersteckens lllit eillallder. Er gab sich alle Blühe, seine litterarischell Arbeiten zll verlvertheil, darllit sie ihre N'äharbeit verrillgerll konllte. Aber alles was er schrieb, schrieb er mit großer Ueberlegllng und großelll Erllst, daher lvar seill Lohn ällßerst gerillgsügig. Sie ihrerseits arbeitete, so viel sie kouilte, um ihn zu schonen, da sie lllerkte, daß das Schreibell bei Nacht llach den Anstrellgullgell des Tages ihn um fein Leben brachte. Doch lvas kümmerten sich die vielen Kolleginnen, für die sie arbeitete, lllll ihre Angelegenheiten? Sie beuteten sie redlich ans, so gilt sie konlltell. So strebtell sie beide lvetteiferild vorlvärts, rastlos, llnallfhörlich, und blickten sehnsüchtig bein Tage entgegen, da er feine Studien vollendet haben nub sie die Früchte ihrer Muhen mit Ruhe ernten würden. Eie erlvartetell die Feit, da ihre Killder nicht «lehr HlUlger leiben müßten. In ihrer kleinen, dürftigell Häuslichkeit herrschte eine Atmosphäre reinen und trauten Friedens. Wußtell sie ja Beide, weshalb uitb wofür sie die Qualen der Elltbehrllllg auf sich genommen- Sie hatten stets ihr Ziel vor Augen. Alll Ende des laufenden Semesters sollte er sein Doktorexamen bestehen. Seine Dissertatioil hatte bei beu Professoren vielen Beifall geslllldell. Noch sehe ich ihn vor mir, wie seill mageres mld abgehärmtes Gesicht voll edler Freude erstrahlte, als er, sonst so schlveigsaln nub von keuscher Zurückhaltung, mir erzählte, das; ihll die Professorell lllit außerordeiltlichell Lobessprüchen überhäuften, wegen seilles grülidlicherl und vielseitigen Wissens, seilles Scharfsinlls, seilles uinfaffeitben ltiib tiefen Blickes .... Nur noch eine Weile, nur noch ein Schritt, lllld sie lvaren alll Ziel. Scholl tallchte der Hafell vor ihlleil auf, delll sie mit denl Aufgebot all ihrer schwachell Kräfte seit Jahren entgegenstenerten. In beu letzten Aionaten arbeitete er lllit übermenschlicher Anstrellgrlng, ohlle zu ahnen, das; das Oel seilles Lebens, seine Nervenkraft, bereits verzehrt war. Der eisige Obern des Todes hatte ihn angeweht, lllld er fühlte es nicht . . . Er sah llnr den Hafell feiner Sehnsucht, scholl streckte er die Arnle alls, da überraschte ihn der Tod lllit feiner eisernen Umklammerung. Doch neill. Der Tod überraschte ihn llicht, — er lauerte ihlll ails allen Winkeln auf. Seill Schicksal lag in den Bedingungen seines Daseills. Jetzt blieb die Wittwe mit ihren drei Waisen zurück, eiuenl gestralldetell Schiffe vergleichbar, lvelches dern Nlltergange geweiht ist. . . . Alles lvar also vergebens . . . vergebens all die Opfer . . . ben Hafen haben sie llicht erreicht. Nun vernimlllt sie auch schon die Tritte des herannahenden Todes. Was soll dalln alls beu kleinen Waisen werden? All die Kollegen lllld Kollegillnen, die stets so hohe Worte im Munde führen, deren Lipperl von delll Lob des Verstorbellell überströnltell, als sie ihn; ihre Trallerreden ins Grab nachsandten, - lverdell all diese Weltverbesserer mm den verlassenen Wesen Zll Hilfe eilen Das glaube ich nicht. Ihre ganze Kraft ist die Rede, ihr Heldenthmll das ktillgende Wort . . , ' ls. Dezember 1S9. . . Unser Kollege Edelstein, ein Sohn reicher Elterll, erhält lllvllattich eille beträchtliche Snllline von Hans, und gleichwohl hat er stets mit fürchterlichen Entbehrungen zll källlpfell. Sobald er nämlich das Geld in Händen hat, vertheilt er es ill kteillell Darlehen all Bekallnte lllld Uubefanute ohne Wahl. Natürlich beuft er llicht daran, jemals diese Darlehen znrück- Zllsorderll. Im Willter trägt er stets Sonllnerkleider lllld im Somnler eilte« alten verschlissenen Winterrock. Er ist imftaube, seilte letztes Hentd Herzugebell, wenn er einen Dürftigen sieht. Er beköstigt auf seilte Rechnlntg eine große Anzahl voll Kollegen in der Restauration, lvährend er selber öfters das trockene Brod entbehrt. Diese extreme Gutherzigkeit hat etlvas Blindes an sich, ist ziel- und zwecklos, verfehlt häufig das Richtige, kommt meist da, wo sie entbehrlich, oder gar überflüssig ist, und versagt ost, wo sie am Platze wäre. Zudem hält sie gewöhnlich nicht lange vor und Verlvandett sich am Ende in ihr Gegentheil. Es ist eine gar nicht seltene Erscheinnug, das; ein junger Mann, der von Natur edelmüthig nub gurherzig veranlagt ist, sich mit der Zeit in einen Egoisten von gemüthloser Selbstsucht verlvandett. Diese übertriebene Freigebigkeit hat nichts Erhebendes an sich und veredelt lveder beu

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